Fonds

NordLB-Fondsmanager Michael Feiten

Interview "Gründlich über die Konstruktion informieren"

Stand: 02.09.2016, 15:22 Uhr

Wer in klassiche Aktienindizes investieren will, ist mit ETFs gut bedient, meint NordLB-Fondsmanager Michael Feiten. Wenig liquide Märkte oder ganze Anlagestrategien per Indexfonds zu "kaufen", hält er für problematisch.

boerse.ARD.de: Herr Feiten, in Ihrer Studie zu ETFs verweisen Sie mehrfach auf Risiken durch die Produkte, die besonders in Krisenzeiten steigen könnten. Was macht ETFs so gefährlich für das Finanzsystem?

Michael Feiten: Hinter dieser These steht die langjährige Beobachtung, dass die Finanzindustrie immer wieder Produkte hervorgebracht hat, die eine vermeintlich einfache Lösung für ein komplexes Problem anbieten. Denken Sie nur an problematische Hypotheken-Anleihen, die in der Finanzkrise in Wertpapieren gebündelt wurden, die dann auf wundersame Weise ein Triple-A-Rating bekommen konnten.

boerse.ARD.de: Und ETFs versprechen auch mehr, als sie halten können?

Feiten: Inzwischen gibt es rund 6.000 ETFs von mehr als 200 Emittenten. Wie kann das Sinn machen, für Investoren wie für Produktanbieter, bei einem so einfachen und kostengünstigen Produkt? Neben die "klassischen" Indexfonds, die einen der großen Aktienindizes nachbilden, sind eine ganze Reihe von Spielarten getreten, die gar nicht so leicht einzuschätzen sind. Teilweise wird hier durchaus ein Versprechen gemacht, zum Beispiel zu Liquidität und jederzeitiger Handelbarkeit, die oft nicht einzuhalten sind.

boerse.ARD.de: Können Sie ein Beispiel nennen?

Feiten: Ich habe etwa bei meinen Recherchen einen ETF auf Mittelstands-Anleihen gefunden, der gerade einmal rund drei Millionen Euro verwaltete. Selbst wenn man das Thema Mittelstandsanleihen spannend findet, ist das aus meiner Sicht schon sehr heikel. Folgerichtig gibt es den Fonds auch nicht mehr. Auch Frontier Markets sind sicher ein spannendes Investmentthema – aber langfristig. Es bedarf keines Handels der Fonds an der Börse, sondern gerade bei exotischeren Themen eines bodenständigen Fondsmanager-Handwerks.

boerse.ARD.de: Sie raten aber auch bei Branchen-ETFs oder den sehr populären Smart-Beta-Konstruktionen zur Vorsicht.

Feiten: Es ist essenziell, sich den Index anzuschauen. Ist es wirklich ein breiter Index, oder wird er von ein oder zwei Aktien dominiert? Beispiel: Ein Health-Care-ETF, der zu mehr als 50 Prozent die Sanofi-Aktie gewichtet hatte. Aktuell machen die vier Schwergewichte über 50 Prozent des Index' aus, davon die größten beiden 34 Prozent. Da wäre es doch ratsam, die Aktien direkt selbst zu kaufen. Man sollte sich die Zusammensetzung eines Branchen-ETFs genauer anschauen. Die Smart-Beta-Idee, also durch optimierte Index-Regeln den Index langfristig zu schlagen, finde ich durchaus attraktiv, wenn ich langfristig investiere. Ich frage mich aber, warum so ein Ansatz unbedingt in einen ETF gepackt werden muss. Wozu dann die sehr kurzfristige innertägliche Handelsmöglichkeit? Hier wird bei einer doch eher langfristig angelegten Strategie wieder das Versprechen ständiger Handelbarkeit gemacht, aus meiner Sicht ein Widerspruch.

boerse.ARD.de: Von Investments in Rohstoff-Produkte, also eigentlich ETCs (Exchange Traded Commodities), raten Sie grundsätzlich ab, warum das?

Feiten: Es ist einfach extrem schwierig, in etwas "Physisches" wie Rohstoffe sinnvoll über ein täglich liquides Anlageprodukt zu investieren. Eigentlich ist nicht möglich. Faktoren wie Rollverluste bei Terminkontrakten zehren vielfach die Rendite auf. Und wenn ich zum Beispiel in Öl-Aktien investiere, befinde ich mich eigentlich wieder in der Assetklasse Aktien, die ich ja gerade mit einer Rohstoff-Anlage nicht ansteuern will. Als Ausnahme sehe ich hier Goldinvestments, wenn man denn Gold als Spekulationsobjekt nutzen will und bei denen das Gold physisch, das heißt nicht derivativ, hinterlegt ist.

boerse.ARD.de: Wie sollte ein Privatanleger an die Auswahl eines richtigen ETFs herangehen, wenn er die genannten Risiken und Nachteile vermeiden will?

Feiten: Er sollte sich zunächst darüber im Klaren sein, für welchen Zweck das Produkt gedacht ist, mit welchem Ziel man in es investieren will. Für wen die gute Handelbarkeit wichtig ist, der kann mit einem "puristischen" ETF, der einen herkömmlichen Index abbildet, sicher gut fahren. Für einen kurzfristig orientieren Anleger können auch Short- oder Hebel-ETFs durchaus Sinn machen. Über die Konstruktion des jeweiligen Produktes sollte man sich vorab aber gründlich informieren – etwa über die Replikationsmethode – physisch oder synthetisch. Ob ein Emittent eine Wertpapierleihe mit dem Fonds betreibt, kann man gegebenenfalls bei diesem selbst erfragen.

boerse.ARD.de: Sind nicht auch die Regulierungsbehörden gefragt, wenn es um die Einordnung oder Kennzeichnung von ETFs nach bestimmten Kriterien für den Anleger geht?

Feiten: Der Gedanke ist naheliegend. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre stimmen da eher skeptisch: Produktinformations-Blätter oder Richtlinien für die Finanzmärkte (Stichwort MIFID I) haben in der Hinsicht allerdings leider wenig für die Kunden und Investoren gebracht. Letztlich muss der Anleger auch im ETF-Universum versuchen, sich selbst zu orientieren oder ein Mandat an eine für ihn vertrauensvolle Adresse erteilen, "den Maschinenraum auszuleuchten".

Das Gespräch führte Andreas Braun.