Cannabispflanze

Aphria-Chef: "Branche wird größer als der Bier-Markt" Cannabis auf dem Weg zum Mainstream?

Stand: 25.10.2018, 10:44 Uhr

Seit 2017 ist medizinisches Cannabis hierzulande erlaubt, große Hersteller wollen nach Deutschland. Aphria, einer der großen kanadischen Cannabis-Produzenten, ist einer davon. Wir haben mit dem CEO Vic Neufeld gesprochen.

boerse.ARD.de: Im ersten großen Industrieland, in Kanada, ist seit gut einer Woche der Konsum von Cannabis legal - sowohl medizinisch als auch im Alltag. Wie war der "Opening Day"?

Vic Neufeld: Wirklich viel hat sich zwar nicht verändert, aber es ist alles hektischer geworden: rund um den Ernteprozess, das Verpacken und das Verschicken. Wir haben uns eineinhalb Jahre lang auf diesen Tag vorbereitet und eine Menge Zeit damit verbracht, zu verstehen, wie die Verbraucher ticken. Dabei haben wir fünf Zielgruppen von Konsumenten erkannt, für die wir fünf verschiedene Cannabis-Sorten entwickelt haben. Viele Hersteller hatten Probleme in der Lieferkette. Außerdem war die Nachfrage am ersten Tag viel höher als erwartet. Eine unserer Marken war bereits nach zwei Stunden ausverkauft.

Vic Neufeld, CEO Aphria

Vic Neufeld. | Bildquelle: Unternehmen

boerse.ARD.de: Viele Unternehmen expandieren auch nach Deutschland. Wie schätzen Sie den deutschen Cannabis-Markt ein?

Neufeld: Wenn die Deutschen es richtig machen und sich erst einmal ausschließlich auf den medizinischen Aspekt von Cannabis konzentrieren, kann in Deutschland ein größerer Markt entstehen als in Kanada. Dort gab es viereinhalb Jahre nach der medizinischen Legalisierung 350.000 Patienten. Deutschland kann diese Zahl in der gleichen Zeit leicht erreichen, gar verdoppeln oder verdreifachen.

boerse.ARD.de: Was meinen Sie mit "richtig machen"?

Neufeld: Es muss sichergestellt werden, dass die Unternehmen, die in Deutschland den Markt aufbauen, den Regeln und Vorschriften des Gesundheitssystems unterliegen. Dann hat Deutschland sehr gute Chancen, eine wichtige Stimme auf der globalen Bühne zu werden.

boerse.ARD.de: Nuuvera, das von Aphria übernommene Medizin-Startup, will ein Lagerhaus in Bad Bramstedt (Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein) errichten. Was sind Ihre Ziele in Deutschland?

Neufeld: Was uns so erfolgreich in Kanada und anderen Ländern macht, ist unsere kostengünstige Produktion. Wir nutzen die Mutter Natur, was die Kosten für Elektrizität reduziert und haben dennoch die gleiche Qualität wie Indoor-Züchter. Die Regeln in Deutschland erlauben allerdings noch keinen Anbau in Gewächshäusern. In Kanada waren wir die ersten und damit auch die günstigsten Hersteller. Wir wünschen uns, dass die deutsche Regierung das eines Tages zulässt.

Hendrik Knopp, Deutschland-Chef von Nuuvera: Unser Ziel ist wie gesagt der komplette Anbau unserer Produkte in Deutschland. Vorerst müssen wir jedoch noch aus Kanada oder anderen Ländern, in denen der Anbau erlaubt ist, importieren. Deshalb bauen wir momentan das Sicherheitslager für Cannabis in Bad Bramstedt. Wir wollen flexibel sein, rund um die Uhr an Apotheken liefern und damit sicherstellen, dass jeder Patient sein Medikament innerhalb von 24 Stunden bekommt.

boerse.ARD.de: Nach einer ersten Ausschreibung der Bonner "Cannabisagentur" für den Anbau von medizinischem Cannabis in Deutschland ab 2020, die im März wegen zu kurzer Einreichungsfrist nach einer Verfahrensänderung vom Gericht aufgehoben wurde, läuft momentan der zweite Anlauf. Wie sehen Sie Ihre Chancen, eine Lizenz zu ergattern?

Neufeld: Wir wollen mit unseren Gewächshäusern und Produkten die günstigsten Anbieter sein. In der ersten Ausschreibung waren wir unter den letzten neun Kandidaten. Wir haben eine sehr solide Bewerbung abgegeben, die noch mehr Aspekte bezüglich der Haltbarkeit und Stabilität der Blüten und Öle enthält. Daher bin ich zuversichtlich, dass es klappt. Aber schwer zu sagen, es kommt darauf an, was sich die Regierung vorstellt und mit wie vielen Landwirten oder Züchtern sie starten will. Sie sollten die Entscheidung vorsichtig fällen, die Sicherheit für die Patienten steht an erster Stelle. Wir haben 44 Millionen Dollar in einen Plan in Deutschland investiert. Wenn wir die Ausschreibung gewinnen und unsere Gewächshäuser-Technologie nach Deutschland bringen, werde ich weitere 50 Millionen Dollar investieren. Wir wollen die Aphria-Geschichte hier wiederholen, mit dem gleichen Erfolg wie in Kanada.

boerse.ARD.de: Wie schätzen Sie das Potenzial ein, dass auch in Deutschland Cannabis bald vollständig legalisiert wird?

Neufeld: In Kanada hat der Prozess der Legalisierung einige Jahre gedauert. Die Regierung hat realisiert, dass die Gesellschaft, die Verbraucher und auch die Patienten wissen müssen, dass die Regulierung weiter verbessert wird und alles vom Anbau bis zu den Markt-Strategien überprüft wird. Deutschland sollte einen ähnlichen Weg einschlagen. Erst einmal sollte das medizinische Cannabis-Programm weiterentwickelt werden. Mit der Akzeptanz der Medizin-Gemeinschaft und den Patienten ist schon viel gewonnen. Wenn der Tag der Legalisierung tatsächlich kommt, muss es die passende Infrastruktur und eine komplett einheitliche und standardisierte Lieferkette geben. Aber lasst es langsam angehen und sich den Markt erst einmal entwickeln. Überzeugt die Leute von den medizinischen Vorteilen und dann kümmert euch um die Legalisierung.

boerse.ARD.de: Der Markt scheint sehr umkämpft. Sie kooperieren bereits mit der Apothekenkette Shoppers Drug Mart. Es kommen immer wieder Gerüchte auf, dass Teile der Branche mit Getränke-Herstellern oder der Tabak-Industrie zusammenarbeiten will. Wird es Cannabis auch bald in Getränken oder Zigaretten geben?

Neufeld: Einige große Firmen in bestimmten Branchen verlieren derzeit Marktanteile und sehen die große Zukunft in der Cannabis-Industrie. Sie wollen investieren. Bei uns sind in der vergangenen Zeit viele Anrufe eingegangen: Wir sind in Gesprächen mit Konzernen wie Molson Coors, Diageo, Coke, Pepsi, Altria oder auch Philip Morris. Wir suchen einen Partner, der nicht nur Geld bringt, sondern auch eine starke Marke mit einem gewissen Image und einem Netzwerk. Die nächsten Monate werden sehr interessant. Mal sehen, wie ich mich entscheide. Sie können gespannt sein.

boerse.ARD.de: Die Aktie von Aphria befand sich vor der Legalisierung in Kanada in einem wahren Hype. Zwischen Mitte August und dem 11. September gewann das Papier über 140 Prozent an Wert. Nach der Legalisierung ging der Kurs wieder stark runter. Ist diese kometenhafte Entwicklung also vorbei?

Neufeld: Der Anstieg war sehr aufregend. Die Menschen wollten, egal zu welchem Preis, an der Geschichte der Cannabis-Legalisierung teilhaben. Sie haben allerdings auch verstanden, dass es kein Ein-Tages-Phänomen ist, sondern die Entwicklung weitergehen muss. Wir haben wie alle Hersteller Lieferschwierigkeiten und weiterhin eine extrem hohe Nachfrage. Es dauert einige Monate, bis sich alles wieder beruhigt. Wir werden einer der ersten sein, die den Kurseinbruch beenden. Im Frühjahr werden wir mehr produzieren als alle anderen. Wir werden unsere Ziele erreichen. Aphria ist seit fast vier Jahren ein Unternehmen. Für eine breite Aktionären-Basis muss außerdem der US-Markt dabei sein. Daher hat der Vorstand vor einigen Monaten entschieden, an die New Yorker Börse zu gehen. Ein entsprechendes Formular haben wir bei der Börsenaufsicht SEC eingereicht. Bald ist es soweit.

boerse.ARD.de: Der Cannabis-Markt in zehn Jahren – wie wird er aussehen?

Neufeld: Gigantisch. In Kanada wird prophezeit, dass im Jahr 2022 die Cannabis-Branche größer sein wird als der Bier-Markt – und wir trinken viel Bier. Viel von diesem Geschäft existiert bereits unterirdisch. In Kanada werden im organisierten Verbrechen jährlich sieben Milliarden Dollar verkauft. Vielleicht kann das eines Tages legal stattfinden. Die Patienten und Verbraucher haben es in der Hand. Vielleicht wird es bald CBD oder THC in Essen, Getränken oder anderen Dingen geben. Wenn Cannabis in Essen erlaubt wird, wird der Markt explodieren. CBD wird Mainstream: in Schokolade, Gummibärchen, Kaffee, Tee, Orangensaft und und und. Wir sehen bisher nur die Spitze des Eisbergs.

Das Gespräch führte Till Bücker.