VW ID.3-Produktion in Dresden

Absatzeinbruch bei Elektroautos Bringt die Corona-Krise die E-Mobilität vom Weg ab?

von Till Bücker

Stand: 12.05.2020, 06:45 Uhr

Neue Obergrenzen beim CO2-Ausstoß und massive Kosten der Elektromobilität setzen die Autobauer unter Druck. Mitten in der Corona-Krise müssen sie trotz drastischer Probleme weiter auf die E-Autos setzen - ob sie wollen oder nicht. Das kann auch eine Chance sein.

Die Corona-Krise macht den Autobauern zu schaffen. Im April sank die Zahl der Neuzulassungen hierzulande im Vergleich zum Vorjahresmonat um satte 61,1 Prozent, wie das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in der vergangenen Woche mitteilte. Nie zuvor seit Beginn der 2000er-Jahre wurden in einem Monat so wenige Neuwagen zugelassen. Allein Volkswagen verkaufte in Deutschland zwei Drittel weniger Fahrzeuge.

Bei den Elektroautos sah das bis vor kurzem noch anders aus. Im März war die Zahl der neu zugelassenen E-Autos mit 56 Prozent noch kräftig gestiegen. Zusammen mit den Plug-in-Hybriden, die sowohl über den Verbrennungsmotor als auch am Stromnetz geladen werden können, verdreifachte sich die Zahl sogar. Auch die Anträge auf die staatliche Kaufprämie bei E-Autos kletterten im März nach Angaben des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) auf ein Rekordhoch.

Doch nach dem Rekord kam der Absturz: Im April brach die Zahl der Anträge wieder ein und lag mit 6.483 Anträgen nur noch halb so hoch wie im Vormonat. Als einzige Importmarke erreichte Tesla hierzulande mit 10,4 Prozent ein Neuzulassungsplus. Und auch die Zukunft sieht offenbar nicht rosig aus - zumindest wenn man einer aktuellen Studie der Wirtschaftsberatung Deloitte Glauben schenkt.

Verfehlt die Bundesregierung ihr Ziel?

Die Corona-Krise werde die Entwicklung der Elektromobilität in Deutschland signifikant verlangsamen, schreib Deloitte-Autoexperte Harald Proff. Sie könnte den Absatz demnach um bis zu 500.000 Fahrzeuge reduzieren. Bleibt die Kaufprämie gleich, läge die Zahl der Autos mit alternativen Antrieb im Jahr 2030 schätzungsweise bei etwa 5,7 Millionen.

VW-Mitarbeiter mit Mund-Nase-Schutz

Die Bundesregierung könnte ihr langfristiges Ziel bei den Elektroautos verpassen.. | Bildquelle: picture alliance/Sven Pförtner/dpa

Mit einer Kaufprämie und Steuervorteilen will die Bundesregierung bis 2030 zehn Millionen umweltfreundliche Autos auf die deutschen Straßen bringen. Für reine Elektroautos mit Batterieantrieb oder einer Brennstoffzelle unterstützt der Staat Käufer inzwischen mit einem Umweltbonus von bis zu 6.000 Euro, bei Plug-in-Hybriden bis zu 4.500 Euro. Doch das Ziel rückt nun offenbar in weite Ferne.

Und es gibt weitere Anzeichen, dass für die Elektromobilität keine schnelle Erholung zu erwarten ist: So hat sich beim Online-Neuwagenvermittler MeinAuto.de der Anteil von Elektroautos, Plug-in-Hybriden und Hybriden an den Anfragen seit Ende Februar fast halbiert. Doch woran liegt das? Sind die E-Autos in der Corona-Krise, in der Arbeitnehmer um ihren Job und damit um ihr Einkommen fürchten müssen, schlicht zu teuer?

Stopp der E-Projekte wäre eine "Sackgasse"

Akasol-CEO Sven Schulz

Sven Schulz ist Chef des Batterieherstellers Akasol. | Bildquelle: Akasol

"Die Einkommensrückgänge haben natürlich einen Einfluss auf die Absätze", sagt Sven Schulz, Chef des Darmstädter Batterieherstellers Akasol im Gespräch mit boerse.ARD.de. "Die Hersteller müssen jetzt schauen, dass die Preise im Massenmarkt günstiger werden." Der Trend gehe schon zu wettbewerbsfähigen Preisen. Mittlerweile seien sie vergleichbar mit denen für konventionelle Autos.

Akasol stellt Batteriesysteme für Nutzfahrzeuge wie E-Busse, elektrisch angetriebene Lastwagen, Bahnen oder auch Schiffe her. Zu den Kunden gehören große Namen wie Daimler. Stand jetzt gebe es keinen dramatischen Umsatzeinbruch. "Natürlich trifft die Corona-Krise auch die Elektromobilität. Nicht nur bei den Autos, sondern auch im Bereich Nutzfahrzeuge", so der Experte.

Dennoch sei der Absatz nicht so stark gefallen wie bei konventionellen Fahrzeugen. Bisher sei es ein sehr stark wachsender Markt gewesen. Deshalb verlangsame sich das Wachstum im schlimmsten Fall - am Ende sei die Entwicklung keineswegs.

"Die Autobauer stoppen zwar Projekte, aber keine E-Projekte. Sie investieren weiter in die Elektromobilität und weichen nicht von ihren Zielen ab", berichtet Schulz. "Alles andere wäre eine Sackgasse." Die großen Unternehmen hätten ihre Strategien über Jahre aufgebaut und erzielten mittlerweile Fortschritte, die teuer erarbeitet wurden. Das alles wegen der Corona-Krise über den Haufen zu werfen, wäre unternehmerisch falsch.

Konzerne halten an Strategien fest

Tatsächlich haben die deutschen Konzerne massiv Geld in den Umbruch gesteckt. Und das aus gutem Grund: Ab 2021 gibt es von der Europäischen Union eine vorgeschriebene CO2-Obergrenze für die Flotten der Autobauer. Werden diese verfehlt, drohen Strafen bis in die Milliarden.

Volkswagen etwa will deshalb bis Ende 2023 eine Million Elektrofahrzeuge herstellen und 33 Milliarden Euro investieren. Dazu gehört auch der in diesem Jahr beginnende Bau einer eigenen Batteriezellenfabrik in Salzgitter, die Anfang 2024 in Betrieb gesehen soll. Das bleibt auch trotz der Corona-Krise der Plan, wie die Wolfsburger am Freitag offiziell bekanntgaben. Gebäude und Infrastruktur für die gemeinsame Fabrik mit dem schwedischen Batteriehersteller Northvolt sollen nun sogar selbst gebaut werden - mit zusätzlichen rund 450 Millionen Euro.

BMW will seinen CO2-Ausstoß allein in diesem Jahr um 20 Prozent senken. 2025 soll jedes dritte verkaufte Auto vom Münchener Konzern elektrisch sein. Ein hohes Ziel, das zentraler Bestandteil der neuen Strategie von Chef Oliver Zipse ist. Das soll sich auch nicht ändern. Ende 2021 werde das Unternehmen fünf vollelektrische Serienfahrzeuge anbieten, teilte BMW vergangene Woche mit.

Und auch Tesla mischt weiter in Deutschland mit. Der US-Elektroautobauer stellte nach Angaben der Brandenburger Landesregierung einen dritten Antrag auf vorzeitige Zulassung von Maßnahmen zur Bauvorbereitung der Fabrik in Grünheide nahe Berlin - es wäre das erste Tesla-Werk in Europa.

Corona-Krise als Chance

"Die Krise kann auch eine Chance sein, das Thema Klimawandel in Angriff zu nehmen", meint Akasol-Chef Schulz. Die Technologie sei schließlich da. Neben den Batteriesystemen gibt es laut dem Energieverband BDEW mittlerweile 27.730 öffentlich zugängliche Ladepunkte für Elektroautos. Das seien über als 16 Prozent mehr als noch 2019. Ein dichtes Ladenetz gilt als eine zentrale Herausforderung für den Durchbruch. Die umweltfreundlichen Autos können meist nicht mehr als einige hundert Kilometer zurücklegen, bis sie wieder aufgeladen werden müssen.

Elektroauto wird an einer Stromtankstelle aufgeladen

Die Zahl der Ladepunkte für Elektroautos steigt.. | Bildquelle: picture alliance/Roland Weihrauch/dpa

"Der Kunde muss akzeptieren, nicht mehr tausende Kilometer fahren zu können", sagt Schulz. Dafür sei eine sinnvolle Planung notwendig. Das sei die letzte Hürde, um die Menschen einzufangen.

Die Kosten sollten nicht mehr das größte Problem sein. Denn auch eine zusätzliche Prämie des Staates ist noch nicht vom Tisch. Vertreter der Branche haben bereits mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf einem Autogipfel darüber beraten. Einige Verbände, Umweltschützer und Politiker sind gegen eine diskutierte Kaufprämie auch für Diesel- und Benzinautos, sondern fordern Anreize für innovative Fahrzeugtechnologien. Mögliche Beschlüsse werden im Juni erwartet.

Nutzfahrzeuge mit Schlüsselrolle?

Auch wenn nun einige potenzielle Käufer vielleicht absichtlich abwarten - diese Anreize könnten die Elektromobilität ankurbeln. Das sieht auch Schulz so: "Das kann mehr Geschwindigkeit in die Entwicklung bringen."

Eine Schlüsselrolle kommt laut Schulz dabei den Nutzfahrzeugen zu: "Die Politik hat erkannt, dass die Elektromobilität vom Staat vorgelebt werden muss." E-Fahrzeuge seien für den privaten Bereich schwer zu vermitteln, wenn auf der anderen Seite Diesel-Busse durch die Städte fahren. Die Elektromobilität sei ein unaufhaltsamer Trend - den selbst die Corona-Krise nicht stoppen könne.