Hände tippen auf Schlüsselsymbole

Krypto-Börsengänge mit Sicherheiten für Anleger ICOs sind tot - es lebe der STO!

von Till Bücker

Stand: 18.10.2018, 16:03 Uhr

Die Blockchain-Technologie wird den Finanzsektor revolutionieren. Das meint zumindest Philipp Sandner, Professor am Blockchain Center der Frankfurt School of Finance & Management. Dabei spiele das Thema Security Token Offering (STO) als Finanzierungsmöglichkeit besonders für Startups eine große Rolle - aber auch für Anleger.

Initial Coin Offering

Initial Coin Offering. | Bildquelle: colourbox.de

Die sogenannten Initial Coin Offerings, kurz ICOs, haben einen heftigen, aber kurzlebigen Hype erlebt. Für Startups aus dem Kryptowährungs-Bereich waren sie ein Segen: Sie erzeugten und verkauften auf einer Blockchain basierende digitale Gutscheine ihrer Projekte, genannt Tokens oder Coins, an Investoren. So konnten sie ihre Arbeit ohne den mühsamen Umweg über den traditionellen Kapitalmarkt finanzieren und wie beim Crowdfunding Geld sammeln.

Die jungen Firmen versprachen die Erschaffung einer neuen digitalen Währung, wie Bitcoin, Ether oder XRP, und verkauften im Vorhinein deren Einheiten. Anleger hatten so die Möglichkeit, in eine Kryptowährung zu investieren, die es noch gar nicht gab. Ihre Vision: Falls das Projekt Erfolg hat, könnten sie die Tokens mit einem Aufschlag verkaufen.

Fünf Prozent aller deutschen Startup-Finanzierungen waren ICOs

Ein Beispiel: Im Juli 2016 wurde die Frankfurter Firma TrustedCars gegründet, ein Online-Shop für Neu- und Gebrauchtwagen, die bis vor die Haustür geliefert werden. Mit der App "TrustedCars Flex" sollten Kunden ohne langfristige Verträge gegen günstige wöchentliche Zahlung ein gepflegtes Auto beliebig lange fahren und gegen andere Wagen tauschen können. Das Ganze geht auf eine Blockchain-Datenbank zurück, in der Kilometerstand, Fahrzeug-Identifikationsnummer und Zustand der Autos gespeichert sind.

Geld für die App sammelte der Gründer von Mai bis Oktober 2018 über einen ICO: Investoren bekamen gegen Geld die digitale Währung "FLEX", deren Grundlage die Kryptoplattform Ethereum ist. Sie soll auch in der Auto-Leih-App das Zahlungsmittel sein.

ICOs sorgten für Wirbel in der Krypto-Welt. „Im ersten Halbjahr 2018 waren 13 von rund 200 abgeschlossenen Startup-Finanzierungen in Deutschland ICOs. Das sind fünf Prozent aller Finanzierungen von jungen Firmen“, sagte Peter Lennartz, Partner bei der Beratungs- und Prüfungsgesellschaft EY, der "Welt". Weltweit hätten ICO-Emittenten 2017 etwa sechs Milliarden Dollar eingesammelt, im ersten Halbjahr 2018 schon mehr als zwölf Milliarden Dollar. Der hohe Geldfluss rief die Börsenaufsichten auf den Plan.

Initial Coin Offerings

Initial Coin Offerings. | Bildquelle: next.autonomous.com, Grafik: boerse.ARD.de

Warnungen der Börsenaufsicht und Ende des ICO-Hypes

SEC-Securities and Exchange Commission

SEC-Zentrale: Die Amerikaner greifen durch. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Im vergangenen Jahr warnten sowohl die amerikanische Börsenaufsicht SEC als auch die deutsche BaFin und die europäische Börsenaufsicht vor erheblichen Risiken. ICOs seien höchst spekulativ, auch ein Totalverlust der Investition sei möglich. Zudem gebe es oft keinen Zweitmarkt, auf dem Anleger ihre erworbenen Tokens gewinnbringend verkaufen könnten. Fehlende gesetzliche Vorgaben und Transparenzvorschriften lockten außerdem Betrüger, Geldwäscher und Terroristen an. Im Dezember 2017 stoppte die SEC erstmals ein ICO und fror das Vermögen der Firma PlexCorps ein. Sie soll betrügerisch bis zu 15 Millionen Dollar eingesammelt haben. Auch die BaFin hat eine Reihe von ICOs überprüft und verboten.

Investoren hatten keine Möglichkeit, zu prüfen, wofür ihr Geld denn wirklich ausgegeben wurde - letztendlich erst einmal nur für eine Idee. Der Verkauf von digitalen Gutscheinen sei wie auf einem Jahrmarkt komplett unreguliert, beschreibt Philipp Sandner, Professor am Blockchain Center der Frankfurt School of Finance & Management im Gespräch mit boerse.ARD.de das Angebot von ICOs.

Millionengrab ICO - STO als Ablösung?

Prof. Philipp Sandner, Frankfurt School of Finance & Management

Prof. Philipp Sandner. | Bildquelle: Frankfurt School of Finance & Management

Auch das wurde der Methode zum Verhängnis. "ICOs sind in Gänze tot", sagt Sandner. Als Hauptgrund nennt er die losen Versprechen der Startups: "Sie haben teilweise 'das Blaue vom Himmel versprochen'. Jetzt merken die Leute allmählich, dass die meisten dieser tollen Versprechen gar nicht umsetzbar sind." Das zeige sich nun an der negativen Entwicklung. 2019 werde hingegen eine neue Variante auf den Markt kommen - der Security Token Offering (STO). STOs würden ICOs zwar nicht ersetzen, aber ablösen.

Schon seit einiger Zeit huscht das Thema durch die Foren der Kryptowelt. Anders als in vielen ICOs müssen die digitalen Gutscheine durch etwas Greifbares gestützt werden. Das können laut Sandner Aktien, Anleihen, Gewinnbeteiligungen oder Schuldscheine sein - im Prinzip alle Finanzprodukte des Kapitalmarkts. Diese Tokens sind eher wie traditionelle Wertpapiere und könnten damit die Anforderungen der Börsenaufsicht erfüllen. STOs seien letztendlich Krypto-Börsengänge, beschreibt Sandner. Auch sie müssten erst durch den Gesetzgeber zugelassen werden. Der Unterschied zu IPOs: Die Tokens der Anleger werden in der Blockchain gespeichert.

Sandner zufolge ist ein STO im Gegensatz zu einem ICO nicht nur für Startups interessant, die mit Krypto-Währungen arbeiten. Inwiefern die digitalen Währungen eine Rolle spielen, sei noch unklar. In erster Linie seien STOs aber 'normale' Anteilsscheine an Unternehmen.

STOs in aller Munde

Overstock.com, eines der führenden Unternehmen auf dem Krypto-Markt und der erste große Online-Händler, der Bitcoin als Bezahlvariante akzeptierte, spricht sich schon seit langem für den STO aus. Das Unternehmen investiert in die Blockchain-Technik und setzt seinen Fokus darauf. Daher stellt die Aktie eine Art Blockchain-Aktie dar, in die selbst Starinvestor George Soros schon investierte.

Die Plattform Polymath bietet Hilfe bei der Veröffentlichung eines Security Token Offerings an: von rechtlichen Fragen in unterschiedlichen Ländern bis zum technologischen Prozess. Polymath geht davon aus, dass sich STOs bis 2020 auf dem Markt durchsetzen und ein Volumen von mehr als 8,5 Billionen Euro erreichen werden.

Hype bahnt sich an

Viele Marktteilnehmer stünden bereits in den Startlöchern, meint auch Sandner: "Zahlreiche Firmen sind schon in der Vorbereitung." Auch das Blockchain Center unterstützt Startups durch Vermittlung möglicher Interessenten bei der Vorbereitung auf einen STO - so auch die Firma AZHOS.

Mithilfe der Blockchain-Technologie will AZHOS die riskante Finanzierung von Banken in der chemisch-pharmazeutischen Industrie erleichtern. Orbit Logistics als Dachunternehmen automatisiert mit Radarsensoren den Bestellvorgang von chemischem Material in Silos oder Tanks, wenn ein bestimmter Schwellenwert erreicht ist. Durch AZHOS werden die Messdaten nun in einer Blockchain gespeichert und können von Finanzinstituten genutzt werden.

Für seine eigene Finanzierung wählt das Startup einen STO. Einen ICO schließt AZHOS-Chef Marcel Kuhs aus: "ICOs sind nicht mehr glaubwürdig genug. Die Projekte wurden nicht geprüft oder reguliert, Anleger können ihnen nicht mehr vertrauen. Da wurde massig Geld verbrannt und betrogen", sagt er im Gespräch mit boerse.ARD.de. STOs würden dagegen von der Finanzaufsicht in Zukunft voll reguliert werden.

Mit dem sogenannten AOS Token will AZHOS ähnlich wie bei Wertpapieren Investoren an den Gewinnen beteiligen. Spätestens im Januar 2019 soll der STO starten - allerdings in Liechtenstein.

Noch hakt der STO

Bis sich STOs hierzulande durchsetzen, werden laut Sandner noch einige Jahre vergehen. Stand heute erwartet er die ersten Transaktionen in Liechtenstein, der Schweiz, Gibraltar und Malta. Kein Zufall also, dass AZHOS seinen Sitz in Liechtenstein hat. Aber warum? "Die Finanzaufsicht in Liechtenstein ist aufgeschlossen und offen gegenüber neuen Finanzierungsmethoden. Außerdem sind die bürokratischen Wege in dem kleinen Land kürzer und es fördert Projekte. Liechtenstein möchte das neue Finanzzentrum in Europa werden", erklärt Kuhs.

BaFin Frankfurt

Kommt kaum mehr hinterher: BaFin in Frankfurt. | Bildquelle: Unternehmen

In Deutschland seien die Behörden dagegen sowohl technisch als auch von der massiven Zahl an Anfragen überfordert und unvorbereitet. Die Zuständigkeiten bei der BaFin seien ebenfalls unklar.

Auch der Handel unter Anlegern auf einem Zweitmarkt hakt noch. Es gebe noch keine zentrale Handelsplattform für digitalisierte Tokens, sagt Kuhs. Erste Vorbereitungen für das Listing von Security Tokens würden jedoch in Gibraltar, Malta und Dubai laufen.

Revolution des Kapitalmarkts?

Handelssaal der deutschen Börse

Handelssaal der Deutschen Börse - bald endgültig abgemeldet?. | Bildquelle: picture alliance / dpa

"Überspitzt gesagt werden die STOs in einigen Jahren die Deutsche Börse ablösen, das Geschäft von Aktien-Verwahrgesellschaften wie Clearstream kaputt und den Kapitalmarkt zu einem Drittel dicht machen", prophezeit Sandner. Das seien zwar alles Spekulationen, die neue Finanzierungs- und Anlagemöglichkeit STO werde aber definitiv kommen - und damit nach Einschätzung des Experten durch die Blockchain auch eine Revolution des Kapitalmarkts einleiten.