Stefan Müller

Rohstoffe "Die Autoindustrie hat ein Riesenproblem"

Stand: 22.02.2018, 11:09 Uhr

Die E-Auto-Revolution wirft ihre Schatten voraus. Rohstoffexperte Stefan Müller von der Deutschen Gesellschaft für Wertpapieranalyse sieht große Versäumnisse bei der deutschen Autoindustrie. Der Grund: Kobalt und Lithium.

boerse.ARD.de: Herr Müller, ein Technologieriese namens Apple will die langfristige Versorgung mit Kobalt für seine Batterien offenbar erstmals über direkte Gespräche mit Minenbetreibern sicherstellen. Was macht diese Nachricht so bemerkenswert?

Stefan Müller: Sie wirft ein Schlaglicht auf ein Riesenproblem der deutschen Autoindustrie. Bisher kauft die Industrie ihre Rohstoffe direkt an den Börsen oder auch bei Händlern wie zum Beispiel Glencore - wenn nun Apple, also eine der mächtigsten Firmen der Welt, selbst nicht mehr daran glaubt, mit ihren quasi unendlichen Möglichkeiten eine zuverlässige Lieferung von in diesem Fall Kobalt sicherstellen zu können und sich selbst direkt an Minenunternehmen wendet, wie steht es dann um die Situation in Wolfsburg, München oder Stuttgart?

boerse.ARD.de: Haben die deutschen Autobauer denn nicht die Marktmacht, um ihre Versorgung zu auskömmlichen Preisen zu sichern?

Müller: In diesem Fall ganz klar und wohl auch erstmalig nein. Jeder will und braucht Lithium und Kobalt und die Hersteller (Minengesellschaften) können sich faktisch aussuchen, mit wem sie ins Geschäft kommen. Ich selbst bin im Board von zwei Kobalt- und Lithium-Rohstoffunternehmen und spreche aus Erfahrung.

boerse.ARD.de: Wie könnte sich das Versorgungsproblem in den kommenden Jahren lösen lassen?

Müller: Wie immer mit Geld. Es gibt grundsätzlich genug Lithium und Kobalt, aber der Weg zur Produktion ist teuer. Die Industrieunternehmen werden daher die entsprechenden benötigten Mittel zur Verfügung stellen, um diesen Prozess zu beschleunigen. Genau dies macht zum Beispiel jetzt ja Apple.

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boerse.ARD.de: Könnte es auch zu Produktionseinschränkungen kommen?

Müller: Der Betrieb einer Mine ist komplex – es kann immer wieder zu Problemen kommen. Aber bedeutender ist noch, dass viele zukünftige Lithium- und Kobalt-Minen auf wackeligen Füßen stehen oder in politisch schwer kalkulierbaren Regionen liegen – der Markt hat lange zu wenig genau hingeschaut und es gibt immer häufiger Verzögerungen bei der Inbetriebnahme der Projekte. Dies ist leider üblich, wurde aber bisher ignoriert. Umgekehrt wurde ebenfalls die Dynamik der Nachfrageentwicklung unterschätzt, denn es sind ja nicht nur Autos, die Batterien brauchen, sondern auch Fahrräder, Roller und alles, was zum Beispiel im Haushalt aktuell noch ein Kabel hat.

Jährliche Verkäufe von E-Autos

Die jährlichen Verkäufe von Elektro-Autos sollen 2030 die Marke von 24,4 Millionen passieren. | Bildquelle: Bloomberg, Grafik: boerse.ARD.de

boerse.ARD.de: Für Anleger scheint diese Problematik ja Chancen zu eröffnen. Wie könnten Privatanleger am Boom von Kobalt und Lithium teilhaben?

Müller: Ein Investment in Unternehmen mit aussichtsreichen Lithium- und Kobaltprojekten ist sicher der richtige Weg – denn jeder, der dieses Produkt liefern kann, wird es auch verkaufen. Bei den aktuellen Preisen werden all diese Unternehmen gutes Geld verdienen und die Preise werden auch weiterhin eher steigen als fallen. Ich selbst bin unter anderem Direktor von European Lithium und wir werden wohl die ersten sein, die in Europa Lithium fördern (Wolfsberg in Österreich) und damit unseren zukünftigen Kunden eine strategisch einmalige Möglichkeit bieten, sich ihr Lithium zu sichern, da der Weltmarkt ansonsten von Chinesen dominiert wird. Dieses Projekt genießt daher auch Beachtung in Wien und Brüssel.

boerse.ARD.de: Wenn überhaupt, wo kann man sich zeitnah über die Preise von Lithium und Kobalt informieren?

Müller: Schwer, es gibt keinen Börsenhandel, sondern nur direkte Abnahmeverträge, daher ist der Markt auf Schätzungen angewiesen. Diese werden jedoch regelmäßig veröffentlicht und zeigen eine klare Richtung.


Das Gespräch führte Detlev Landmesser.