Gehirn

Neurowissenschaftler bestätigen Börsenweisheit Wie unser Gehirn mit Aktien handelt

Stand: 17.07.2014, 16:18 Uhr

Irren ist menschlich, auch im Aktienhandel. Amerikanische Neurowissenschaftler konnten nun Zusammenhänge mit menschlichen Fehlkalkulationen und deren Gehirnaktivitäten feststellen. Damit bestätigten sie sogar eine alte Börsenweisheit von Warren Buffett.

Wer unsicher ist, wie er sein Geld an der Börse richtig anlegen kann, nimmt sich gerne ein Beispiel an der Investorenlegende Warren Buffett. Mithilfe von Buffetts Börsenweisheiten hofft auch Otto Normalanleger auf ein goldenes Händchen. Oftmals zitiert wird seine Anweisung, der Anleger möge ängstlich sein, wenn andere gierig sind, und gierig, wenn andere ängstlich sind.

Dieser Aussage geben nun Wissenschaftler des California Institute of Technology und des Virginia Tech Recht: “Was in den Gehirnen der Menschen vor sich geht, während sie mit Aktien handeln, deutet darauf hin, dass Buffett mit seiner Aussage den Nagel auf den Kopf getroffen hat“, erklärt Colin Camerer, Professor für Verhaltensökonomie.

Mehrheit tendiert zu aggressiven Käufen

In ihrem wissenschaftlichen Experiment stießen die Forscher auf zwei unterschiedliche Hirnaktivitäten. Die gute Nachricht zuerst: Schlaue Händler reagierten auf Alarmsignale ihres Gehirns, die sie unruhig werden ließen. Das veranlasste sie dazu, sofort zu verkaufen, obwohl die Preise weiter stiegen. Sie spielten das meiste Geld ein. Die schlechte Nachricht lautet jedoch, dass die Mehrheit sich zu aggressiven Käufen verleiten ließ. Die Gier nach mehr brachte sie dazu, ihr letztes Hemd zu verspekulieren.

Für die Studie errichteten die Wissenschaftler einen einfachen experimentellen Markt. Die rund 20 Teilnehmer der Studie erhielten als Startpaket 100 Einheiten fiktiver Währung und sechs risikobehaftete Aktien. Während der Handelsperioden konnten die Probanden jederzeit Tasten betätigen, um Aktien anzuschaffen oder loszuwerden. Im Laufe der Handelsperioden schwollen die Aktienkurse zeitweise auf das Drei- bis Fünffache an - so lange, bis die Blase platzte.

Warren Buffett

Warren Buffett. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Nach den ersten 50 Handelsperioden teilten die Kalifornier die Probanden in drei Kategorien ein, je nachdem, wie sie vorher abgeschlossen hatten. Diejenigen mit niedrigem Einkommen, also mit dem geringsten Erfolg, erwiesen sich als spontane Käufer. Sie wollten mehr Aktien, als der Kurs stieg, und ließen auch nicht davon ab, als die Preise in den Keller fielen. Kaum Risiko ging die mittlere Gruppe ein. Sie hatte weder Gewinne noch Verluste zu verbuchen.

Die erfolgreichsten Teilnehmer tätigten ihre Ankäufe früh und verkauften, während die Preise noch im Aufschwung waren.

Das mysteriöse Warnsignal

Was war bei ihnen anders? "Die Händler mit hohem Einkommen waren die interessanteste Gruppe für uns", erklärte Camerer. "Sie treffen eine emotional schwierige Entscheidung – zu verkaufen, während der Kurs ansteigt. Wir hatten den Verdacht, dass sie in ihrem Gehirn eine Art Warnsignal empfangen mussten."

Um das zu überprüfen, untersuchten die Wissenschaftler die Gehirne mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie. Weist ein Hirnareal besonders viel Sauerstoff im Blut auf, deutet das auf eine hohe Gehirnaktivität hin.

Bei der Analyse der Hirnscans fiel auf, dass die Inselrinde bei den Einkommensstarken eine hohe Aktivität aufwies - und zwar kurz bevor sie sich zum Kauf entschlossen. Die Inselrinde ist ein kleiner Lappen in der Großhirnrinde, in etwa so groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Die Forscher hatten die Inselrinde bereits im Verdacht, weil sich in vorherigen Studien ein Zusammenhang mit finanzieller Unsicherheit und Risikoscheu gezeigt hatte. Der Bereich ist auch aktiv, wenn Menschen unangenehme Gerüche wahrnehmen oder sich ungerecht behandelt fühlen. Weil die Teilnehmer keinen Anlass hatten, pessimistisch zu sein, während die Kurse in die Höhe gingen, werteten die Forscher die Hirnaktivität als eine Art Warnsignal.

Achtung Dopamin-Ausschüttung!

Bei der Teilnehmergruppe mit niedrigem Einkommen nahm die Aktivität im Insellappen sogar ab. Gleichzeitig wurden sie besonders vom menschlichen Belohnungssystem angespornt, das beim Menschen über die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin kurzfristig Zufriedenheit und Freude auslöst.

Zwar wurde das Areal bei allen Teilnehmern besonders stimuliert, wenn die Ergebnisse der letzten Handelsperiode bekannt wurden. Doch die Gruppe mit den schlechtesten Ergebnissen machte einen fatalen Fehler: Sie ließ sich von der Euphorie auch dazu verleiten, vermehrt Aktien zu kaufen.

Die Gruppe der Einkommensstarken dagegen ließ sich von den neuronalen Belohnungen nicht zu aggressivem Handeln verleiten. Was ihnen diese große Besonnenheit einbrachte, erklärten die Forscher nicht – das könnte ihnen vielleicht Warren Buffett erklären.

jm