Fonds

ETF-Schriftzug

Kritik an Indexfonds wächst ETF-Universum zu weit ausgedehnt?

Stand: 02.09.2016, 15:27 Uhr

Die Produktgattung wird auch bei Privatanlegern immer beliebter - "passiv investieren" ist in. Doch ein Blick in den "Maschinenraum" der börsengehandelten Fonds zeigt auch Schwächen und Risiken, die Anleger beachten sollten.

Der Siegeszug der ETFs scheint kaum aufzuhalten. Schnell, liquide, transparent und vor allem kostengünstig sind die Produkte, die in der Regel klassische Aktienfonds wie den Dax oder den S&P 500 abbilden und dessen Wertentwicklung stur nachverfolgen. Rund drei Billionen Dollar stecken weltweit in den vielen Tausend Fonds, inzwischen mehr als in Hedgefonds.

In Europa sind bislang erst 5,5 Prozent der Mittel in Investmentfonds in die Indexfonds investiert, die Tendenz ist aber weiter dynamisch steigend. Mehr als doppelt so hoch ist der Anteil bereits in den USA. In Deutschland werden die Produkte zunehmend auch von Anlageberatern oder Online-Vermögensverwaltungen, so genannten "Robo-Advisors" zu Portfolien zusammengestellt. Online-Broker bieten ihren Kunden kostenlose Sparpläne auf eine Vielzahl von ETFs an.

Systemische Risiken?

Das erstaunt es auf den ersten Blick, was kürzlich das Investmenthaus Bernstein verlauten ließ: Passives Investment sei "schlimmer als Marxismus", so Chefstratege Inigo Fraser-Jenkins. Kauften alle Anleger nur noch die Indexfonds statt die darin enthaltenen Aktien, falle der Gradmesser für die Qualität von Unternehmen weg, denn für die ETFs spiele die keine Rolle. Die Folge sei eine "Diktatur der Indifferenz".

Der umtriebige "aktivistische" Aktionär Carl Icahn hatte bereits im vergangenen Jahr den ETF-Marktführer Blackrock als "extrem gefährliche Firma" bezeichnet. Sein Argument, die Fonds gaukelten vor, stets liquide zu sein, könnten aber in Crash-Situationen einen Niedergang an der Börse noch verschärfen, wenn viele Anleger ihr Geld aus den Produkten abzögen.

In dieser Richtung argumentiert auch NordLB-Fondsmanager Michael Feiten. In einer Studie hat er die Schwächen von Teilen des ETF-Universums beschrieben. Besonders Anleihe-Produkte könnten ihr Versprechen von Liquidität derzeit kaum einhalten. Die hohe Komplexität von Fonds wie Smart-Beta-Fonds sei besser in einem aktiv gemanagten Fonds aufgehoben (siehe unser Interview).

Im "Maschinenraum"

Überhaupt sollte der Anleger gleich auf eine ganze Reihe von Details bei der Auswahl eines ETFs schauen, bevor er dann im eigenen Depot landet. Der prinzipielle Unterschied in der "Replikation", also der Abbildung eines Index', ist dabei ein wichtiges Kriterium: Während bei der "physischen" Replikation die dem Index zugrundeliegenden Aktien selbst und direkt ins ETF-Portfolio gekauft werden müssen, verbrieft bei der "synthetischen" Replikation eine Partnerbank, ein so genannter "Kontrahent" die exakte Wertentwicklung des entsprechenden Index'. Für Anleger besteht damit ein zusätzliches Kontrahenten-Risiko, das etwa im Fall einer Bankenkrise durchaus zum Tragen kommen kann.

In der Studie von NordLB-Fondsmanager Feiten wird auch auf die Möglichkeiten der Wertpapierleihe hingewiesen, die ETF-Anbieter zum Teil nutzen. Dabei verleihen die Fonds Wertpapiere aus ihrem Bestand zum Beispiel an Banken und kassieren dafür eine Gebühr. Auch hier kann es im Krisenfall theoretisch zum Ausfall eines Entleihers kommen - ungünstig, wenn der sich zuvor Aktien aus dem Bestand des ETFs geliehen hat.

Was kostet zu viel Komplexität?

Nicht zuletzt tragen viele neue Spielarten von Indexfonds ganz eigene Problemstellungen in sich. Für "Strategie-ETFs", die mit bestimmten Regelwerken den Markt schlagen sollen, werden eigens Indizes "kreiert", um das Investment "passiv" aussehen zu lassen. Beispiele hierfür sind etwa "Low-Volatility" oder "Smart Beta"-ETFs.

Ob ein "purer" Indexfonds, mit dem etwa der Dax oder der EuroStoxx 50 abgebildet werden soll, oder eine ausgetüftelte Anlagestrategie im ETF-Gewand gewählt wird, muss letztlich der Anleger selbst entscheiden. Zuviel Komplexität, das zeigt auch die jüngere Finanzmarkt-Geschichte, kann auch zu heftigen Komplikationen führen.

AB