Müde Geldanleger werden risikobereiter Wie Schlafmangel unsere Depot-Entscheidungen beeinflusst

von Till Bücker

Stand: 12.10.2018, 14:49 Uhr

Zwischen sieben und neun Stunden Schlaf braucht ein erwachsener Mensch, sagen Forscher. Wer dauerhaft weniger schläft, kann viele Probleme bekommen. Neben alltäglichen Dingen wie mögliche Unfälle, Gesundheitsbeschwerden oder geringere Aufmerksamkeit bei der Arbeit spielt Schlafmangel auch bei der Geldanlage eine Rolle.

Sie meinen, weniger als vier Stunden Schlaf reichen aus? Schlechte Idee - zumindest, wenn Sie nicht gerade acht Jahre älter sein möchten. So verhalten sich nämlich dann die kognitiven Fähigkeiten bei Erwachsenen. Wissenschaftler der Western University in London haben 10.000 Menschen in der kanadischen Provinz Ontario über ein Jahr lang nach ihrer Schlafzeit befragt und ihr Verhalten in Bezug auf logisches Denken, Erinnerung und verbale Fähigkeiten untersucht.

Manager oder Politiker, die gerne über ihren geringen Schlaf und den hohen Arbeitsaufwand in der Nacht berichten, sollten vielleicht noch einmal darüber nachdenken. Denn schlechte Entscheidungen, undeutliche Sprache oder langfristige Erinnerungslücken sind nicht gerade optimal für das Geschäft.

Geringere Wirtschaftskraft?

Etwa die Hälfte der Teilnehmer schliefen im Schnitt weniger als 6,3 Stunden. Auch die Mehrheit der Deutschen schläft einer Studie der Techniker Krankenkasse zufolge sechs Stunden oder weniger. Schlafmangel bereitet viele Probleme: Neben den bereits oben genannten Schwierigkeiten und altbekannten gesundheitlichen Risiken wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und Depressionen hat Müdigkeit auch Auswirkungen auf die Wirtschaft.

So lange schlafen die Deutschen

So lange schlafen die Deutschen. | Bildquelle: Techniker Krankenkasse, Grafik: boerse.ARD.de

Kanadische Flagge

Kanada: Millardenschäden durch Schlafmangel?. | Bildquelle: colourbox.de

Die Forscher der Western University sind der Meinung, dass sich Schlafentzug auch nachteilig auf die Wirtschaftskraft von Staaten auswirken kann - kein Wunder, denn müde Arbeiter und Angestellte können eben nicht immer die volle Leistung erbringen. Einem Land wie Kanada entgehen dadurch angeblich jährlich rund 21 Milliarden Dollar.

Schlafmangel beeinflusst auch das eigene Depot

Auch Ihnen als Privatanleger kann viel Geld durch die Lappen gehen. Die Menge und Qualität von Schlaf nimmt ebenfalls Einfluss auf finanzielle Entscheidungen. Das zumindest berichtet die American Association of Individual Investors, eine gemeinnützige Organisation, die Anleger schult, und verweist auf eine Studie zweier Professoren aus den USA. Menschen mit Schlafproblemen legen demnach mehr Wert auf die Gegenwart, als auf zukünftige Gewinne zu achten sowie auf höhere Auszahlungen zu warten.

"Menschen mit mehr Schlaf, besserer Schlafqualität und weniger Schlafstörungen verzerren die Wahrscheinlichkeit von Gewinnen und Verlusten weniger, wodurch sie bessere finanzielle Entscheidungen treffen", erklären die Autoren. Außerdem sei unangemessener Schlaf auch mit einer erhöhten Risikobereitschaft verbunden. Anleger gingen ein höheres Risiko ein, als ihnen bewusst sei. Sie seien anfälliger für die gegenwärtige Überschätzung der Ergebnisse, was zu irrationalen Entscheidungen, wie dem Verkauf von Gewinnern und dem Halten von Verlierern, führe. Schlafverlust schwäche den präfrontalen Kortex, der im Gehirn für die Entscheidungsfindung zuständig ist.

Unbewusst risikobereiter

Wissenschaftler der Universität Zürich unterstützen die These. Sie setzten 14 männliche Studenten zwischen 18 und 28 Jahren auf Schlafentzug: Eine Woche lang durften sie nur fünf Stunden lang schlafen. Täglich mussten sie entscheiden, ob sie sofort einen kleineren Geldbetrag bekommen oder lieber um eine größere Geldmenge wetten, das Risiko stieg mit der Geldsumme.

Das Ergebnis verlief ähnlich. Eine einzelne kurze Nacht hatte zwar keinen Einfluss auf die Risikobereitschaft, eine ganze Woche jedoch schon. Elf der Teilnehmer zeigten sich risikobereiter und entschieden sich, auf viel Geld zu wetten mit der steigenden Wahrscheinlichkeit, viel zu verlieren. Die Studenten hielten ihr Risikoverhalten allerdings für unverändert.

Offenes Depotfach mit aufsteigenden Prozentzeichen

Depot. | Bildquelle: colourbox.de, Montage: boerse.ARD.de

Überlegen Sie es sich lieber zweimal, wie lange Sie schlafen wollen. Ansonsten könnte es sein, dass Sie unterbewusst mehr Risiko eingehen als gewollt. Auch irrationale Entscheidungen und Ungeduld könnten Ihren als Anlegern schaden. Also, kleiner Tipp zum Wochenende: Schlafen Sie sich mal aus - Ihrem Depot zuliebe!