Öl rinnt durch Hände

Chaos am Ölmarkt Ölpreis zeitweise negativ!

Stand: 21.04.2020, 13:58 Uhr

In den USA ist der Preis für die Ölsorte WTI erstmals in seiner Geschichte ins Minus gerutscht. Verkäufer mussten am Montag Geld zahlen, damit jemand ihnen das Öl abnimmt. Auf steigende Preise zu wetten ist derweil besonders risikoreich.

Der Preis für den Terminkontrakt auf die US-Sorte WTI für Mai brach im Tief um mehr als 58 Dollar auf bis zu minus 40,32 Dollar je Barrel (159 Liter) ein. "Seit Einführung der Future-Märkte 1985 hat es sowas noch nie gegeben", kommentierte Salah-Eddine Bouhmidi von IG.

"Wohin mit dem ganzen Öl?"

"Ölexportierende Staaten konnten sich noch nicht wirklich auf drastische Förderkürzungen einigen", so Bouhmidi. Die bisherigen Kürzungen seien "lächerlich" gewesen. Zugleich habe das Coronavirus dem Ölmarkt den Rest gegeben. Die Pandemie hat die Ölnachfrage weltweit um fast ein Drittel einbrechen lassen. Nun stelle sich die Frage: "Wohin mit dem ganzen Öl?", so Bouhmidi.

Markus Gürne
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Öl zum Nulltarif

Da am heutigen Dienstag der Future-Kontrakt für den Monat Mai ausläuft, hatten viele Händler, die diese Finanzinstrumente nur spekulativ handeln, diese zum Wochenstart sogar mit hohen Verlusten zu verkaufen versucht. Sonst nämlich droht ihnen die Lieferung des Öls.

Das Problem: Volle Lager

Käufer stehen jedoch vor dem Problem, dass die Kapazitäten der Lager bald erschöpft sein dürften. Das erhöht das Kostenrisiko für die Lagerung eingekaufter Ölmengen erheblich. Dieses Risiko führte zur historischen Marktanomalie negativer Preise beim fälligen Kontrakt.

Experten schätzen, dass in ein bis zwei Monaten die Tanks weltweit zum Überquellen gefüllt sein werden.

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
Kurs
43,36
Differenz relativ
+2,65%
Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
Kurs
40,71
Differenz relativ
+2,85%

Auch am Dienstag ging es für die Preise tendenziell weiter nach unten. Der Mai-Kontrakt blieb überwiegend im negativen Bereich. Der Juni-Kontrakt für WTI notierte zeitweise unter 12 Dollar. Der Juni-Kontrakt der Nordsee-Sorte Brent wurde zeitweise mit gut 18 Dollar gehandelt.

Auch bei Fälligkeit des Juni-Kontrakts für WTI droht das Abnahmeproblem angesichts der fast erschöpften Lagerkapazitäten, wie etwa Neil Wilson von Markets.com ausführt. Bei Brent sind die Lagerengpässe laut Wilson etwas weniger dramatisch.

Vorsicht, Contango!

Privatanleger, die auf eine Erholung der Ölpreise setzen wollen, sollten bedenken, dass die derzeitige Terminmarktstruktur gegen sie arbeitet.

Derzeit werden längerlaufende Kontrakte deutlich höher als nächstfällige Kontrakte bewertet, was man Contango nennt. Anleger, die etwa mit Zertifikaten auf den Ölpreis wetten, müssen daher empfindliche Rollverluste einkalkulieren.

Kaum Auswirkungen auf Spritpreise erwartet

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ARD-Börse: Schwere Turbulenzen am Ölmarkt

Wer nun auf stark sinkende Preise an der Zapfsäule hofft, dürfte leider enttäuscht werden. Das Drama spielt sich derzeit rund um die amerikanische Ölsorte WTI ab. Diese sei "nicht entscheidend für den deutschen Markt", sagte ein ADAC-Sprecher am Dienstag, sondern die europäische Sorte Brent.

Auch der Mineralölwirtschaftsverband MWV verwies auf Brent als für Europa entscheidende Sorte. Der Preis an der Zapfsäule hänge zudem auch von anderen Kosten als dem Ölpreis ab: Alleine Steuern machten bei Benzin 72 und bei Diesel 60 Prozent aus.

ME/la/dpa