Rohstoffe

Öltropfen vor Ölpumpe

Contango und Backwardation am Ölmarkt Von Rollverlusten und Rollgewinnen

von Angela Göpfert

Stand: 09.07.2012, 16:14 Uhr

Anleger, die auf steigende Öl-Notierungen setzen wollen, müssen sich der Rollproblematik stellen. Sonst riskieren sie im schlimmsten Fall einen Wertverlust ihres Zertifikats - bei steigenden Ölpreisen wohlgemerkt.

Dieser Fall könnte dann eintreten, wenn der Ölpreis - wie so häufig - in "Contango" notiert. Als "Contango" wird eine Konstellation am Terminmarkt bezeichnet, bei der Preise zur Sofortlieferung (Kassa- oder auch Spot-Preis) mit einem starken Abschlag zu Terminpreisen handeln. Dies ist etwa dann der Fall, wenn für den Dezember-Kontrakt höhere Preise bezahlt werden als für den im November auslaufenden Kontrakt. Die entgegengesetzte Marktsituation wird "Backwardation" genannt, kommt aber gerade bei Öl eher selten vor.

Die Gründe für diese missliche Situation

Ein wichtiger Grund dafür, dass Öl mit Liefertermin in der Zukunft zumeist teurer ist als zum aktuellen Zeitpunkt, sind die Lagerkosten. Diese beinhalten unter anderem Lagergebühren, Versicherungskosten und Zinsen.

Höhere Preisabschläge am Kassamarkt können aber auch daraus resultieren, dass am Markt schlicht eine Überversorgung mit dem Rohstoff herrscht, das Öl-Angebot also wegen mangelnder Nachfrage nicht vollständig abgesetzt werden kann. Einen wichtigen Hinweis darauf liefern die wöchentlich veröffentlichten Öllagerbestände der USA (meist mittwochs, 16.30 Uhr).

Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 1 Monat
Kurs
68,41
Differenz relativ
+1,03%

Contango muss aber nicht zwingend steigende Lagerbestände und Marktüberschüsse widerspiegeln, sondern kann auch lediglich ein Hinweis auf eine technische Überverkauftsituation in den vorderen Kontrakten sein. Dies wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn Marktteilnehmer, die üblicherweise in kurz laufende Kontrakte investiert sind wie beispielsweise Hedgefonds oder Indexinvestoren, massiv Kapital aus dem Ölmarkt abziehen.

Die Folgen für den Anleger

Notiert der Ölpreis in Contango, so drohen Anlegern, die mithilfe klassischer Zertifikate auf steigende Öl-Notierungen setzen wollen, starke "Rollverluste". Diese kommen zustande, weil noch vor der Fälligkeit des jeweiligen Terminkontrakts in den nächstfolgenden Terminkontrakt gerollt werden muss, um eine physische Andienung des Rohstoffs zu vermeiden.

Da aber mit dem Erlös der November-Kontrakte wegen der Contango-Terminstruktur weniger Dezember-Kontrakte erworben werden können, liegt nun die Messlatte für den Spot-Markt hoch: Um mit einem in Contango notierenden Rohstoff überhaupt in der Gewinnzone landen zu können, muss der Spot-Preis in jeder Rollperiode noch stärker steigen, als dies in den Futures bereits vorweggenommen wurde.

Was tun dagegen?

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 1 Monat
Kurs
72,60
Differenz relativ
+1,32%

Anleger, die trotz Contango-Situation auf steigende Öl-Notierungen setzen wollen, haben dabei nur wenige Möglichkeiten, Rollverluste komplett zu meiden. So können sie beispielsweise in ETCs oder Laufzeit-Zertifikate investieren, die sich auf einen bestimmten festen Future-Kontrakt beziehen. Oder aber sie setzen auf Aktien von Ölgesellschaften. Allerdings spekuliert man auf diese Weise nicht nur auf die Preisentwicklung der Rohstoffe, sondern handelt sich auch das operative Risiko der jeweiligen Unternehmen ein.

Der direkte Kauf und die Lagerung des Rohstoffs sind dagegen nicht nur vielfach teuer und kompliziert, sondern oft auch schlicht unmöglich. Beim Öl wäre ein solch "natürlicher Hedge" das Auffüllen des eigenen Heizöl-Tanks im Keller - sofern man Besitzer eines Hauses und einer Ölheizung ist.

Die schiere Existenz der Rollverluste legt daher nahe, dass Anleger, die auf steigende Ölpreise spekulieren möchten, von dem Aufwärtstrend schon sehr überzeugt sein sollten. Denn nur wenn die Notierungen besonders dynamisch zunehmen, werden die möglichen Gewinne nicht durch Rollverluste aufgefressen.

Achtung, Emittentenrisiko!

Eine Möglichkeit, Rollverluste zumindest teilweise zu kompensieren, bieten strukturierte Derivate wie etwa Mini-Long-Zertifikate, bei denen gehebelt auf eine Preisentwicklung gesetzt wird. Damit handelt sich der Anleger aber auch höhere Risiken mit ein, denn der Hebel wirkt stets in beide Richtungen. Mittlerweile bieten einige Emittenten auch Zertifikate an, die mit so genannten "rolloptimierten" Strategien arbeiten. Dafür fallen allerdings oftmals hohe Gebühren an.

Bei allen Zertifikaten, darunter fallen auch ETC, trägt der Anleger zudem das Emittentenrisiko: Geht die emittierende Bank pleite, wird auch das Zertifikat wertlos. Ein Blick auf die CDS (Credit Default Swaps) der Bank, also darauf, wie hoch der Markt das Ausfallrisiko eines Instituts einschätzt, hilft Anlegern bei der Risiko-Bewertung.