Mojmir Hlinka

Interview "Das ist die gehassteste Rally aller Zeiten"

Stand: 10.06.2020, 14:04 Uhr

Viele Anleger hat die rasante Erholung an den Börsen auf dem falschen Fuß erwischt. Warum es sich jetzt trotzdem noch lohnt, Aktien zu kaufen, und welche Titel besonders aussichtsreich sind, erklärt Mojmir Hlinka vom Schweizer Vermögensverwalter AGFIF International.

boerse.ARD.de: Herr Hlinka, im März, auf dem Tiefpunkt des Corona-Crashs, sagten Sie im Gespräch mit boerse.ARD.de, der bevorstehende Rebound dürfte gewaltig werden. Hat Sie das Ausmaß der Rally trotzdem überrascht?

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Mojmir Hlinka: Jein. Der Rebound an sich hat mich nicht überrascht. Was mich aber überrascht hat, war die Dynamik – die Heftigkeit, die Geschwindigkeit, mit der sich der Rebound vollzogen hat. Denn was damals im März noch nicht gänzlich absehbar war, ist diese absolut bedingungslose Bereitschaft seitens der Notenbanken. Bei der Fed hatte man ja damit durchaus rechnen können. Aber dass bei der EZB die neue Chefin Christine Lagarde in ihrer Konsequenz, Märkte und Wirtschaft zu stützen, selbst ihren Vorgänger Mario Draghi noch getoppt hat, das war schon überraschend. Und das ist auch der große, der entscheidende Unterschied, wenn wir auf die Börsen-Crashs der vergangenen Jahre zurückschauen. Der Schwarze Donnerstag 1929 mündete in der Großen Depression der 1930er Jahre. Hätte damals eine Zentralbank die Verantwortung übernommen, so wie es jetzt Fed, EZB, Bank of Japan, Bank of England & Co. machen, dann wäre es gar nicht so weit gekommen. Seit 1929 über die Crashs in den 1970er und 1980er Jahren, der Dotcom-Blase bis hin zu Lehman: Während all dieser Krisen der vergangenen 100 Jahre ist die Bedeutung der Notenbanken immens gestiegen. Heute nehmen sie eine Schlüsselposition ein. Sie sind es, die ein monetäres Auffangnetz stricken, sodass Märkte und Wirtschaft weich fallen, wenn sie ins Stolpern geraten. Und das macht einen gewaltigen Unterschied. Heute werden Sparer und Staatsanleihen-Halter quasi enteignet, die Aktie ist alternativlos geworden.

boerse.ARD.de: Die rasante Erholung der Börsenkurse hat dennoch viele Anleger fassungslos zurückgelassen. Wer zögerte und an der Seitenlinie verharrte, hatte schon verloren. Herr Hlinka, haben wir es mit einer "gehassten Rally" zu tun?

Hlinka: Das ist für mich sogar die gehassteste Rally aller Zeiten! Viele Anleger wurden komplett auf dem falschen Fuß erwischt. Sie hielten ihr Pulver viel zu lange trocken – und können jetzt nur noch den Kursen hinterherrennen. Und warum? Weil die Leute den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Das ist der klassische Informations-Bias: Eine Vielzahl von verfügbaren Informationen besteht aktuell aus wirklich katastrophalen Wirtschaftsdaten. Doch diese Informationen sind mit Blick auf die Entscheidung, kaufe ich jetzt Aktien oder nicht, völlig nutzlos. Die Anleger müssen jetzt einen Schritt weiter denken. Wenn sie das tun, werden auch sie die Alternativlosigkeit dieser Rally angesichts des beispiellosen Einsatzes der Notenbanken erkennen.

boerse.ARD.de: Viele Marktbeobachter warnen aber, die Börsen seien zu euphorisch und hätten zu viel vorweggenommen. Ist da was dran – oder ist die realwirtschaftliche Wende womöglich näher als viele glauben?

Hlinka: Das, was an den Börsen derzeit passiert, hat mit Euphorie nichts zu tun. Es ist einzig und allein der Glaube an eine scharfe V-förmige Erholung. Eine solche Erholung haben wir in der jüngeren Börsengeschichte des Öfteren erlebt: Seien es Lehman-Pleite, Trump-Wahl oder Brexit – im Langfrist-Chart sind das nur kleine Zacken nach unten. Es heißt, die Börse würde sich aktuell von der Realwirtschaft abkoppeln. Das stimmt aber nicht. An der Börse wird derzeit lediglich das durchgespielt, was der Realwirtschaft noch bevorsteht: eine Normalisierung. Im weiteren Zeitverlauf wird sich die Realwirtschaft den Börsen anpassen, davon bin ich überzeugt. Der jüngste US-Arbeitsmarktbericht war ein erster Hinweis in diese Richtung.

boerse.ARD.de: Wer die Rally bisher komplett verpasst hat: Lohnt sich jetzt überhaupt noch der Einstieg – oder ist es dafür bereits zu spät?

Hlinka: Für einen Einstieg an der Börse in dividendenstarke Substanz-Werte ist es nie zu spät. Solange die Sonne scheint und die Erde sich dreht, werden Aktien langfristig steigen. Wer also heute einsteigt, wird über die nächsten Jahre und Jahrzehnte hinweg solide Renditen erwirtschaften können. Aktien sind auch jetzt mittel- und langfristig betrachtet ein Kauf – auch wenn es kurzfristig sicherlich volatil bleiben dürfte. Anleger sollten außerdem bedenken, dass diese Pandemie für einige Wirtschaftszweige wie Online-Handel und -Services auch riesige Chancen mit sich bringt. Dass wir womöglich am Anfang eines neuen Mega-Zyklus stehen und damit vor einer kompletten Neubewertung der Aktie. Das hat bislang noch niemand so richtig auf der Rechnung.

boerse.ARD.de: Sie haben also keine Angst vor einer zweiten Abwärtswelle an den Börsen?

Hlinka: Ich habe immer Angst vor Abwärtswellen an den Börsen. Man muss an den Finanzmärkten immer hochgradig aufmerksam sein. Aber solange nicht ein „Black Swan“ auftaucht, der immer auftauchen kann, habe ich aus den bereits genannten Gründen diese Angst vor einem zweiten Corona-Absturz der globalen Aktienmärkte nicht. Korrekturen sind natürlich immer möglich, sind dann aber auch möglicherweise eher Kaufgelegenheiten.

boerse.ARD.de: Erst gestern hat der Nasdaq Composite erstmals in seiner Geschichte die 10.000-Punkte-Marke geknackt. Sind Tech-Aktien auch mittel- bis langfristig die großen Profiteure der Corona-Pandemie?

Hlinka: Ja, ich denke schon. Denn diese Pandemie hat einen gewaltigen Umbruch mit sich gebracht, eine Zäsur. Viele Menschen haben in den vergangenen Monaten die Chancen entdeckt, die ihnen Online-Handel, Online-Services, Home-Office-Tools und Streamingdienste bieten. All diese Bereiche sind und bleiben klare Gewinner der Corona-Krise. Kein Wunder, dass Aktien von Amazon, Apple, Google, Netflix und Microsoft so rasant gestiegen sind. Übrigens: Würde der Nasdaq 100 nur aus diesen Aktien bestehen, dann wären wir heute nicht bei 10.000, sondern bei 20.000 Punkten. Die große Gefahr ist jetzt der All-Time-High-Bias, die Angst der Anleger vor dem Allzeithoch. Sie fürchten, auf dem Top einzusteigen. Diese Angst ist aber rein rational betrachtet völlig unbegründet.

boerse.ARD.de: Jenseits von Technologie: Welche anderen Branchen oder Einzelaktien sind jetzt besonders chancenreich?

Hlinka: In der defensivsten Kategorie sind dies in erster Linie Rückversicherer, Versicherer und einige Konsum-Titel. Bei einer mittleren Risikoneigung sind es tatsächlich Technologieaktien. Diese sind zwar mittlerweile auch schon recht stattlich bewertet. Doch mit Blick auf die großen Umwälzungen und Übernahmen, die sich hier anbahnen, sind die Chancen immer noch immens groß. Für Anleger mit einer hohen Risikobereitschaft lohnen Aktien von Autobauern, Hotel-Ketten, Fluggesellschaften, Flugzeugbauern und Kreuzfahrtgesellschaften einen Blick. Unterm Strich bieten die Börsen damit derzeit nicht nur für die spekulativen Anleger gewaltige Chancen. Auch bei Substanz- und Dividendentiteln gibt es noch genügend ausgebombte Titel, die einen Kauf lohnen. Und das zu Preisen, wie wir sie künftig wohl nicht mehr sehen werden.

boerse.ARD.de: Als wir uns das letzte Mal im März sprachen, rieten Sie Anlegern, nicht in Panik zu verfallen und stattdessen eine Kaufliste zu erstellen. Haben Sie denn Ihre Kaufliste bereits komplett abgearbeitet?

Hlinka: Wir werden unsere Kaufliste niemals komplett arbeiten, denn sie wird ständig aktualisiert. An den Märkten tun sich immer wieder Chancen auf, da ist Flexibilität das höchste Gut.

boerse.ARD.de: Was würden Sie den Anlegern heute raten?

Hlinka: Hören Sie nicht auf die allgegenwärtigen Crashpropheten - hören Sie lieber auf Ihren gesunden Menschenverstand! Denn bedenken Sie eines: Hätten Sie in den vergangenen 100 Jahren auf diese Crashpropheten gehört, wären Sie längst pleite und hätten von den schönen Erholungen und dem langfristigen Aufwärtstrend an den Börsen niemals profitieren können.

Das Gespräch führte Angela Göpfert.