Finanzpsychologin Monika Müller

Frauen und Finanzen "Die Stärke der Frau ist ihre Passivität"

Stand: 22.02.2018, 14:44 Uhr

Frauen haben ein anderes Verhältnis zu Geld als Männer. Schuld daran sei die Gesellschaft, sagt Finanzpsychologin Monika Müller im Interview mit boerse.ARD.de. Sie vermittele Frauen ein falsches Selbstbild.

boerse.ARD.de: Während Männer eher zu Aktien neigen, scheuen die meisten Frauen diese Anlage, das zeigen die aktuellen Zahlen. Warum ist das so?

Monika Müller: Es gibt zwar eine gewisse genetische Vorprägung, was unsere Persönlichkeit angeht, aber das Sparverhalten ist nicht genetisch veranlagt, sondern wird vorgelebt. Wir lernen schon als Kinder durch Vorbilder und Sprache. Und wir lernen auch, indem wir selbst etwas tun. All das kommt zusammen.

boerse.ARD.de: Warum gelten Frauen dann als risikoscheuer?

Müller: Ob man sich als Frau risikoscheu verhält oder nicht, hängt von der individuellen Risikobereitschaft ab. Spannend daran: Frauen, die Mädchenschulen besuchten, haben im Erwachsenenalter eine vergleichbar hohe Risikobereitschaft wie Männer. Diese Frauen landen auch überdurchschnittlich häufig in Führungspositionen. Das liegt daran, dass Mädchen im Klassenverband unter sich sind und auch finanzielle und führende Aufgaben übernehmen.

Aktienanteil (direkt und über Fonds) in % des Portfolios

Aktienanteil (direkt und über Fonds) in % des Portfolios. | Bildquelle: Finanzheldinnen, Grafik: boerse.ARD.de

boerse.ARD.de: Nun sind die Schulklassen heute aber meistens vermischt. Was bedeutet das für die Risikobereitschaft von Mädchen und Frauen?

Müller: Die Risikobereitschaft entwickelt sich mit der Persönlichkeit, und die bildet sich etwa bis zum Alter von 18 bis 20 Jahren aus. In unserer Gesellschaft findet die Sozialisation noch stark über das veraltete Bild der Geschlechterrollen statt, sprich: Männer kümmern sich um das große Geld. Sind Mädchen und Jungen in einem Klassenraum zusammen, reagieren sie auch aufeinander. Mädchen halten sich dann eher zurück, weil sie es so gelernt haben. So wird das Potenzial zum Umgang mit Finanzen, Börse und Risiko, das in Mädchen genauso veranlagt ist wie bei Jungen, weder geübt noch gestärkt.

boerse.ARD.de: Was macht das mit der finanziellen Bildung von Frauen?

Müller: Mädchen erhalten dadurch ein Selbstbild, das sagt: "Das kann ich nicht. Das gehört nicht zu mir. Das machen Mädchen nicht." Das als Erwachsene nachzuholen, ist mühsam. Information ist gut, aber es muss schon an eine Motivation gekoppelt sein. Das kann eine Erbschaft sein oder die Trennung vom Ehepartner, wegen der eine Frau ihre Finanzen nun selbst in die Hand nehmen muss. In diesen Zeitfenstern ist die Bereitschaft zu lernen besonders groß.

boerse.ARD.de: Was können Frauen tun, wenn sie an ihrem fehlenden Wissen über Geld etwas ändern wollen?

Müller: Sich Unterstützung suchen und die sollte bestmöglich nicht von Angst getrieben sein. Es geht darum, Motivation aufzubauen und Lust zu haben, dieses Wissen aufzubauen. Die Botschaft an junge Mädchen und Frauen sollte sein: "Du kannst es schaffen, fang heute an." Wenn du Hilfe brauchst, dann lies etwas darüber, suche dir einen gescheiten Berater oder Coach, oder spreche mit Freunden oder deinem Mann darüber.

Figuren von Mann und Frau, die auf Euromünzstapeln sitzen

Gender Gap. | Bildquelle: picture alliance / dpa Themendienst

boerse.ARD.de: Wenn Frauen investieren, erzielen sie laut Studien höhere Renditen als Männer. Womit hängt das zusammen?

Müller: Frauen sind durch die Sozialisation in traditionellen Geschlechterrollen eher passiv und vorsichtig im Umgang mit Geld. Aus dieser Passivität müssen sie rauskommen, sie allerdings auch nicht ganz verlieren. Frauen verlieben sich nicht in eine Aktie. Sie kaufen einfach Finanzprodukte, um ihr Geld anzulegen und nicht, um sich mit einer Marke oder einem Unternehmen zu identifizieren. Ihre Passivität hält Frauen aber auch davon ab, überhaupt erst an der Börse zu investieren. Wenn sie diesen ersten Schritt allerdings geschafft haben, ist es eher ihre Stärke. Denn sie halten dadurch einfach länger durch. Und das führt an der Börse zum Erfolg.

boerse.ARD.de: Was würden Sie sich von Frauen mit Blick auf deren Verhalten mit Finanzen und Geld wünschen?

Müller: Wer grundsätzlich kein Interesse hat, ist schwerer zu motivieren. Es braucht schon einen gewissen Anreiz. Bevor man zum Berater geht und das erste Gespräch führt, sollte man darüber nachdenken, was man von der Beratung erwartet. Wenn man nicht weiß, was man will, kann Beratung nicht funktionieren. Es wäre toll, wenn unter Freundinnen mehr über Geld gesprochen wird. Ich würde mir "Tupper-Parties mit Aktienanteil" wünschen.


Das Gespräch führte Jule Zentek.

Monika Müller ist Finanzpsychologin und Finanzcoach.