Oft ein Ladenhüter: Bioethanol-Zapfsäule an einer Tankstelle

Produktion stagniert, Preise im Keller Auf Bioethanol abfahren?

von Marcus Pfeiffer

Stand: 17.07.2018, 11:02 Uhr

Immer wieder werden Biokraftstoffe als Garanten der post-fossilen Mobilität gefeiert und setzen sich am Ende doch nicht durch. Aktuell stagniert die Produktion von Bioethanol, obwohl es eine Beimischungspflicht gibt. Und den Herstellern sitzt nicht nur die Elektromobilität im Nacken.

Die Idee vom Bioethanol als Kraftstoff ist fast so alt wie das Automobil selbst. Schon Erfinder Nikolaus Otto benutzte den Alkohol für den Prototyp seines Verbrennungsmotors. Und auch Automobilpionier Henry Ford träumte noch davon, sein Model T mit Ethanol aus landwirtschaftlichen Rohstoffen fahren zu lassen.

B100, E85 und E10 – keine Verkaufsschlager

Doch erst seitdem das Ende der Erdölvorräte näher rückt, erinnern sich Politik und Industrie immer wieder mal an das Potenzial der Biokraftstoffe. Jedes Mal allerdings, wenn ein Biokraftstoff mit großem Tamtam auf den Markt kam, folgte wenig später die Ernüchterung und das Produkt verschwand vom Markt.

So wie damals beim großen Biodiesel-Boom rund um die Jahrtausendwende. Das Produkt „B100“, also reiner Biodiesel aus Pflanzen wie Raps, wurde als klimafreundliche Alternative zu Kraftstoffen aus Erdöl gefeiert. Wegen steuerlicher Vergünstigungen waren die Preise niedrig und die Deutschen griffen gerne zu. Doch das Ende kam schnell: Ab 2006 wurde das Steuerprivileg schrittweise wieder abgeschafft und B100 verschwand.

Ähnliches passierte auch E85, einem Benzin, das zusätzlich zum normalen Benzin bis zu 85 Prozent Ethanol enthält. In Frankreich, Schweden und Brasilien ist diese Sorte sehr beliebt und die erforderlichen Fuel-Flex-Fahrzeuge verkaufen sich gut. Doch in Deutschland verschwand E85 wieder, nachdem Ende 2015 die Befreiung von der Energiesteuer aufgehoben wurde.

Biosprit-Beimischung ist Pflicht in normalen Kraftstoffen

Benzin Super E10-Zapfhahn

Kein Verkaufsschlager - Super E10. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Natürlich ist Biosprit damit nicht komplett von den Tankstellen verschwunden. Denn was viele nicht wissen: Klassischen Diesel- und Benzinsorten muss ein bestimmter Anteil Biosprit beigemischt sein. So enthält zum Beispiel das klassische Super-Benzin wegen der Beimischungspflicht mindestens fünf Prozent Bioethanol.

Und dann gibt es da ja auch noch E10, die jüngste große deutsche Biokraftstoff-Hoffnung. Das Benzin mit einem Anteil von zehn Prozent Bioethanol sollte ab 2011 groß durchstarten und einen Marktanteil von mindestens 50 Prozent erobern.

2017 wurden nach Angaben des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle 2,4 Millionen Tonnen E10 verkauft. Aber der Marktanteil ist mit 13,4 Prozent weit von den ursprünglichen Zielen entfernt. Die deutsche Produktion reinen Bioethanols lag im vergangenen Jahr sogar erstmals seit drei Jahren wieder unter 700.000 Tonnen. Außerdem sind seit Ende vergangenen Jahres die Bioethanol-Preise im Keller.

Industrie hofft auf neue EU-Verordnung

Scheitert also auch E10 und damit das Bioethanol? Nein, sagt Stefan Walter vom Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft gegenüber boerse.ARD.de. „Es ist zu erwarten, dass der Anteil von Bioethanol in den Kraftstoffen wegen der klimapolitisch erwünschten europäischen Beimischungspflicht in den kommenden Jahren weiter steigen wird.“

Tatsächlich schreibt die neue Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (RED II) vor, dass der Anteil erneuerbarer Energien im Verkehr bis 2030 von zehn Prozent auf 14 Prozent steigen soll. Allerdings wird die Elektromobilität hier bevorzugt einfließen. Der Anteil von Bioethanol im Kraftstoff hingegen ist auf höchstens sieben Prozent gedeckelt. Bleibt es also bei niedrigen Preisen und stagnierenden Produktionsmengen?

„Die niedrigen Preise werden nur ein kurzfristiges Phänomen sein“, sagt Joachim Lutz. Der Vorstandssprecher von Europas führendem Bioethanol-Produzenten, der CropEnergies AG aus Mannheim, prophezeit langfristig eine wachsende Nachfrage nach Bioethanol als Kraftstoff – gerade wegen der Elektromobilität.

CropEnergies-CEO Joachim Lutz

CropEnergies-CEO Joachim Lutz. | Bildquelle: Unternehmen

„Man muss bei der Elektromobilität auch wissen, dass der Strom aus der Steckdose zu einem nicht unwesentlichen Anteil aus nicht-erneuerbaren Energien kommt“, sagt Lutz. Darunter könnte die Akzeptanz der Elektromobilität leiden. „Heute rechnen wir damit, dass nach E10 bald E20 kommt. Auf manchen Prüfständen wird sogar schon mit E30 gearbeitet.“

Keine Feld-Teller-Konkurrenz mehr

Gut wäre das zumindest für die deutsche Bioethanol-Wirtschaft. Momentan verarbeiten sechs Hersteller an sieben Standorten in Deutschland Biomasse zum antreibenden Alkohol. Die Fabriken liegen fast alle im Osten Deutschlands, in der Nähe der großen Felder.

Übrigens: In den Fabriken landen schon lange keine Feldfrüchte mehr, die sonst auf dem Teller fehlen würden. Das so genannte „Bioethanol der zweiten Generation“ entsteht ausschließlich aus Resten diverser Landwirtschaftsindustrien. Mit Nordzucker, der CropEnergies-Mutter Südzucker und Suiker Unie sind übrigens die Hälfte der deutschen Ethanolproduzenten in Deutschland namhafte Zuckerhersteller.

Bioethanolwerke in Deutschland - Jahreskapazität in Tonnen

Bioethanolwerke in Deutschland - Jahreskapazität in Tonnen. | Bildquelle: Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft e.V. - BDBe

Forschung an der dritten Bioethanol-Generation

„Zucker ist ein Saisongeschäft und Bioethanol ein gutes zweites Standbein“, sagt Daniel Fink, Bioethanol-Meister bei Suiker Unie. „Von September bis Januar produzieren wir Zucker. Den Dicksaft, der übrig bleibt, verarbeiten wir in der anderen Jahreshälfte zu Bioethanol. So können wir an 330 Tagen im Jahr produzieren.“

Flasche mit Bioethanol-Aufschrift

Die Wissenschaft arbeitet am Bioethanol der Zukunft. | Bildquelle: picture alliance / ZB

Ob das auch in Zukunft so bleibt, wagt Fink nicht zu prognostizieren. „Was den Zuckermarkt betrifft, so wird es nach dem Fall der EU-Zuckerordnung in den kommenden zwei bis drei Jahren zu Schließungen von Zuckerfabriken kommen.“ Das werde sich auf die Bioethanol-Produktion in ganz Europa auswirken, wenn andere Rohstoffe den wegfallenden Zuckeranteil nicht kompensieren können.

Zumindest die Wissenschaft arbeitet gerade daran, dass Absatz und Akzeptanz von Bioethanol weiter steigen könnte. Die Forscher tüfteln an einer neuen Generation des Biokraftstoffes. Die „dritte Generation Bioethanol“ soll noch effizienter und schadstoffärmer sein – in der Herstellung und in der Verbrennung.

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Das sind die Bioethanol-Produzenten Galerie

Bioethanol wird in einen Benzinkanister gefüllt

Pro Jahr werden in Deutschland gut 700.000 Tonnen Bioethanol hergestellt. Fast alle Produktionsanlagen liegen im Osten Deutschlands. Das ist kein Zufall: Hier wird besonders viel Biomasse wie Zuckerrüben oder Getreide angebaut. Um die Transportkosten möglichst gering zu halten, sind die Fabriken der sechs Bioethanolhersteller direkt in der Nähe. boerse.ARD.de stellt sie vor.