Ein Arbeiter überprüft mit einem Laptop die Betriebsdaten von vernetzten Maschinen
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Smart Factories und digitale Plattformen Auf dem Weg zur Industrie 4.0

von Notker Blechner

Stand: 23.04.2018, 06:50 Uhr

Die vierte industrielle Revolution rollt. In der Industrie 4.0 vernetzen sich zunehmend Maschinen und Anlagen. Die deutsche Wirtschaft ist hier Vorreiter. Anleger können am Industrie 4.0-Trend mitverdienen.

Wenn heute Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren traditionellen Rundgang auf der Hannover-Messe macht, wird sie wieder zahlreiche smarte deutsche Produkte und Industrieanwendungen strahlend hochhalten. Mit der impliziten Botschaft: Seht her, das ist Made in Germany! Längst hat sich die klassische Industrieschau zu einer futuristischen Hightech-Show mit Robotern und 3D-Anwendungen entwickelt.

Maschinen ordern Ersatzteile, Roboter bügeln Fehler aus

Hörfunk-Moderatorin Ulla Herrmann
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ARD-Börse: Digitalisierung - ist Deutschland Nachzügler oder Vorrreiter?

Siemens, ABB, Kuka & Co zeigen, wie die Produktion von morgen aussieht. Maschinen melden, wenn ein Radlager zu brechen droht und ordern ein Ersatzteil, digitale "Maschinen-Zwillinge" simulieren Produktionsabläufe auf dem Tablet, und Roboter kontrollieren die Produktion in den Werkshallen.

"Die intelligente Automatisierung wird die Triebkraft der vierten industriellen Revolution", meint Alexander Stiehler, Fondsmanager der UBS in einer Studie zu Automatisierung und Robotik. Die heutigen Fertigungsstätten würden sich im Laufe der nächsten zehn Jahre in intelligente Fabriken verwandeln.

Branche wächst um über 20 Prozent

Die Nachfrage nach den vernetzten Produkten und Maschinen "Made in Germany" ist gigantisch. Im vergangenen Jahr stieg laut Schätzungen von Bitkom der Umsatz mit Industrie 4.0-Lösungen um gut ein Fünftel auf fast sieben Milliarden Euro. 2018 dürfte die Marke geknackt werden. Der IT-Lobbyverband rechnet mit einem Wachstum von erneut 22 Prozent.

Tech-Experte Thomas Rappold spricht vom "Durchbruch der Industrie 4.0". Die Anwendungen würden immer konkreter. So baue Siemens gerade eine vollautomatische Fabrik für Elektroautos in Schweden. Ab 2019 sollen dort bereits 50.000 Stromer von Robotern gefertigt werden. Es ist die erste Industrie 4.0-Fabrik der Welt.

Als großen Treiber sieht Rappold die US-Steuerreform, dank der sich die Maschineninvestitionen steuerlich absetzen lassen, und die verstärkte Automatisierung in China. Im Reich der Mitte werden bis 2020 gut 210.000 neue Roboter installiert. Damit stünde fast jeder zweite "Blechkamerad" in China. Als weiteren Beschleunigungsfaktor für Industrie 4.0 nennt Rappold den zunehmenden Einsatz der Robotik in der Elektronik-Produktion.

Weltweiter Bestand an Industrierobotern

Weltweiter Bestand an Industrierobotern. | Bildquelle: UBS-Studie, Daten: IFR World Robotics 2017

Einmarsch der "Cobots"

Vor allem die kollaborativen Roboter (die "Cobots") setzen sich weltweit immer mehr durch und drücken die Lohnstückkosten. Für 2017 bis 2023 wird ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 57 Prozent bei "Cobots" vorhergesagt. "Cobots sind der am schnellsten wachsende Markt in der Robotik", sagt Hans-Georg Krabbe, Chef der deutschen ABB-Tochter. Die International Federation of Robotics erwartet für den Gesamtmarkt ein jährliches Wachstum von 15 Prozent. Der Roboter-Markt ist stark konzentriert. Den Großteil des Marktes teilen sich die vier Konzerne Kuka, Fanuc, ABB und Yaskawa auf. Auch TecDax-Neuling Isra Vision, dem Spezialisten für "sehende" Maschinen bei der Oberflächeninspektion, dürfte von den kollaborativen Robotern profitieren. "Die Roboter können künftig sehen und hören", meint Rappold.

Um die Daten der intelligenten Maschinen zu sammeln und zu verbinden, sprießen derzeit eine Vielzahl von Plattformen aus dem Boden. Manche Beobachter sprechen schon von einer Art Betriebssystem der Industrie 4.0. Nach Angaben von Experten befinden sich derzeit mehr als 1.000 Plattformen für Industrie 4.0 in der Entwicklung. Siemens hat mit Mindsphere die führende Plattform geschaffen. In diesem Jahr sollen 1,25 Millionen Produkte und Maschinen angebunden werden. Für Furore sorgte die branchenübergreifende Plattform Adamos der Software AG mit Dürr und DMG Mori Seiki.

Fonds- und Zertifikateanbieter setzen auf Industrie 4.0

"Die intelligente Automatisierung wird sich in den nächsten Jahren besser entwickeln als der allgemeine Aktienmarkt", prophezeit UBS-Fondsmanager Stiehler. Mehrere Fondsgesellschaften und Zertifikateanbieter haben inzwischen das Zukunftsthema entdeckt. So hat die Deka einen Fonds Industrie 4.0 aufgelegt. Die Credit Suisse setzt mit dem Global Robotics Equity Fund auf die Rendite-Kraft der Robotik.

Das Bankhaus Vontobel lancierte vor zwei Jahren ein Zertifikat auf Industrie 4.0. "Das war das Themenprodukt von Vontobel, das 2017 die stärkste Wertentwicklung aufwies", erklärt Deutschland-Vertriebsleiter Heiko Geiger. Im vergangenen Jahr schaffte das Zertifikat eine Performance von 33 Prozent.

"Kein kurzfristiger Hype!"

"Industrie 4.0 gehört in ein langfristiges Depot von Anlegern", fordert Thomas Rappold. "Es ist kein kurzfristiger Hype, sondern ein langfristiger Investitionszyklus von bis 15 Jahren." Rappold fungiert als Indexberater für den Industrie 4.0-Performance-Index, der vom Indexanbieter Solactive AG berechnet und gemäss eines festgelegten Regelwerks halbjährlich angepasst wird. Rappolds Favoriten sind momentan Siemens, ABB, Cognex, Fanuc, Kuka und Indus.

Umstritten ist, ob Industrie 4.0 ein Job-Killer ist oder nicht. Nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) würde der Übergang zur Industrie 4.0 in Deutschland bis 2025 rund 490.000 traditionelle Arbeitsplätze vernichten. Dem würden lediglich 430.000 neue Jobs entgegen stehen, die durch Industrie 4.0 entstehen. Andere Experten glauben hingegen, dass unterm Strich mehr neue Stellen geschaffen werden.

Wahrscheinlichkeit der Automatisierung verschiedener Berufe

Wahrscheinlichkeit der Automatisierung verschiedener Berufe. | Bildquelle: UBS Studie, Daten: The Economist, Frey und Osborne, 2013

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Die Gewinner der vierten industriellen Revolution Von ABB bis Teradyne

<strong>Siemens</strong><br/>Zu den absoluten Vorreitern in der Industrie 4.0 gehört Siemens. Der Münchner Dax-Konzern baut "Smart Factories" und vernetzt die Maschinen über die Cloud in einer Plattform. "Mindsphere" soll in diesem Jahr 1,25 Millionen Produkte und Maschinen anbinden. Noch macht das Geschäft mit der Industrie 4.0 weniger als zehn Prozent aus (fünf Milliarden Euro). Mit einer Marge von 26 Prozent ist die Division "Digital Factory" aber hochprofitabel und gilt als Traumkandidat für einen separaten Börsengang. Die Siemens-Aktie hat auf Ein-Jahres-Sicht 14 Prozent verloren.: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr

Siemens
Zu den absoluten Vorreitern in der Industrie 4.0 gehört Siemens. Der Münchner Dax-Konzern baut "Smart Factories" und vernetzt die Maschinen über die Cloud in einer Plattform. "Mindsphere" soll in diesem Jahr 1,25 Millionen Produkte und Maschinen anbinden. Noch macht das Geschäft mit der Industrie 4.0 weniger als zehn Prozent aus (fünf Milliarden Euro). Mit einer Marge von 26 Prozent ist die Division "Digital Factory" aber hochprofitabel und gilt als Traumkandidat für einen separaten Börsengang. Die Siemens-Aktie hat auf Ein-Jahres-Sicht 14 Prozent verloren.