Ölpumpen

Opec unter Druck Was der Ölpreis mit Indien zu tun hat

Stand: 14.09.2020, 16:29 Uhr

Heute wird die Opec 60 Jahre alt. Die Corona-Krise und der damit verbundene niedrige Ölpreis stellt das Bündnis vor eine Belastungsprobe. Der Preisdruck dürfte wegen der schwachen Nachfrage in den nächsten Monaten anhalten. Schuld daran ist auch Indien.

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Wenn sich am Donnerstag die Opec in Wien passend zu ihrem 60. Geburtstag trifft, gibt es wenig Grund zu feiern. Denn der Ölmarkt bleibt angespannt. Es sieht vorerst nicht nach einer deutlichen Preiserholung aus. Seit Ende August hat sich die Nordseesorte Brent um 13 Prozent verbilligt und notiert unter 40 Dollar je Barrel. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel ähnlich stark auf 37,50 Dollar.

Zwischen Nachfragesorgen und höherem Angebot

Der Rohölmarkt steht derzeit im Spannungsfeld zwischen Nachfragesorgen und höherem Angebot. Auf der Nachfrageseite ist nach wie vor fraglich, wie sich die Corona-Pandemie weiter entwickeln wird, und welche Folgen sich daraus für die globale Konjunktur ergeben. Angebotsseitig steht vor allem der Ölverbund Opec+ im Blick. Der Verbund hatte Anfang August seine Förderung in Hoffnung auf eine anziehende Nachfrage leicht angehoben.

Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Doch die Hoffnung könnte sich als trügerisch erweisen. Trotz der Konjunkturerholung in China, Europa und den USA bleibt der Bedarf nach dem schmierigen Rohstoff schwach. Die US-Energiebehörde EIA hat in ihrem jüngsten Monatsbericht ihre Prognose für die Weltölnachfrage sowohl für dieses als auch für nächstes Jahr erneut nach unten revidiert. Der geringere Anstieg der chinesischen Nachfrage und die niedrigere US-Nachfrage nach Benzin sind nur zwei Erklärungsfaktoren.

Indiens Konjunktur bricht wegen Corona ein

Das größte Risiko geht von Indien aus. Der Subkontinent ist der drittgrößte Öl-Importeur der Welt. Doch aktuell leidet Indien unter den weiterhin coronabedingten Einschränkungen. Die Wirtschaft brach im zweiten Quartal um über 20 Prozent ein.

Ölraffinerie Azzawiya, Libyen

Ölraffinerie Libyen. | Bildquelle: imago images / Xinhua

Das Opec+-Treffen am Donnerstag stehe unter einem schlechten Stern, schreibt die Commerzbank in ihrem aktuellen Rohstoffmarkt-Ausblick. Denn inzwischen würden sich selbst treue Mitglieder wie die Vereinigten Arabischen Emirate nicht mehr an die vereinbarten Fördermengen-Kürzungen halten. Im August haben sie täglich 2,7 Millionen Barrel Öl produziert - 100.000 Barrel mehr als erlaubt. Zudem will nun Libyen, das von der Kürzungsvereinbarung ausgenommen ist, seine Produktion wieder erhöhen.

Rettet Saudi-Arabien die Lage?

So spielt mal wieder Saudi-Arabien die entscheidende Rolle. Laut den Commerzbank-Analysten könnten die Saudis die Situation wieder retten. Das könnte kurzfristig den Ölpreis stabilisieren. Aber der nächste Hurrikan im Golf von Mexiko ist schon im Anmarsch...

Opec-Teilnehmer schemenhaft auf einem abgedunkelten Podium in blauem Licht

Opec. | Bildquelle: picture alliance/AP Photo

60 Jahre nach ihrer Gründung hat die Opec viel von ihrer Macht verloren. Heute kontrolliert die Opec zusammen mit ihren neuen Partnern in der Opec+ mehr als 40 Prozent der weltweiten Ölförderung. Das Bündnis funktioniert zwar - aber nur solange der Ölpreis steigt oder hoch bleibt. "Je länger Öl so wenig kostet, desto wahrscheinlicher wird eine Belastungsprobe für das Bündnis", prophezeit Analyst Carsten Fritsch von der Commerzbank. Zu hoch seien die Ölpreise, die die derzeit 13 Mitglieder des Kartells für einen ausgeglichenen Staatshaushalt erzielen müssten.

Das Dilemma des niedrigen Ölpreises

Zwar hielten sich selbst sonst eher weniger disziplinierte Länder wie der Irak, Nigeria und Angola aktuell an die beschlossenen Förderkürzungen, die den Preis um die 45 Dollar pro Barrel (je 159 Liter) pendeln ließen. Aber nicht einmal finanziell starke Mitgliedsländer könnten sich ein solches Preisniveau über lange Zeit leisten. Allein Saudi-Arabien hat nach eigenen Angaben von April bis Juni 32,5 Milliarden Dollar weniger mit seinen Ölexporten eingenommen als im Vorjahreszeitraum.

Heizöl und Diesel-Schriftzüge

Heizöl, Diesel. | Bildquelle: picture alliance / dpa

In den vergangenen Jahren hat der Boom der US-Schieferölindustrie die Marktmacht der Opec arg beschnitten. Nun steckt die Schieferölindustrie selbst in der Krise. Corona hat die Ölpreise weiter dramatisch absacken lassen. Des einen Freud, des anderen Leid: Für Autofahrer und Heizöl-Nutzer können sich über deutlich billigere Preise freuen. Der Heizölpreis ist in Deutschland flächendeckend unter die Marke von 40 Euro gefallen und liegt damit auf einem ähnlichen Niveau wie vor mehr als 16 Jahren. Der Liter Diesel ist an manchen Tankstellen zu manchen Tageszeiten wieder für einen Euro zu bekommen. Das liegt auch am gestiegenen Euro-Kurs. Öl wird in Dollar bezahlt. können sich die Europäer mehr Öl für den gleichen Betrag an Euros kaufen. In Euro gerechnet hat sich der Rohölpreis für Brent von 60 auf weniger als 35 Euro je Barrel verbilligt.

Opec kann Preise nicht mehr diktieren wie 1973

Die Zeiten sind vorbei, als die Opec noch 1973 zum Schreckgespenst für deutsche Autofahrer wurde. Das Kartell griff damals als Strafe für die westliche Unterstützung Israels im Krieg gegen Ägypten zur Ölwaffe. Es verdoppelte über Nacht fast den Preis für Öl und kündigte Produktionskürzungen an. Angesichts einer drohenden Öl-Knappheit beschloss der die Bundesregierung ein Fahrverbot an vier Sonntagen im November und Dezember und - fast vier Monate lang - ein Limit von Tempo 100 auf den Autobahnen.

Heute kann die Opec den Preis nicht mehr einfach diktieren. Aber das Ende 2016 etablierte Zweckbündnis mit zehn weiteren ölproduzierenden Ländern wie dem Rohstoff-Giganten Russland zur Opec+ war ein strategisch wichtiger Schritt. Damit ziehen abgesehen von den USA nun mit Saudi-Arabien und Russland zwei der drei wichtigsten Ölförderländer mehr oder weniger an einem Strang. Die Steuerung des Ölpreises soll über ein auf den Markt abgestimmtes dosiertes Auf- und Abdrehen des Ölhahns funktionieren. Das ist schwer. "Schon allein deshalb, weil niemand wirklich nachprüfen kann, ob die Länder ihren Verpflichtungen nachkommen", sagt Energieexperte Andreas Goldthau von der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt.

BP prognostiziert Ende des Ölzeitalters

Noch gehen Prognosen davon aus, dass langfristig der Ölbedarf noch wächst. Die Opec selbst kalukiert bisher zumindest bis 2040 mit einem deutlichen Plus bei der weltweiten Ölnachfrage - getrieben durch Länder wie China und vor allem Indien sowie den Bedarf an Kunststoffen. Der BP-Konzern sieht das anders. Er glaubt, dass sich der durch die Pandemie eingebrochene Ölverbrauch trotz nachlassender Reisebeschränkungen in den nächsten Jahren nur teilweise erholen kann. Das vermehrte Arbeiten von zu Hause aus werde zu einem langsameren Wachstum des Energieverbrauchs führen, hieß es. Die Experten von BP haben drei verschiedene Szenarien für die Entwicklung der Ölnachfrage berechnet: In zweien gehen sie davon aus, dass der Höhepunkt der Nachfrage bereits 2019 erreicht wurde. Im dritten Szenario erreicht die Nachfrage um 2030 ihren Zenit.

Die Karten auf dem Ölmarkt werden jedenfalls laut Energieexperte Goldthau in den nächsten Jahrzehnten in mehrfacher Hinsicht neu gemischt. "Es wird darum gehen, das Öl umweltfreundlicher zu machen", meint der Experte. Das beginne zum Beispiel schon am Bohrloch, wo klimaschädliche Gase wie Methan frei werden. Das könne man im Sinne des Klimas ändern. "Öl ist außerdem nicht gleich Öl." Das leichtere Öl aus Saudi-Arabien sei weniger umweltbelastend als das schwere Öl Venezuelas, das deutlich weniger zukunftsfähig sei. Es dürfte also nicht viel Anlass für Diskussionen auf den kommenden Opec- und Opec+-Sitzungen geben.

nb