1973 reloaded Die Angst vor dem Ölschock

von von Angela Göpfert

Stand: 19.09.2018, 06:45 Uhr

Der Ölpreis steigt und steigt. Das bekommen auch die Verbraucher an den Tankstellen immer mehr zu spüren. Zu allem Übel droht der hohe Ölpreis, die globale Konjunktur abzuwürgen. Das wiederum weckt unschöne Erinnerungen.

1973 wurde sich die Weltwirtschaft ihrer eigenen Abhängigkeit vom Öl schlagartig bewusst. Die Ölkrise löste in Deutschland die erste tiefgreifende Rezession der Nachkriegszeit aus. Nicht nur die Preise für Benzin, Diesel und Heizöl stiegen dramatisch.

Auch die Inflation erhielt einen neuen Schub. Gleichzeitig begann die Arbeitslosigkeit immer weiter anzusteigen – ein bis dato nie dagewesenes Phänomen.

Die Ölkrise von 1973

Die Ölkrise von 1973 ist die erste und folgenreichste ihrer Art: Anlässlich des Jom-Kippur-Krieges beschloss die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten (OAPEC) einen Lieferboykott der westlichen Industrieländer. Die Industrieländer wurden durch das Ölembargo eiskalt erwischt. Binnen weniger Monate stieg der Ölpreis von drei auf über 12 Dollar je Barrel. Das löste in den Industrieländern eine schwere Rezession aus. Die Bundesregierung verhängte an vier Sonntagen im Winter 1973 ein Fahrverbot.

Benzin-Preis auf Vier-Jahres-Hoch

Ein Auto wird vollgetankt

Das macht den Deutschen zurzeit keinen Spaß. | Quelle: picture-alliance/dpa

Ganz so dramatisch lesen sich die Entwicklungen im Spätsommer/Herbst 2018 nicht. Doch die steigenden Ölpreise hinterlassen schon jetzt ihre unschönen Spuren. Zum Beispiel auf der Heizöl-Rechnung – und an den Tankstellen. Im September kletterte der Preis für einen Liter Super E 10 laut ADAC erstmals seit 2014 wieder auf 1,50 Euro pro Liter.

Auch die Preise für Diesel haben in den vergangenen Wochen mächtig angezogen. Der wohl wichtigste Grund für die steigenden Spritpreise: der anziehende Ölpreis.

Erdölmarkt in "kritischer Phase"

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 2 Jahre
Kurs
57,61
Differenz relativ
+1,14%

Der Preis für die Nordseesorte Brent ist binnen eines Jahres um mehr als 40 Prozent gestiegen, das vorläufige Jahreshoch liegt bei knapp 80 Dollar je Barrel. Kursziele von 100 Dollar und mehr machen die Runde.

Die Internationale Energieagentur (IEA), eine Energie-Denkfabrik der Industrieländer, schreibt in ihrem jüngsten Monatsbericht, dass der Erdölmarkt eine "kritische Phase" erreicht habe.

Neuer Preisschub im November?

Fakt ist: Ab November könnte sich die Lage nochmals deutlich verschärfen. Denn dann treten, Stand heute, die amerikanischen Sanktionen gegen den Iran in Kraft. Der Iran gehört mit einer täglichen Produktionsmenge von 3,8 Millionen Barrel pro Tag zu den größeren Förderländern.

Am Markt wird derzeit ein Rückgang der iranischen Förderung um 1,0 Millionen Barrel pro Tag erwartet. Experten halten einen Rückgang der Förderung um bis zu 2,0 Millionen Barrel für möglich.

Iran Öl

Drosselt der Iran die Produktion, dann verschärft sich die Lage. | Bildquelle: colourbox.de

Donald Trump als Preistreiber

Damit ist die Iran-Politik von Donald Trump einer der Hauptverursacher eines befürchteten Angebotsengpasses. Trump selbst versucht nun, mit der Öffnung der Öl-Reserven gegenzusteuern.

Donald Trump

Donald Trump unter Druck: Am 4. November sind die Midterm Elections. | Bildquelle: picture alliance/AP Images

Denn niedrige Kraftstoffpreise liegen im ureigenen Interesse des US-Präsidenten. Am 4. November finden in den USA die Midterm Elections statt. Und Preise von knapp 3,00 Dollar je Gallone sind im historischen Vergleich eher teuer, sprechen also nicht gerade für die Partei des Amtsinhabers.

Kurzfristig scheint Trumps Strategie aufzugehen: US-Öl ist zurzeit immerhin wesentlich günstiger als die Nordseesorte Brent.

Schwacher Euro als Preistreiber

Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 2 Jahre
Kurs
47,62
Differenz relativ
+1,28%

Die deutschen Verbraucher haben somit von den kurzfristig motivierten Bemühungen des US-Präsidenten herzlich wenig. Zumal sie zusätzlich unter dem steigenden Dollar zu leiden haben, der die Tankstellenpreise in der Bundesrepublik zusätzlich in die Höhe treibt.

Die Ölpreise notieren nämlich in Dollar: Steigt der Dollar, verteuert das das Öl für Käufer aus dem Nicht-Dollar-Raum.

Echte Gefahr oder Panikmache?

Doch müssen wir angesichts eines Ölpreis-Anstiegs um mehr als 40 Prozent binnen eines Jahres wirklich gleich die nächste Ölkrise befürchten? Oder ist das alles Panikmache? Eine Methode, einen Ölpreisanstieg wissenschaftlich einzuordnen, stammt von dem Ökonomen James Hamilton, der zurzeit an der University of California lehrt.

Demnach ist ein Ölpreisanstieg lediglich eine Rückkehr zur "Norm", solange er sich unterhalb seines Drei-Jahres-Hochs abspielt. Notiert der aktuelle Ölpreis dagegen oberhalb dieser Marke, steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Ölschock. Gemäß Hamilton flackern derzeit am Rohstoffmarkt die stärksten Warnsignale seit 2008 auf.

Ein Ölschock mit Folgen

Dabei sind die Folgen des ersten Ölschocks in Deutschland noch heute zu spüren: Die Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts erreichten nach Überwindung der Rezession kein einziges Mal mehr die hohen Werte der Zeit vor der Ölkrise. Auch die Arbeitslosenquote, die vor der Krise bei 0,7 bis 2,1 Prozent lag, kam nie wieder auf das alte Niveau zurück.