Verschieden große Schlosssymbole vor einem Globus

Security Token: Weitere Unternehmen in den Startlöchern Erster Krypto-"Börsengang" in Europa

von Till Bücker

Stand: 15.01.2019, 11:22 Uhr

Blockchain, Security Token, Wallet - für haufenweise Anleger und auch Unternehmen sind das vermutlich Fremdbegriffe. In naher Zukunft könnte sich das ändern. Der erste Krypto-IPO, ein sogenannter STO, ist bereits in vollem Gange.

"In den nächsten Jahren werden viele von der Blockchain profitieren", sagt Daniel Kohler, CEO von edeXa im Gespräch mit boerse.ARD.de. Die Firma ist nach eigenen Angaben das erste Unternehmen in Europa, das Security Token ausgibt.

Daniel Kohler CEO der edeXa AG

Daniel Kohler, CEO der edeXa AG. | Bildquelle: Unternehmen

Ein Security Token Offering (STO) ist ein Krypto-"Börsengang", bei dem Investoren digitale Gutscheine kaufen können. Diese werden in der Blockchain gespeichert und durch etwas Greifbares gestützt. Das können Aktien, Anleihen, Gewinnbeteiligungen oder Schuldscheine sein - im Prinzip alle Finanzprodukte des Kapitalmarkts. Da es bisher noch keinen Zweitmarkt für STOs gibt und viele Regulierungsfragen offen sind, ist der Begriff "Börsengang" hier mit Vorsicht zu gebrauchen.

Provider für Bestellprozesse über die Blockchain

edeXa. | Bildquelle: Unternehmen / Montage: boerse.ARD.de

Die edeXa AG ist ein im Oktober gegründetes Startup aus Liechtenstein. Es baut Blockchain-Produkte für Industrieunternehmen. "Über die Blockchain können Lieferprozesse bis hin zu Rohstoffen automatisiert und digital abgewickelt werden", erklärt Kohler. In der Industrie gebe es Unternehmen mit zehntausenden Zulieferern, die alle eigene IT-Systeme haben. Über die Blockchain könne sich ein gemeinsames Bestellsystem mit allen verbinden und den Ablauf vereinfachen.

Das stärke die Vertrauensbasis und schaffe Sicherheit. In der Blockchain könnten Dokumente und Rechnungen nachträglich nicht mehr verändert werden. Manipulationen seien daher nicht möglich, sagt Kohler.

Wie bei Telefonaten oder Internetzugängen tritt edeXa dabei als Provider auf, als Anbieter der Leitung. Die Muttergesellschaft io-market, die diese digitalen Prozesse zwischen Firmen verwaltet, bestückt edeXa derweil mit mehreren tausend Kunden aus der Autoindustrie oder dem Bausektor.

"Börsengang" auch für kleine Unternehmen

Über den STO will edeXa nun das notwendige Geld einsammeln. Für 150.000 Schweizer Franken gab das Startup Aktien aus, von denen Papiere in Höhe von 50.000 Franken an io-market gingen. Der Rest verteilt sich auf insgesamt 100 Millionen Token. Zehn dieser digitalen Gutscheine stellen eine stimmrechtslose Aktie dar. Sobald Gewinn entsteht, bekommen die Anleger eine Dividende. Die Token sind in der Blockchain gespeichert.

Schon vor der edeXa-Gründung seien in wenigen Tagen etwa drei Millionen Token an Aktionäre von io-market sowie Bekannte des Unternehmens verkauft worden. In der öffentlichen Phase sollen zunächst 20 Millionen Gutscheine an Investoren aus der Europäischen Union ausgegeben werden. Ein Token kostet aktuell 28 Cent. "Im Prinzip ist ein STO analog zu einem Börsengang", betont Kohler. Allerdings sei er auch für kleinere Unternehmen möglich, wohingegen bei einem IPO Millionenbeträge fällig seien.

Schwierigkeiten bei der Vorbereitung

Trotzdem sei es gar nicht so einfach gewesen, eine Bank zu finden, die das Ganze unterstützt und ein Konto bereitstellt. Das könnte zum einen an den negativen Schlagzeilen liegen, die die Krypto-Welt in den vergangenen Monaten verkraften musste.

Initial Coin Offerings

Initial Coin Offerings. | Bildquelle: next.autonomous.com, Grafik: boerse.ARD.de

Viele sind durch den Bitcoin-Absturz und die massiven Warnungen vor unregulierten Initial Coin Offerings (ICO), die als Startup-Finanzierung besonders im ersten Halbjahr 2018 einen wahren Hype erlebten und mittlerweile fast tot sind, vorsichtiger geworden. Investoren hatten bei den ICOs keine Möglichkeit, zu prüfen, wofür ihr Geld denn wirklich ausgegeben wurde - letztendlich erst einmal nur für eine Idee und eine Krypto-Währung.

Auch die Rechtsgrundlage ist weiterhin schwammig. Daher sammelt edeXa im ersten Schritt nicht mehr als fünf Millionen Euro ein, um nicht unter die Prospektpflicht zu fallen. 80 Millionen Token bleiben also erst einmal in Reserve.

Blockchain-Gesetz für die Rechtssicherheit

Schließlich konnte edeXa die Liechtensteiner Landesbank für sich gewinnen. Dabei habe die Finanzaufsicht als Regulator eine entscheidende Rolle gespielt. Liechtenstein steht neuen Finanzierungsmöglichkeiten offen gegenüber und will 2019 das erste Land mit einem Blockchain-Gesetz werden.

Der Token als neues Rechtselement sei dabei eine der wichtigsten Innovationen. Ziel sei es, die Entwicklung der Token-Ökonomie zu fördern, schreibt Regierungschef Adrian Hasler in einem Medienbeitrag. "Das Recht aus der analogen Welt soll auf die Blockchain übertragen und Unternehmen sowie Anleger schützen", erklärt Kohler.

Zweitmarkt in Vorbereitung

Schon bald werden Anleger eine neue Anlagemöglichkeit haben, behauptet er. Token seien leichter und schneller zu handeln. Da keine Bank benötigt wird, würden auch die Transaktionskosten sinken. Investoren müssen lediglich ein digitales Portemonnaie in der Blockchain besitzen, ein Wallet.

Momentan gibt es noch keinen Zweitmarkt. Auch die edeXa-Token liegen derzeit auf dem Wallet der Firma. Das könnte sich allerdings im ersten Halbjahr 2019 ändern, prophezeit der Startup-Chef. Sowohl die größte Schweizer und britische Börse als auch eine Börse in Gibraltar und die Coinbase in den USA würden an einem Handelsplatz für Token arbeiten.

Revolution am Kapitalmarkt?

Prof. Philipp Sandner, Frankfurt School of Finance & Management

Prof. Philipp Sandner. | Bildquelle: Frankfurt School of Finance & Management

"Überspitzt gesagt werden die STOs in einigen Jahren das Geschäftsmodell der Deutsche Börse signifikant verändern und Aktien-Verwahrgesellschaften wie Clearstream überflüssig machen. Dadurch wird der Kapitalmarkt technisch auf komplett neue Beine gestellt", behauptete Philipp Sandner, Professor am Blockchain Center der Frankfurt School of Finance & Management, im Oktober im Gespräch mit boerse.ARD.de.

Das sei zwar etwas spekulativ, dennoch liege Sandner nicht ganz falsch, sagt Kohler. Der STO sei die Zukunft. Viele Firmen stünden bereits in den Startlöchern. "Ich hatte viele Gespräche mit Unternehmern, die sagen, dass sie ebenfalls bald beginnen", sagt der CEO. Sogar Ideen zur Finanzierung einzelner Produkte würden schon die Runde machen. Anleger könnten mit Token beispielsweise am Gewinn von Baumaschinen teilhaben.

Und Deutschland?

In Deutschland ist der Hype um Security Token noch nicht ausgebrochen. Hierzulande sind die Behörden laut Sandner sowohl technisch als auch von der massiven Zahl an Anfragen überfordert und unvorbereitet. Die Zuständigkeiten bei der BaFin seien ebenfalls unklar. Kohler ist aber überzeugt: "Zu hundert Prozent werden STOs auch nach Deutschland kommen. Ihr Weg kann gar nicht aufgehalten werden."