Initial Coin Offering

Kapitalbeschaffung im Krypto-Zeitalter ICO: Risikoinvestment oder Luftnummer?

Stand: 28.12.2017, 08:00 Uhr

Der Finanzmarkt ist spätestens seit diesem Jahr um eine Möglichkeit reicher, über die sich junge Firmen Geld beschaffen können. Bei einem ICO werden aber keine Unternehmensteile an die Investoren ausgegeben, sondern Tokens einer Krypto-Währung - und das Geschäft boomt.

Regelrecht explodiert sind die "Initial Coin Offerings", dafür steht das Kürzel ICO im laufenden Jahr. Nach einer Zählung des US-Datendienstes Visual Capitalist ist das Volumen der "Quasi-Börsengänge" im laufenden Jahr auf rund sechs Milliarden Dollar gestiegen. Das ist eine Verzwanzigfachung gegenüber dem vorherigen Jahr 2016. (s. unsere Grafik).

ICOs

ICOs. | Bildquelle: Visual Capitalist

Globale Ausbreitung

Auch eine Monatsstatistik zeigt, dass die Entwicklung kräftig an Fahrt aufgenommen hat und wohl auch im neuen Jahr zunächst ungebremst weiter laufen dürfte. Seit September diesen Jahres wird eine Milliarde Dollar oder mehr an Kapital über die durchaus umstrittenen Geldbeschaffungs-Maßnahmen mobilisiert. Dabei ist das Phänomen ICO keineswegs auf eine Region der Welt beschränkt: Ob in den USA, im asiatischen Raum, im Nahen Osten oder auch in Europa - ICOs haben sich in kürzester Zeit zu einer Alternative gerade für viele Start-up-Unternehmen zur klassischen Kapitalbeschaffung gemausert.

Dabei investierten die Geldgeber, zum ganz überwiegenden Teil private Investoren, in zum Teil noch eher unausgegorene Geschäftsmodelle, die zumeist im Dunstkreis der Krypto-Welt angesiedelt sind. Gerade Unternehmen, die Produkte und Dienste in den Markt bringen wollen, die auf der Blockchain-Technologie basieren, nutzen das Vehikel ICO, um ihr Wachstum zu finanzieren.

Filecoin und Tezos, die Rekordhalter

Größte ICOs in der noch jungen Geschichte sind etwa Filecoin, das im September 257 Millionen Dollar über ein ICO einsammelte. Das Unternehmen plant ein dezentrales Cloudspeicher-Netzwerk mit der Möglichkeit, freie Festplattenkapazitäten auf verteilten Computern im Tausch gegen eine Kryptowährung zu mieten oder zu vermieten. 

Fast gleichgroß war das ICO von Tezos, das bereits im Juni 232 Millionen Dollar einsammelte. Das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz will eine Blockchain aufbauen, die sich selbst kontrolliert und einst für unterschiedliche Anwendungen wie Smart Contracts eingesetzt werden soll.

"Neue Form von Venture Capital"

Anleger erhalten bei einem ICO anders als bei einem Börsengang, dem IPO (Initial Public Offering) keine Anteile an den Unternehmen als Faustpfand. Sie bekommen "Tokens" von einer eigens für diesen Zweck geschaffenen Kryptowährung. Ein solcher "Token Sale" ist eine sehr risikobehaftete Wette: Einerseits auf den künftigen Erfolg des Unternehmens, aber auch darauf, dass die neue Kunstwährung mit diesem Erfolg ebenfalls im Wert steigt. "ICOs sind wie eine neue Form von Venture Kapital", erläutert dazu etwa Philipp Sandner vom Blockchain-Center der Frankfurt School of Finance, "und mindestens genauso hoch sind auch die Risiken. Nicht umsonst müssen im traditionellen Geschäft sieben von zehn Investments irgendwann abgeschrieben werden".

Dass private Anleger diese Risiken richtig einschätzen und mit ihnen umgehen können bezweifeln freilich. Die Wertpapier-Aufsicht BaFin beschreibt ICOs in einer Stellungnahme im November als "höchst spekulative Investments, die oft nicht der geltenden Kapitalmarktregulierung unterliegen. Wie bei den meisten Trends zieht das hohe öffentliche Interesse an ICOs auch Betrüger an." Da die "Coins" oder Tokens für die Aufseher aber als Finanzmarktinstrumente gelten, benötigen "Unternehmen und Personen, die den Erwerb von Tokens vermitteln, Tokens gewerblich an- oder verkaufen oder Zweitmarktplattformen betreiben, auf denen Tokens gehandelt werden, vorab grundsätzlich eine Erlaubnis der BaFin".

Internationale Regulierung gefordert

In der gelebten Praxis der ICO-Ausgabe werden die Anleger aber wohl in den meisten Fällen von der Gier nach schnellen Profiten getrieben. Einige Beispiele von Kurssteigerungen um mehrere Tausend Prozent seit dem Start des entsprechenden Token-Regens motivieren auch unerfahrene Investoren, auf den ICO-Zug aufzuspringen. Da das Spekulieren mit ICOs prinzipiell grenzüberschreitend möglich ist, dürfte erst eine internationale Regulierung des Marktes allzu große Luftnummern am ICO-Markt unterbinden. Doch wann diese Regulierung greift, steht in den Sternen.

AB

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