737 MAX Maschinen der Southwest Airlines am Boden

Folgen des Startverbots 737-Max-Chaos kostet Airlines Milliarden

von Notker Blechner

Stand: 27.09.2019, 06:45 Uhr

Heute ist Welttourismustag. Doch die Fluggesellschaften haben wenig Anlass zu feiern. Vor allem das Grounding der Boeing 737-Max-Jets führt zu massiven Flug- und Umsatzausfällen.

Gut ein halbes Jahr nachdem Boeings Verkaufsschlager 737 Max mit einem Startverbot belegt wurden, bleibt die Ungewissheit groß. Noch immer ist unklar, wann die Jets wieder abheben können. Boeing-Chef Dennis Muilenburg geht davon aus, dass die Unglücksflieger im November wieder ihren Betrieb aufnehmen dürften. Doch in der Luftfahrtbranche stellt man sich auf eine längere Zwangspause ein. Klar ist: Je länger sich die Wiederzulassung hinzieht, desto teurer wird es für Boeing, die Zulieferer und auch die Airlines, kurzum die gesamte Luftfahrtindustrie.

Schon jetzt kostet das Grounding der 737 Max die Fluggesellschaften Milliarden an entgangenen Umsätzen. Viele Airlines mussten im Sommer zahlreiche Flüge streichen und teure Ersatzmaschinen leasen. Luftfahrt-Experten sprechen von rund einer Million Dollar pro Flugzeug an Mehrkosten.

Southwest leidet am meisten

Besonders hart betroffen ist die amerikanische Billigfluggesellschaft Southwest Airlines. Sie muss täglich rund 180 von 4.000 Flügen streichen. Im März hatte Southwest 34 Max-8-Maschinen bestellt. Diese fehlen ihnen jetzt. Das Startverbot der Unglücksflieger führte alleine im zweiten Quartal zu einem Umsatzausfall von 175 Millionen Dollar.

Insgesamt waren bis zum Flugverbot Mitte März 385 Max-8 von 55 Airlines im Einsatz. Tausende Bestellungen liegen auf Eis. Zu den größten 737-Kunden zählt Southwest Airlines mit 280 georderten 737-Max-Maschinen.

Auf einem Boeing-Mitarbeiterparkplatz abgestellte 737 MAX

Abgestellte Boeing 737 MAX . | Bildquelle: picture alliance / ZUMA Press

Auch andere US-Airlines leiden unter dem 737-Max-Debakel. United Airlines hat 145 Orders für die Unglücksjets, bei American Airlines sind es 100 Bestellungen. Die beiden Fluggesellschaften haben die 737 Max vorsorglich bis in den Dezember aus den Flugplänen gestrichen. Southwest sogar bis Anfang Januar. Bei American Airlines sind pro Tag 140 Flüge betroffen, für die eigentlich die Boeing-Jets eingesetzt werden sollten. Ein Teil von ihnen wurde gestrichen.

Darüber hinaus stecken mehrere Airlines aus der Golfregion und Asien im 737-Schlamassel. Flydubai, Lion Air und Vietjet Air haben 200 Maschinen oder mehr bestellt. Wie sie mit dem Problem umgehen, ist relativ unklar.

Millionen-Belastungen für die Tui und Norwegian

In Europa bekommen die Norwegian und die Tui das Max-8-Debakel am härtesten zu spüren. Die Tui spricht von 300 Millionen Euro, die das Flugverbot der Boeing-Jets die Tuifly kostet. Bei Norwegian werden die Aufwendungen auf 60 Millionen Dollar geschätzt. Größter europäischer Kunde von Boeings 737-Max-Reihe ist Ryanair mit 135 bestellten Maschinen. Norwegian hat 92 Orders. Die Turkish Airlines kommt auf 75 Bestellungen.

Nur wenige Fluggesellschaften können sich der 737-Misere entziehen. Die Lufthansa zum Beispiel hat eher auf Airbus gesetzt und ist kaum vom Grounding der Boeing-Unglücksjets betroffen. Und auch die britische Easyjet fokussiert sich auf Airbus-Maschinen, was sich jetzt auszahlt.

Trotzdem hat niemand in der Branche Interesse daran, dass das Boeing-Debakel noch lange andauert. Denn es geht auch um das Vertrauen ins Fliegen. In einer ersten Runde dürften die 737-Max in den USA wieder eingesetzt werden. In Europa könnte es wohl noch etwas länger dauern.

Nachfrage nach Flugreisen wächst weiter

Wenn keine große Weltwirtschaftskrise ausbricht, dürfte in den nächsten Jahren die Nachfrage nach Flugreisen weiter steigen. Laut Prognosen des Weltluftfahrtverbands IATA wird der Reiseverkehr um jährlich fünf Prozent wachsen. Airbus rechnet für die nächsten 20 Jahre mit einer Verdoppelung der Flugpassagiere und der Flugzeuge. Denn die wachsende Mittelschicht in Asien werde zunehmend in der Welt herumreisen. Da wird auch der "Greta-Effekt" oder die sogenannte "Flugscham" wenig ändern.

Allerdings dürfte die Konsolidierung der Airline-Branche weitergehen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr erwartet eine Entwicklung wie in den USA. Dort teilen sich vier Airlines größtenteils den Markt auf. Nach Einschätzung von Spohr wird es bald weltweit nur noch zwölf große globale Gruppen geben. Überleben würden drei Konzerne in Europa, drei in den USA, drei am Bosporus und rund um den Persischen Golf und drei in China.