Johan Sverdrup Ölfeld in der Nordsee

Jetzt gerät auch Brent massiv unter Druck Benzin wird billiger

Stand: 22.04.2020, 11:18 Uhr

Jetzt wird sich das Chaos am Ölmarkt auch an der Zapfsäule bemerkbar machen. Nachdem der Preis für US-Rohöl am Montagabend zeitweise ins Minus gefallen war, gerät nun auch die Nordseesorte Brent massiv unter Druck - und fiel am Morgen auf den tiefsten Stand seit 1999.

Der Preis ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete heute erstmals seit 1999 weniger als 16 Dollar. Zuletzt konnte sich der Kurs wieder etwas erholen und lag bei 16,77 Dollar - das Minus beträgt aber immer noch mehr als 2,54 Dollar oder knapp 13 Prozent. Damit beschleunigt sich auch bei Brent die Talfahrt dramatisch. Mitte April hatte ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte noch rund 30 Dollar gekostet.

Auch beim Brent rückt das Ende des Terminkontrakts zur Lieferung im Juni am 30. April näher. Der Folgekontrakt für Juli steht ebenfalls unter Druck. Am Morgen lag dessen Preis bei 21,34 Dollar und hatte damit zum Vortag um 1,78 Dollar nachgegeben. Auch alle anderen Brent-Terminkontrakte mit Fälligkeiten bis ins Jahr 2029 gaben am Morgen nach.

Preis könnte auf Null fallen

Nach Ansicht von Experten wie Neil Wilson vom Londoner Brokerhaus Markets.com hat der Zusammenbruch der Preise für WTI zu Beginn der Woche die Marktteilnehmer derart erschreckt, dass nun auch Brent unter Druck gerät. Allerdings hält Wilson ein Abrutschen in den negativen Bereich noch für unwahrscheinlich. Weil die globalen Speicherkapazitäten aber immer knapper werden, könne es durchaus sein, dass auch für Brent kaum noch Gebote abgegeben werden und der Preis auf Null fällt.

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 1 Woche
Kurs
48,24
Differenz relativ
+1,05%
Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 1 Woche
Kurs
45,52
Differenz relativ
+1,22%

Zuletzt füllten sich die Lager auch in Indien, das mit seinem Ölkonsum weltweit an dritter Stelle steht. Laut Angaben von Vertretern dreier staatlicher Ölverarbeiter seien 95 Prozent der Lagerkapazitäten aufgebraucht.

Kriminelle Machenschaften am Werk?

Zum Wochenauftakt stand vor allem der Markt für die amerikanische Sorte West Texas Intermediate (WTI) im Fokus. Dort hatte ein Kontraktwechsel für historische Marktverwerfungen gesorgt - der Preis für den Terminkontrakt zur Auslieferung für Mai war am Montag heftig ins Minus gerutscht.

Es war das erste Mal überhaupt, dass für die Abnahme von Öl Geld bezahlt wurde. Grund dafür war, dass es derzeit in den USA kaum noch Lager für Öl gibt, weil die Nachfrage in der Coronakrise so stark gesunken ist. Vor der Westküste liegen viele voll geladene Tanker. Der französische Rohstoffexperte Benjamin Louvet sprach von einer "Verkäuferkrise".

Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, glaubt, dass der Einbruch durch einen einzigen illiquiden Kontrakt hervorgerufen wurde und technische Hintergründe hatte. Allerdings will Weinberg auch einen kriminellen Hintergrund nicht ausschließen. Genau weiß das jedoch niemand.

Es geht weiter abwärts

Nicht nur bei Öl-Unternehmen, sondern auch bei Banken und Fonds sorgt der niedrige Ölpreis für Kopfzerbrechen. Der United States Oil Fund, eines der größten Werkzeuge für Rohöl-Investitionen, hatte Schwierigkeiten, seine Anlagen in länger-laufende Terminkontrakte zu verschieben.

Erdölraffinerie bei Sonnenuntergang

Erdölraffinerie. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Marktbeobachter sahen zuletzt die gesamte Existenz des US-Ölfonds bedroht. "Der gesamte Energiemarkt steht immer noch auf Messers Schneide, da die Probleme des Mai-Kontrakts für WTI weitläufig übergeschwappt sind", hieß es von Howie Lee, Ökonom der Oversea-Chinese Banking Corporation. Auch würden die Probleme bei den Lagerkapazitäten bestehen bleiben, selbst wenn die Nachfrage wieder anzieht.

Auch Spritpreise dürften weiter sinken

Verheerende Auswirkungen könnte der Ölpreisverfall auch für Saudi-Arabien haben. Dem Land droht ein riesiges Haushaltsloch, weil das Budget auf Preisen zwischen 70 und 80 Dollar je Barrel aufbaut. Und in den USA droht die Pleite vieler kleiner Firmen, die Öl aus dem nun unrentabel gewordenen Fracking gewinnen. Was Russland angeht, so bewahrt der Kreml noch eine olympische Ruhe. Sein wichtigster Sprecher Dmitri Peskow tat die Geschehnisse jüngst als "spekulativen Augenblick" ab und rief dazu auf, alldem keinen "apokalyptischen Anstrich" zu geben.

Für die Autofahrer bedeutet der Einbruch niedrigere Kraftstoffpreise. Bereits seit Ausbruch der Krise sind Super und Diesel deutlich billiger als noch im Februar. Der Mineralölwirtschaftsverband will zwar keine Prognose abgeben, verwies jedoch auf frühere Entwicklungen, wo die Spritpreise auch den Preisen für Rohöl folgten. Wie stark der Effekt sein wird, lässt sich nicht abschätzen. Nur soviel ist sicher: Auf Null werden die Spritpreise allein schon wegen des hohen Steueranteils nicht sinken. Bei Benzin beispielsweise liegt der Energiesteuersatz bei 65,45 Cent je Liter.

lg