Stefan Müller

Interview mit Rohstoffberater Stefan Müller "90 Prozent der Lithium-Aktien überbewertet"

Stand: 06.12.2017, 16:26 Uhr

Rohstoffexperte Stefan Müller von der Deutschen Gesellschaft für Wertpapieranalyse warnt vor einem Lithium-Hype. Viele Aktien seien unseriös und zu hoch bewertet. Gegenüber boerse.ARD.de erklärt er, was Anleger beim Kauf von Lithium-Aktien beachten sollten.

boerse.ARD.de: Lithium ist der neue Star am Börsenhimmel. Der Lithium-Preis hat sich binnen eines Jahres verdoppelt, Anleger reißen sich um Aktien von Firmen, die irgendwie mit Lithium zu tun haben - von Fördergesellschaften, Explorern bis hin zu Batterieherstellern. Ist der Lithium-Hype übertrieben?

Stefan Müller: Ja, vor allem bei kleinen Explorer-Werten, die von Börsenbriefen gepusht werden. Der Lithium-Markt ist momentan völlig versaut durch Promoter und dubiose Experten. Privatanleger fallen auf die Marktschreier herein und vergessen oft, dass Rohstoffpreise und Aktienkurse von Explorationsfirmen nicht unbedingt korrelieren. Von der Mine bis zum Prozess ist es oft ein sehr, sehr langer Weg.

boerse.ARD.de: Können Sie Negativ-Beispiele von windigen Lithium-Explorern nennen?

Müller: Mir fällt da auf Anhieb Senator Minerals ein. Die Aktien des kanadischen Junior Explorations-Unternehmens schossen in diesem Jahr von 40 Cent auf bis 1,34 Euro, bevor sie wieder auf ihr vorheriges Niveau absackten. Senator Minerals verfügt über ein Stück Land in der Provinz Saskatchewan, unter dem ein großes Uran-Vorkommen vermutet wird. Das Unternehmen hat keine Mine und fördert nichts. Es gibt keine harten Fakten. In Kanada kennt niemand die Aktie. In Deutschland dagegen wurde Senator Minerals kräftig gepusht, viele Kleinanleger steckten Hunderttausende Euros in die Aktien - und dürften viel Geld verloren haben.

boerse.ARD.de: Sind die meisten Lithium-Explorer-Aktien also zu teuer?

Müller: 90 Prozent der Lithium-Branche ist meiner Meinung nach überbewertet. Viele Aktien schwimmen auf dem Hype. Die Explorer haben einige Projekte, die noch ganz weit weg sind. Oft haben sie nicht einmal eine Machbarkeitsstudie. Ohne die sollten Anleger aber die Finger von der Aktie lassen. Sie können nur in Titel investieren, bei denen es harte Fakten zum wirtschaftlichen Potenzial der Exploration gibt.

boerse.ARD.de: Vier Produzenten (Albemarle, FMC, Tianqi und SQM) dominieren den Weltmarkt. Sollten Anleger lieber auf diese Lithium-Aktien setzen?

Müller: Aktien der wenigen Produzenten sind ein direkter Weg, in den Lithiumpreis zu investieren. Denn anders als Gold, Silber oder andere Edelmetalle wird Lithium an der Börse nicht gehandelt.

boerse.ARD.de: Was halten Sie von Aktien der Lithium-Ionen-Batterien-Hersteller, die zuletzt stark gelaufen sind, wie zum Beispiel die chinesische BYD. Sehen Sie hier noch Kurspotenzial?

Müller: Ich sehe hier nicht mehr großes Potenzial. Bei BYD bin ich extrem vorsichtig, denn der Lithium-Ionen Markt ist schwer kalkulierbar. Darüber hinaus haben chinesische Aktien irgendwann meist enttäuscht.

boerse.ARD.de: Wäre es nicht die sicherste Alternative, in einen ETF wie den Global X Lithium & Battery zu investieren?

Müller: Für die, die nicht zu tief in den Lithium-Markt einsteigen wollen, ist ein gut gemanagter ETF ein geeignetes Instrument. Explorer-Aktien eignen sich dagegen für Anleger, die sich der hohen Risiken bewusst sind.

boerse.ARD.de: Worauf sollten Anleger bei der Auswahl von Lithium-Aktien achten?

Müller: Sie sollten zunächst mal schauen, ob das Geschäftsmodell der Firma auf guten harten Fakten beruht oder nur vom Lithium-Hype profitiert. Ebenso sollte geprüft werden, ob es Studien zu den (Explorations-)Projekten gibt. Ein weiteres Kriterium für die Seriosität der Aktien ist die Aktionärsstruktur. Wenn sich internationale und institutionelle Investoren unter den Aktionären befinden, ist das ein gutes Zeichen. Wird der Wert umgekehrt nur durch Promoter gepusht, ist es negativ. Schließlich sollten die Anleger noch checken, wie das Management beteiligt ist. Wenn viele Manager des Unternehmens sehr billige Aktienoptionen haben, ist Vorsicht angesagt.

boerse.ARD.de: Die deutsche Industrie hat jüngst vor massiver Rohstoffknappheit gewarnt, falls es zum Elektroauto-Boom hierzulande kommt. Hat sie Recht? Wie knapp ist Lithium wirklich?

Müller: Bisher gibt es noch genug Lithium auf der Welt. Doch es ist ein Kraftakt, den Rohstoff in die Minen zu bringen. Die Deutsche Rohstoffagentur (Dera) hat sich die Minen-Projekte angeschaut und ist zum Schluss gekommen, dass sich viele von diesen Vorhaben wohl verzögern werden. Insofern ist der Weckruf der Dera durchaus berechtigt.

boerse.ARD.de: Sie sind Non-Executive Director der European Lithium, die im österreichischen Kärnten (Wolfsberg) voraussichtlich ab 2020 Lithium abbauen wird. Was machen Sie besser als andere Explorer?

Müller: Bei European Lithium gibt es vor allem bereits eine Mine und eine vorläufige Machbarkeitsstudie. Diese enthält eine Empfehlung zum Bohrprogramm 2018. Zudem hat die Studie das Projekt bewertet, und jeder kann auf Basis der dortigen Annahmen selbst nachrechnen. Anleger können also auf harte Fakten setzen, wenn sie die Aktien kaufen wollen.

Das Interview führte Notker Blechner.