Rote Rücklichter und Ausfahrt-Schild auf einer nächtlichen Autobahn
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Kartellvorwürfe und Abgas-Manipulation Anleger haben Auto-Aktien satt

Stand: 24.07.2017, 18:08 Uhr

Die neuen Kartellvorwürfe gegen die Autobranche lasten schwer auf den Aktien. Nach den Kurseinbrüchen vom vergangenen Freitag geht die Rutschpartie zum Wochenstart weiter.

Anja Kohl
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Autoaktien vernichten Milliarden an Wert

Zwischen 1,4 und 2,8 Prozent verloren die Titel von Daimler, BMW und Volkswagen am Montag, nachdem "Der Spiegel" darüber berichtet hatte, dass sich die fünf führenden Marken VW, Audi, Porsche, BMW und Mercedes-Benz seit den 90er Jahren in geheimen Zirkeln über die Technik ihrer Fahrzeuge, über Kosten, Zulieferer, Märkte und Strategien abgesprochen hätten. Der "Spiegel" beruft sich auf einen Schriftsatz, den VW bei den Wettbewerbsbehörden eingereicht haben soll. Dieser sei eine Art Selbstanzeige.

Und wieder am Dax-Ende

Die gesamte Branche steht wegen der Manipulation von Abgaswerten ohnehin schon unter Druck. Sollten sich diese Vorwürfe bewahrheiten, könnte der neue Skandal zu weiteren Strafzahlungen in beträchtlicher Höhe führen, meinen Experten. Deutschlands oberster Verbraucherschützer Klaus Müller rechnet wegen des möglicherweise gebildeten Kartells von deutschen Autoherstellern mit einer Klagewelle. Die EU-Kommission zeigte sich alarmiert und prüft den Kartellverdacht. Kurz gesagt: Es drohen Milliardenstrafen.

Die Anleger sind ebenfalls alarmiert von der Selbstdemontage einer Branche, die einst als Stolz der deutschen Industrie galt, als "Schlüsselindustrie". BMW, VW und Daimler sackten ans Dax-Ende.

Seit Jahresbeginn ist Daimler nun mit einem Kursverlust von rund 15 Prozent der größte Branchenverlierer, BMW büßten im selben Zeitraum elf Prozent ein, während VW bislang noch ein kleines Plus von unter einem Prozent retten konnte.

"Super-Gau für die Glaubwürdigkeit"

Auch bekannte Branchenexperten haben inzwischen Stellung bezogen. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management sprach von einem "Super-Gau für die Glaubwürdigkeit" der Branche. Die Anschuldigungen kämen angesichts der Diskussion über Diesel-Fahrverbote in Städten, Nachrüstungen von Diesel-Fahrzeugen und rückläufigen Diesel-Neuzulassungen zur Unzeit. Er gab der Politik eine Mitschuld - wegen der "Kultur des Wegschauens". Die Bevölkerung habe den Eindruck, Gesundheitsinteressen würden geringer bewertet als die Interessen der Industrie.

Ferdinand Dudenhöffer

Ferdinand Dudenhöffer. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Ähnlich äußerte sich Ferdinand Dudenhöffer: Es sei in Deutschland alles getan worden, um die Autobranche und die Schlüsseltechnik Diesel zu schützen, sagte der Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen dem MDR. "Und erreicht hat man genau das Gegenteil."

ts

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"Ein Super-Gau, ein Erdrutsch!" Das sagen Experten zum Kartellvorwurf

Stefan Bratzel, Fachhochschule der Wirtschaft

Stefan Bratzel
Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach bekräftigte, "dass in großen Teilen der Autoindustrie ein ethisch-organisatorischer Kulturwandel stattfinden muss". Die Anschuldigungen kämen angesichts der Diskussion über Diesel-Fahrverbote in Städten, Nachrüstungen von Diesel-Fahrzeugen und rückläufigen Diesel-Neuzulassungen zur Unzeit. Er gab der Politik eine Mitschuld - wegen der "Kultur des Wegschauens". Die Bevölkerung habe den Eindruck, Gesundheitsinteressen würden geringer bewertet als die Interessen der Industrie.