Stefan Walter, Geschäftsführer BDBe

Interview „Bald produzieren wir wieder mehr Bioethanol“

Stand: 17.07.2018, 10:58 Uhr

Strauchelnde Preise, rückläufige Produktionszahlen. Steckt Bioethanol in der Krise? Stefan Walter, Geschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Bioethanolwirtschaft e.V., über Akzeptanzprobleme, die niedrigen Preise und die Zukunft von Bioethanol.

boerse.ARD.de: Herr Walter, warum setzen sich Biosprit-Sorten wie Bio-Diesel, E10 oder E85 in Deutschland nicht durch?

Stefan Walter: Dafür gibt es drei Gründe: Erstens gab es kommunikative Probleme. Zum Beispiel bei der Einführung von E10. Den Menschen war nicht klar, dass aus Klimaschutzgründen eine Alternative zu Öl nötig ist und ob ihr Auto Biokraftstoffe verträgt. Dabei kann – bis auf wenige Ausnahmen – jedes Auto Biosprit tanken. Eine zweite Herausforderung war die „Tank vs. Teller“-Diskussion. Biosprit der ersten Generation entsteht auch teilweise aus Pflanzenfrüchten. Also dachten viele Verbraucher: Was in den Tank kommt, kann nicht mehr auf dem Teller landen. Tatsächlich existiert diese Konkurrenz nicht: Ethanol wird aus Futtermittel-Getreidestärke gewonnen, die Getreideproteine gehen als Tierfutter in den Futtertrog. Ähnlich ist es bei Zucker. Der Kraftstoff der zweiten Generation entsteht heute aus allen Pflanzenteilen, nicht nur aus der Frucht, oder aus Reststoffen beziehungsweise Abfällen. Und dann gab es noch die Diskussion um Waldrodungen, wie sie in Fernost beispielsweise für Palmöl-Biodiesel vorkommen. Aber nicht in Europa. Da gibt es strenge Auflagen von der EU. Es ist eine richtige Entscheidung, dass Biokraftstoffe aus Regenwaldrodung bald nicht mehr verarbeitet werden dürfen.

boerse.ARD.de: Der Anteil des in Deutschland produzierten Bioethanols ist im zweiten Jahr in Folge gesunken. Warum?

Walter: Heimisches Bioethanol wird zum einen aus Zuckerrüben und zum anderen aus dem Stärkeanteil von Futtergetreide hergestellt. Wegen des hohen Zuckerpreises hat der Anbieter Nordzucker im vergangenen Jahr seine Herstellungsanlage für drei Monate vom Netz genommen. In dieser Zeit wurde in der Anlage statt Ethanol der ertragreichere Zucker hergestellt. Obwohl die Bioethanol-Produktion aus Stärke im vergangenen Jahr zugelegt hat, konnte dies den Rückgang aus dem Zuckerbereich nicht ausgleichen.

boerse.ARD.de: Nun sind die Preise für Bioethanol sehr stark gefallen. Wie lange werden die Preise denn so niedrig bleiben?

Walter: Es ist zu erwarten, dass der Anteil von Bioethanol in den Kraftstoffen wegen der klimapolitisch erwünschten europäischen Beimischungspflicht in den kommenden Jahren weiter steigen wird. In Deutschland spätestens 2020. Auch außerhalb Europas wie zum Beispiel in Brasilien gibt es eine größere Nachfrage nach Bioethanol. Deswegen denken wir auch, dass es beim Preis bald wieder ein faires und an den Kosten gespiegeltes Niveau geben wird.

boerse.ARD.de: 2021 gibt es eine neue Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II). Wie wird die sich auswirken?

Walter: Mit der bisherigen Regelung konnten wir nur bis 2020 planen. Mit der neuen Richtlinie wissen wir, dass der Anteil erneuerbarer Energie im Verkehr bis 2030 von 10 auf 14 Prozent steigt. Dabei soll zertifiziertes, aus hiesiger Fruchtfolge erzeugtes Ethanol weiterhin einen Anteil von bis zu sieben Prozent beitragen können. Das ist auch die Voraussetzung für Investitionen in die zweite Generation. Bei diesen sieben Prozent sind wir noch lange nicht. Da ist noch einige Luft nach oben. Deswegen werden wir langfristig mehr Bioethanol produzieren können und die Produzenten werden entsprechende Investitionen in den Ausbau der Produktionsanlagen tätigen können.

boerse.ARD.de: Alle reden nur noch von Elektroautos. Wird die E-Mobilität dem Bioethanol den Rang ablaufen?

Walter: Wir wissen derzeit noch gar nicht, was mit der E-Mobilität passiert. Außerdem bin ich skeptisch, ob sich die E-Mobilität sehr schnell und flächendeckend einführen lässt. Derzeit ist nur ein Drittel des Aufladestroms erneuerbar. Bei Ethanol haben wir dagegen bereits heute eine Treibhausgaseinsparung von 70 Prozent erreicht. Die heutige Pkw-Flotte in der EU besteht aus 300 Millionen Fahrzeugen. Die brauchen erneuerbare Kraftstoffe. Wie Ethanol. Nebenbei gibt es im Moment ja auch noch eine Diskussion darüber, ob es eher zu einer Antriebswende weg vom Verbrennungsmotor oder einer generellen Mobilitätswende, also zu einer Abkehr vom Individualverkehr, kommen soll. Der Politik fehlt in dieser Frage der Kompass. Deswegen kann ich heute noch nicht sehen, wie die Diskussion ausgehen wird.

boerse.ARD.de: Welche Zukunft hat Bioethanol?

Walter: Eine gute Zukunft. Mit Bioethanol tragen wir zu einem klimafreundlichen Individualverkehr bei. Der Anteil von Bioethanol im Benzin wird weiter steigen. Statt E10 kann es beispielsweise in ein paar Jahren E20 geben. In anderen europäischen Ländern wie etwa Frankreich setzt sich E85 immer stärker durch. Außerdem werden die Biokraftstoffe immer umweltfreundlicher und werden so den Schadstoff- und den CO2-Ausstoß bei Herstellung und Verbrennung noch weiter verringern. Und im Übrigen wird Bioethanol auch in der Getränkeindustrie, der chemischen Industrie und sogar in Haushalten als Reinigungsmittel eingesetzt.

Das Gespräch führte Marcus Pfeiffer.