Hans Meiser

Was ist wirklich dran? Hans Meiser drückt auf die Panik-Taste

von Mark Ehren

Stand: 15.06.2018, 14:36 Uhr

Sie haben ETFs in Ihrem Depot? Dann haben sie wahrscheinlich einen schweren Fehler begangen. Zumindest versucht Ihnen das Hans Meiser einzureden.

Es sind starke Worte: "Die große ETF-Abzocke - so zieht die Finanzindustrie Privatanleger über den Tisch" ist ein "Spezial-Report" auf investor-praemien.de. Hinterlässt man seine Mail-Adresse, erhält man ein zehnseitiges pdf-Dokument, auf dessen Titelseite der ehemalige RTL-Anchorman Hans Meiser prangt -  leicht atemlos und mit schief sitzender Krawatte.

Schaut man sich das Schriftstück einmal genauer an, ist der Verfasser des Reports aber gar nicht Hans Meiser, sondern Janne Jörg Kipp, Chefredakteur der GeVestor Financial Publishing Group aus Bonn. Diese gehört zum Verlag für die Deutsche Wirtschaft, ebenfalls in Bonn beheimatet.

Die Vorwürfe im Detail

boerse.ARD.de hat einmal einen der meist gehandelten ETFs in Deutschland, den iShares Core Dax UCITS ETF (ISIN DE0005933931) hergenommen, um die wichtigsten Vorwürfe von Meiser beziehungsweise Kipp zu hinterfragen.

Kosten

Die Kritik des "Spezial-Reports" beginnt mit den Kosten. Teuer sollen ETFs laut dem Report sein, unter anderem wegen der Differenz zwischen den An- und Verkaufspreisen an der Börse, dem so genannten Spread. Von 1,5 Prozent ist da die Rede. Beim genannten Beispiel-ETF auf den Dax liegt der Spread bei 0,018 Prozent - also nur rund einem 80stel.

Auch die jährliche Gesamtkostenquote (TER, Total Expense Ratio) wird mit mehr als 1,5 Prozent als Kostentreiber bezeichnet. Der Beispiel-ETF liegt hier bei 0,16 Prozent und damit knapp einem Zehntel des genannten Wertes.

Zusammensetzung

Auf die Probleme bei der Zusammensetzung der ETFs wird ebenfalls verwiesen. So werden richtigerweise aktiv gemanagte ETFs, deren Ergebnisse von der Qualität der zugrunde liegenden Strategien abhängig sind, kritisch hinterfragt.

Doch gegen den angesprochenen Dax-ETF spricht das in keinster Weise. Denn der tut genau, was man von ihm verlangt. Er bildet als passiver Indexfonds die Wertentwicklung des Dax’ fast perfekt eins zu eins ab. Die Rendite wird nur durch die sehr geringe TER geschmälert.

Derivate im Fonds

Auch der nächste Kritikpunkt der angeblich “großen ETF-Abzocke“ kann leicht widerlegt werden. So hält der Beispielfonds sämtliche Dax-Aktien in physischer Form. Die Wertentwicklung erfolgt damit “replizierend” und gerade nicht “synthetisch” durch Investitionen in Derivate wie Swaps.

Verliehene Aktien

Der nächste Kritikpunkt trifft dann zur Abwechslung auf den Beispiel-ETF zu - die so genannte Wertpapierleihe. Der größte unabhängige Vermögensverwalter der Welt, die Fondsgesellschaft Blackrock als Eigentümer der Marke iShares hat die Möglichkeit, Aktien aus dem Fonds an Dritte wie Hedgefonds zu verleihen. Als Gegenleistung erhält Blackrock ein Leihgebühr, von der 62,5 Prozent an den Fonds zurückfließen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Aktien nicht zurückgegeben werden, würde Blackrock mit den Sicherheiten des Entleihers die entliehenen Aktien ersetzen. Sollten die Sicherheit nicht ausreichen, würde Blackrock selbst in die Bresche springen. Und nur wenn das nicht ausreichen würde, nähme der ETF Schaden.

Doch auch dieses eher theoretische Risiko kann ausgeschlossen werden, denn es gibt auch replizierende ETFs, die eine Wertpapierleihe ausgeschlossen haben, wie der ebenfalls sehr kostengünstige ComStage 1 Dax UCITS ETF (ISIN: DE000ETF9017).

Und noch einmal Kosten

Auch vor Erfolgsprämien der ETFs wird gewarnt. Das betrifft aber nur aktiv gemanagte ETFs. Die beiden beispielhaften ETFs verfügen über keine Erfolgsprämien. Vielmehr ist mit den bereits angesprochenen geringen Kosten alles abgegolten.

Somit zeigt sich, dass die Vorwürfe bei den meisten Index-ETFs größtenteils haltlos sind. Diese können schwerlich als "Abzocke" bezeichnet werden.

Abonnements als Ziel

Doch warum ist dann dieser Report eigentlich veröffentlicht worden? Dazu muss man wissen, was sich hinter dem Verlag für die Deutsche Wirtschaft eigentlich verbirgt. Dieser gehört zur Rentrop Verlagsgruppe des Unternehmers Norman Rentrop.

Dessen Geschäftsmodell ist es, Interessenten über zunächst kostenlose Publikationen zu gewinnen und ihnen später kostenpflichtige Abonnements von Publikationen zu verkaufen. Dieses können dann durchaus auch einmal mehrere Tausend Euro im Jahr kosten. Um auf jährliche Kosten von 1.000 Euro mit den hier beispielhaft vorgestellten ETFs zu kommen, müsste man schon mehr als 650.000 Euro anlegen. Das dürfte wohl bei den wenigsten Interessenten der Fall sein.

Somit soll mit der vordergründigen Warnung vor ETFs wohl eher das eigene Geschäft mit neuen Abonnements der zahlreichen Verlagspublikationen angekurbelt werden. Und diese beschäftigen sich gerade nicht mit breit angelegten Investments mit Hilfe von Index-ETFs. Das zeigen Titel wie "Stefan Lehnes 4×4 Sonderreport für 4 Verdopplungschancen", "7 Top-Aktien für 2018 - Hohe Gewinne mit nur 7 Aktien einfahren", "Die Zocker-Aktien 2018 - mit diesen Aktien handeln Deutschlands mutigste Anleger" usw.

Es ist leider nicht bekannt, wie hoch der Anteil der Kunden ist, die durch die Lektüre der Produkte der Rentrop Verlagsgruppe dauerhaft reich geworden sind. Einen Hauptgewinner gibt es aber auf jeden Fall: Norman Rentrop. Kein Wunder bei einem jährlichen Umsatz im dreistelligen Millionenbereich.

ME