Piktogramm: Fliehender Mensch mit Aktenkoffer und Maiglöckchen

Wie weise ist die Börsenweisheit? Sell in may and go away...

von Bettina Seidl

Stand: 30.04.2018, 15:33 Uhr

Der Wonnemonat Mai ist für die Börsen getreu der alten Börsenweisheit "Sell in May" ein Horrormonat. Anleger sollten ihre Aktien jetzt besser verkaufen, so der Ratschlag. Wie weise ist das?

Das Sprüchlein hat was von einer Bauernregel. „Sell in May and go away. But remember to come back in September.“ Eine kleine Regel für den Aktienmarkt, Aktien Anfang Mai zu verkaufen, und erst fünf Monate später wieder einzusteigen.

Es gibt eine eine durchaus plausible Erklärung, dass an dieser Börsenweisheit was dran ist. In den Sommermonaten ist an den Börsen urlaubsbedingt verhältnismäßig wenig los. Schlechte Nachrichten haben daher mehr Durchschlagkraft. Das heiße Wetter dämpft die Euphorie zusätzlich. Und generell ist es eine eher nachrichtenarme Zeit; Dividendenprognosen fehlen. Deshalb ließe sich in den Monaten Oktober bis April an den Börsen überdurchschnittlich viel verdienen, so die alte Börsenregel - Jahresendrally inklusive. Aber hält die Regel, was sie verspricht?

Was sagt die Statistik?

Die Statistik scheint "Sell in May" zu untermauern. Eine aktuelle Analyse von Fidelity International zeigt: Wer die Regel in den vergangenen 30 Jahren befolgt hätte, wäre heute dick in Plus. Aus 10.000 Euro wäre durch ein Investment in den Dax die stattliche Summe von 133.223 Euro geworden.

Wer dagegen durchgängig im Dax – also ohne Abstinenz in den Monaten Mai bis September – geblieben wäre, hätte nur 114.332  Euro erzielt. Die "Buy and Hold"-Strategie hätte also knapp 20.000 Euro weniger eingebracht.

Ist "Sell in May" also ein weiser Ratschlag? Die Detailauswertung von Fidelity zeigt etwas anderes. Seit 1988 hat die Börsenweisheit für den deutschen Leitindex nämlich nur in 16 Jahren funktioniert. In 14 Jahren hätten Anleger durch „Sell in May“ dagegen Verluste erzielt. Das heißt: Die Börsenregel bietet allenfalls etwas mehr als eine Fifty-Fifty-Chance, dass sie in diesem Jahr von Erfolg gekrönt ist. Die Regel ist also gänzlich untauglich als Anlegerregel. Das Fazit von Andreas Telschow von Fidelity: „Es ist unmöglich, den richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt bei Aktien abzupassen“, sagt der Anlageexperte.

Die etwas andere Börsenregel

Jörg Scherer, Leiter Chartanalyse von HSBC Trinkaus, hat gleichwohl eine Vorliebe für saisonale Muster. Allerdings liefert ihm die Statistik eine bessere Regel: "Sell end of May".

Der beste Zeitpunkt für den Verkauf von Aktien ist für ihn Ende Mai. Zurückkehren an den Aktienmarkt sollten Anlegern erst Anfang Oktober. Aus 1 Euro wären mit dieser Regel in 30 Jahren 42 Euro geworden. Die alte Mai-Regel hätte nur 15 Euro gebracht. Bei "Buy and Hold" wäre er nur auf 13 Euro gekommen.

Wie brauchbar sind Kalendermuster?

Sollte man also jetzt, oder Ende Mai, alle Aktien verkaufen? Aktuell scheint angesichts der vielen Unsicherheiten ohnehin einiges dafür zu sprechen, sich von Aktien zu trennen. Allen voran der drohende Handelskrieg zwischen den USA und China. Dazu kommen die steigenden Zinsen in den USA, die Gift sind für Aktien. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen übersprang jüngst die Drei-Prozent-Marke und versetzte die Aktienbörsen in Aufruhr. Ganz abgesehen von den vielen geopolitischen Krisenherden. Alles in allem sieht es nach einem ungemütlichen Mix für den Aktienmarkt aus.

Wer auf den frühen Ausverkauf an den Aktienmärkten in diesem Jahr zurückblickt, dem mag die "Sell in May"-Regel ohnehin wie Hohn vorkommen. Der Dax hat nach einem vielversprechenden Start nämlich Ende Januar zu einer kräftigen Talfahrt angesetzt.

2 mal 2 ist nicht 4

Auch die Logik verbietet den Glauben an Kalendermuster. Das hängt mit der Effizienz der Kapitalmärkte zusammen. Würden Anleger tatsächlich eine Kalenderanomalie wie "Sell in May" entdecken, würden sich versuchen, sie auszunutzen. Sie würden also schon im April ihre Aktien verkaufen. Das würde zu Kursrückgängen im April führen, das Kalendermuster würde also allmählich aufhören zu existieren.

Für "Sell in May" wie für viele andere Börsenweisheiten gilt daher nur eins: Sie sind unterhaltsam wie Bauernregeln von dummen Bauern und dicken Kartoffeln. Stichhaltig sind sie aber nicht. Anleger sollten ihre langfristige Anlagestrategie keineswegs davon abhängig machen. Mit einer Ausnahme. Eine Börsenregel dürfen sie getrost für gesetzt halten: An der Börse sind 2 mal 2 niemals 4, sondern 5 minus 1.