Lebensversicherungspolice, Brille, Rechner und Stift

Altverträge unerwünscht Auslaufmodell Lebensversicherung

Stand: 19.10.2017, 16:25 Uhr

Einst das liebste Kind der Deutschen und lange staatlich begünstigt, stirbt die Deutsche Lebensversicherung in Nullzinszeiten einen langsamen, aber sicheren Tod. Erste große Anbieter wollen nun ihre Kunden loswerden. Der immaterielle Schaden dabei ist gar nicht abzuschätzen.

Zugegeben, das Thema ist nicht neu. Lebensversicherer ächzen unter der Nullzinspolitik der EZB, aber auch unter ihren eigenen Kostenstrukturen. Sie können die einstmals ihren Kunden vollmundig versprochenen und beworbenen Renditegarantien (bis zu vier Prozent) nicht mehr oder kaum noch erwirtschaften. Anders gesprochen, das Geschäft mit der klassischen, garantiegebundenen Lebensversicherung lohnt sich nicht mehr für die Branche. Aus Sicht der Unternehmen ist es daher nachvollziehbar, dass sie sich von den Beständen trennen wollen.

So sucht der zur Münchener Rück gehörende Versicherer Ergo, einer der Großen im deutschen Markt, einen Käufer für die Policen der ehemaligen Lebensversicherer Hamburg-Mannheimer und Victoria. "Falls wir ein gutes Angebot bekommen, würden wir uns das genau ansehen", sagte ein Ergo-Sprecher. Im Gespräch sind sechs Millionen Policen, im Raum steht ein Preis von rund einer Milliarde Euro. Auch für die 40 Milliarden Euro schweren Verträge der Generali (rund vier Millionen Verträge) gibt es Interesse, sagt Deutschland-Chef Giovanni Liverani. Hier geht es um potenzielle Einnahmen von 900 Millionen Euro für Generali.

Es droht Vertrauensentzug

Die Debatte um die Zukunft des über Jahrzehnte liebsten Anlageproduktes der Deutschen bekommt damit eine neue Richtung - mit einem faden Beigeschmack. Denn jahrelang warben die Gesellschaften mit ihrem "lebenslangen Vertrauen" - nun drohen sich die Kunden zu fragen, wie es mit der lebenslangen Partnerschaft der Gesellschaften wirklich steht.

"Wenn jetzt die Konzerne damit beginnen, die Verträge zu veräußern, schafft das Unsicherheit", sagt Klaus Müller, Chef des Bundesverbandes der Deutschen Verbraucherzentralen. Eine Meinung, der sich auch der Chef der Allianz-Leben, Markus Faulhaber, anschließt: "Solche Diskussionen können die Vorsorgeparer in Deutschland verunsichern." Die Allianz als größte deutsche Gesellschaft vermeidet es daher, Verträge zu verkaufen.

85 Millionen Leben-Policen

Davon haben die Bürger für ihre Altersvorsorge jede Menge abgeschlossen, was politisch ja auch stets gewollt war und immer noch ist. 85 Millionen Verträge hat die Branche verkauft, damit hat statistisch gesehen jeder Bundesbürger, vom Neugeborenen bis zum Greis, etwas mehr als einen Vertrag.

Bei diesen Dimensionen ist es kein Wunder, dass die Gesellschaften jahrelang eine gigantische Vertriebsmaschinerie unterhielten, die ihnen nun zu teuer wird. Denn Abschlussprovisionen für den Vertrieb werden in der Branche meist im Voraus bezahlt, um die quirligen und redegewandten Vetriebler bei Laune zu halten. Hinzu kommen die internen Verwaltungskosten. Neugeschäft wird bei klassischen Lebensversicherungen nun nicht mehr angeboten, meist sind es nur noch Produkte ohne Garantie oder Fondspolicen. Anders gesprochen, das Kapitalmarktrisiko wird nun auf die Versicherten abgewälzt, die Kosten müssen sie sowieso über die Laufzeit verteilt weiter tragen.

Hohe Regulierung

Hinzu kommt, dass der deutsche Markt stark reguliert ist. Der Staat in Form der Finanzaufsicht BaFin prüft genau, ob die Gesellschaften ihren langfristigen Verpflichtungen nachkommen und ob die Kunden angemessen an den erzielten Überschüssen beteiligt werden.

Zudem müssen sie in eine "Zinszusatzreserve" einzahlen, um sinkende Zinserträge zu kompensieren. Und die Zügel für die Eigenkapitalunterlegung der Branche wurden als Konsequenz der Finanzkrise ebenfalls angezogen. "Solvency II" ist hier das Stichwort, mit dem ein erneutes Desaster wie nach Lehman verhindert werden soll und das unter anderem für die Altverträge eine Unterlegung mit Eigenkapital verlangt. Geld, das den Gesellschaften an anderer Stelle fehlt, etwa beim Geschäft mit neuen Produkten.

Wer kauft die Verträge?

Es ist also nachvollziehbar, dass die Gesellschaften die Altverträge nicht mehr wollen. Kleinere Anbieter haben sie schon verkauft. Wer aber sind die Käufer?

Ins Spiel kommen hier Finanzinvestoren, bei denen die Kostenkalkulation eine ganz andere ist. Zu nennen sind die "Frankfurter Leben", die vom chinesischen Investor Fosun und der BHF-Bank gegründet worden ist und die das LV-Geschäft der Gesellschaften Basler und Arag gekauft haben. Oder Viridium, gegründet von der Hannover Rück und dem britischen Finanzinvestor Cinven,die bereits die Heidelberger Leben und Scandia Leben übernommen haben. Der US-Aufkäufer Athene hat die Delta Lloyd übernommen. Für das Ergo-Portfolio interessieren sich angeblich chinesische Investoren, US-Hedgefonds oder britische Anleger, schreibt der "Tagesspiegel".

Für diese Investoren fallen keine Kosten für das Neugeschäft, den Vertrieb und die entsprechende Verwaltung an. Ihre Kalkulation: Durch Skaleneffekte und eine effiziente IT könnte sich das Ganze rechnen. "Eine effiziente Verwaltung mit kompletter Kostentransparenz schafft dann das Potenzial, auf dieser Plattform auch Bestände Dritter zu verwalten. Und dies innerhalb als auch außerhalb unserer Gruppe", sagt der für das Leben-Geschäft bei Ergo zuständige Vorstand Clemens Muth.

Bei der hohen Komplexität eines lange Jahre laufenden Versicherungsvertrages bleibt aber abzuwarten, wie sich unter der Ägide der "Heuschrecken" die den Versicherten zustehende Überschussbeteiligung entwickelt. Zwar prüft auch hier die BaFin, dass die Versicherten die ihnen zustehenden 90 Prozent der mit den Prämien erwirtschafteten Erträge erhalten, den Kunden ist aber trotzdem zu empfehlen, die jährlichen Standmeldungen ihres Vertrages genau zu prüfen. Viel mehr werden sie von einem Eigentümerwechsel wohl zunächst nicht mitbekommen.

Was Anleger tun können, wenn ihr Vertrag verkauft wurde, und was generell zu tun ist, wenn sie aus dem Vertrag aussteigen wollen, lesen Sie hier.

rm