Nächtliche Tankstelle

Die "Driving Season" hat begonnen Feiertage, Ferien und steigende Benzinpreise?

von Thomas Spinnler

Stand: 07.06.2019, 06:45 Uhr

Die Pfingstferien stehen vor der Tür und auch der Sommer rückt immer näher. Gefühlt steigen die Benzinpreise immer zur Ferienzeit. Müssen sich Autofahrer wieder einmal auf steigende Spritpreise einstellen?

Ein Blick in die Vergangenheit sagt: Vermutlich ja. Der saisonale Ölpreis-Chart zeigt, dass sich ein regelmäßiger Anstieg im Frühjahr statistisch gut belegen lässt. Dass die Benzin- und Rohölpreise im Frühjahr meistens zulegen, erklären Experten vor allem mit der wachsenden Nachfrage. Mit der schönen Jahreszeit und der beginnenden Urlaubssaison nimmt das Verkehrsaufkommen auf den Straßen zu.

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 6 Monate
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In den USA ist deshalb die Rede von der „Driving Season“, die in jedem Jahr mit dem Feiertag „Memorial Day“ am 27. Mai beginnt. „Die Autobahnen füllen sich und der Umsatz der Tankstellen explodiert. Dies führt zu fallenden Lagerbeständen und einem entsprechend steigenden Preis für Öl“, schreibt Max Holzer, Leiter im Portfoliomanagement beim Fondsanbieter Union Investment.

Die saisonale Statistik mag dem Verbraucher oder Anleger eine gewisse Orientierung bieten, der Preis orientiert sich daran natürlich nicht. Und tatsächlich sieht es aktuell danach aus, als könnte es in diesem Jahr einen statistischen Ausreißer geben.

Rohöl saisonal 30 Jahre. | Bildquelle: Seasonalcharts, Dimitri Speck

Ist dieses Mal alles anders?

Wie aktuelle Daten des ADAC für den Monat Mai zeigen, blieb der Preis für Superbenzin unverändert. Der Dieselpreis ist sogar gesunken. In der Tat ist auch der Ölpreis in den vergangenen Wochen regelrecht abgeschmiert. Ein Barrel (159 Liter) der US-Sorte WTI kostete Ende April noch mehr als 66 Dollar, so viel wie noch nie in diesem Jahr. Aktuell liegt der Preis noch bei rund 52 Dollar. In den vergangenen vier Wochen sind die WTI-Notierungen um mehr als 15 Prozent gesunken. So günstig war Rohöl zuletzt im Februar.

Öltanker Audio

B5 Börse 4. Juni: Ölpreis fällt

Ein wichtiger Grund dafür ist der Trump-Faktor: Der Handelsstreit zwischen den USA und China scheint festgefahren, die Hoffnungen auf eine baldige Lösung haben sich zerschlagen. Die Sorge vor einer merklichen Abschwächung der Ölnachfrage in Folge des sich verschärfenden Handelskonflikts sei Ursache für die aktuelle Schwäche, schreiben die Experten der Commerzbank in einem aktuellen Kommentar zum Ölmarkt.

Die Marktteilnehmer treibt die Sorge vor eine sich abschwächenden Weltwirtschaft um - mit negativen Folgen für die Nachfrage. Auch viele globale Konjunkturdaten deuteten zuletzt in diese Richtung.  

Kraftstoffpreise in Deutschland, März bis Mai 2019

Kraftstoffpreise in Deutschland. | Bildquelle: ADAC, Grafik: boerse.ARD.de

Die Nachfrage wird steigen…

Aber die Finanz- und Rohstoffmärkte sind vor allem ein Tagesgeschäft, deshalb sollten sich die Autofahrer nicht zu früh freuen. Die Stimmung kann jederzeit drehen, etwa wenn es doch noch zu einer Lösung im Zollkonflikt kommen sollte. Und Union-Investment-Experte Holzer rechnet sowieso wieder mit deutlich anziehenden Preisen im Sommer: Neben der Nachfrageerhöhung durch die „Driving Season“ sei ein Grund „die Verknappung des Angebots, unter anderem weil die US-Ausnahmeregelungen für iranisches Öl ausgelaufen sind“.       

Bei dem durch die Sanktionen verknappten Ölangebot dürfte es laut Holzer zunächst bleiben, „denn es gibt derzeit kein Land, das die Angebotsausfälle kompensieren kann und will“. Saudi-Arabien, der größte Erdölexporteur der Welt, könnte die Lücke zwar füllen, scheine aber nicht dazu bereit zu sein, so die Einschätzung des Fachmanns.

… das Angebot eher nicht

Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 6 Monate
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Denn der Ölpreis ist immer auch ein politischer Preis, über den wesentliche Akteure auf dem Markt eigene Interessen verfolgen: Um den Ölpreis zu stützen, hatten sich die Mitglieder des Ölkartells Opec und Russland auf eine Förderbremse geeinigt. Bis Anfang Juli wollen sie nun eine Entscheidung treffen, wie es dabei weitergeht. Saudi-Arabien hatte sich jüngst zu der Förderbremse bekannt, die eine weitere Talfahrt des Ölpreises bremsen könnte. Eine verlässliche Prognose ist mithin ungeheuer schwierig.  

Außerdem gilt es immer noch zu beachten, dass Öl an den Weltmärkten in Dollar notiert und gehandelt wird. So kann es durchaus passieren, dass trotz fallender Ölpreise die Tankrechnung höher als erwartet ausfällt, einfach weil der Dollar zum Euro gestiegen ist. Auch der Devisenmarkt spielt bei der Preisentwicklung also eine wichtige Rolle.  

Zusammensetzung des Verbraucherpreises für Superbenzin, April 2019

Zusammensetzung des Verbraucherpreises für Superbenzin . | Bildquelle: Mineralölwirtschaftsverband e. V., Grafik: boerse.ARD.de

„Kraftstoffpreise sind Marktpreise“   

Und wie kommen die Spritpreise eigentlich zustande? Kraftstoffpreise seien Marktpreise, erfährt man zum Thema auf der Website des ADAC. „Letzten Endes entscheidet der Wettbewerb über die Höhe des konkreten Preises an der Tankstelle.“ Für alle, die an die segensreichen Resultate einer Preisbildung über Angebot und Nachfrage glauben, klingt das nach einer frohen Botschaft.

Leider sieht die Realität wohl etwas anders aus: In einer Sektoruntersuchung aus dem Jahr 2011 kommt das Bundeskartellamt zum Ergebnis, dass „sich fünf große Mineralölunternehmen BP (Aral), Jet, ExxonMobil (Esso), Total und Shell gegenseitig keinen wesentlichen Wettbewerb machen und damit auf den Tankstellenmärkten ein marktbeherrschendes Oligopol bilden“.

Deshalb wurde die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe eingerichtet, die es ermöglichen soll, sich über die aktuellen Kraftstoffpreise zu informieren. Immerhin muss der Verbraucher jetzt nicht mehr nur staunend zusehen, wie der Preis steigt oder fällt. Er kann, wie es übrigens auch er ADAC empfiehlt, per App Preise vergleichen und dort tanken, wo es wenigstens verhältnismäßig günstig ist.