Lars Braun

Modeexperte Lars Braun "Die Krawatte hat ausgedient"

Stand: 05.10.2020, 06:35 Uhr

Die Corona-Krise hat auch tiefgreifende Folgen für die Modewelt. Kleidungsstile und Interessen ändern sich. Worauf jetzt Wert gelegt wird und welchen Kleidungsstücken Corona an den Kragen geht, erklärt uns Lars Braun, Herrenmodeanbieter im Luxussegment in Hamburg.

boerse.ARD.de: Herr Braun, die Corona-Krise hat viele Bereiche unseres Lebens lahmgelegt. Ausgehanlässe gibt es nur noch sehr eingeschränkt. Auch das Arbeiten zuhause hat sich längst etabliert. Welche Folgen hat es für die Mode, wenn sich Menschen nicht mehr schick machen müssen?

Lars Braun: Es gibt seit einiger Zeit einen großen Trend zu legerer Kleidung sowohl im Freizeit- als auch im Berufsleben. Der Bedarf an formeller Kleidung schrumpft stetig. Vor allem Corona hat diese Entwicklung noch einmal beschleunigt. Im März führte das Schließen zahlreicher Kultur- und Freizeitangebote dazu, dass Menschen keinen Anlass mehr hatten, auszugehen und sich schick zu machen. Auch das Home Office führt dazu, dass Menschen es derzeit lieber bequem und gemütlich haben.

boerse.ARD.de: Sie als Inhaber von Modegeschäften können aus eigenen Erfahrungen beurteilen, welche Kleidungsstücke jetzt bevorzugt werden. Welche Produkte werden hingegen seltener gekauft?

Braun: Die Interessen meiner Kunden zeigen mir ganz klar: Die Krawatte hat ausgedient. Ich verkaufe dieses Produkt nur noch sehr selten. Selbst wenn ich in modeaffinen Großstädten wie Hamburg oder Mailand unterwegs bin, sehe ich kaum noch Herren, die eine Krawatte tragen. Genauso scheint der Anzugsschuh immer weiter an Beliebtheit zu verlieren, wohingegen der Sneaker derzeit eine Hochphase erlebt. Der Sneaker gilt längst als legere und bequeme, aber dennoch wertige Alternative zum Anzugsschuh. Er ist schlicht und kann vielseitig getragen werden. Sogar im Büro. Auch der Stil der Hosen ändert sich derzeit dahingehend, dass die Passform weiter und lockerer wird. Der Fokus der Kunden liegt derzeit vor allem auf der Bequemlichkeit.

boerse.ARD.de: Marken von Büro- und Abendkleidung hatten es im vergangenen halben Jahr besonders schwer. Die Umsätze von Modeherstellern wie Hugo Boss oder Strenesse sind dramatisch eingebrochen. Einige Labels mussten sogar komplett aufgeben. Werden Klamotten wie die Krawatte oder der Anzug ein Comeback erleben?

Braun: Die Menschen werden immer Freude daran behalten, schöne Kleidung zu tragen. Auch Anlässe dafür wird es nach Corona wieder geben. Ich bin der Meinung, dass ein schicker, moderner Anzug wieder seine Daseinsberechtigung haben wird. Er macht viel her, lässt seinen Träger immer seriös erscheinen und ist auf traditionellen Anlässen wie Hochzeiten und Konfirmationen nicht wegzudenken. Die Krawatte hingegen wird lieber ersetzt als getragen. Eine Alternative ist zum Beispiel der Rollkragen.

boerse.ARD.de: Eine Studie des Datenanalyse-Unternehmens Reply zeigt, dass das Interesse an Mode während Corona um über 20 Prozent geschrumpft ist. Wie schätzen Sie die Zukunft der Branche ein?

Braun: Ich bin mir sicher, dass der Mode in Zukunft nichts im Weg stehen kann. Natürlich haben sich auch durch Corona die Interessen und Werte der Kunden gewandelt. Plötzlich spielen Nachhaltigkeit, Wertigkeit und angenehme Stoffe eine große Rolle. Das bewusste Einkaufen nimmt zu. In der aktuellen Zeit wägen Kunden genauestens ab, wofür sie Ihr Geld investieren. Dabei lautet das Motto der Kunden: Seltener, aber sinnvoller.

boerse.ARD.de: Wie haben Ihre Läden die Corona-Hochphase überstanden? Was waren Ihre größten Ängste?

Braun: Meine größte Angst bestand darin, die Läden wegen Corona-Verdachtsfällen bei den Angestellten schließen zu müssen. Außerdem hatte ich Sorge, dass ein möglicher Vertriebskanal vollkommen wegbrechen könnte. Aber letztendlich hat mich meine Strategie, sowohl im Online-Handel als auch im stationären Handel vertreten zu sein, gerettet. Ich erinnere mich gut daran, dass mich damals im Jahr 2011 Konkurrenten ausgelacht haben, als ich den Online-Handel startete. Ohne diesen hätten wir den Lockdown und die damit verbundenen Laden-Schließungen im Frühjahr gar nicht überlebt.

Das Gespräch führte Anne-Catherine Beck.