Kritik an der Nachhaltigkeitseuphorie Droht eine "ESG-Blase"?

von Notker Blechner

Stand: 06.02.2020, 17:28 Uhr

Grün, grün, grün… werden immer mehr Fonds. Angetrieben von der Politik bringen Fondsgesellschaften und Banken zunehmend nachhaltige Produkte auf den Markt. Die "ESG-Modewelle" gefällt aber nicht allen. Kritiker wie Bert Flossbach warnen vor einer Blase.

Der Kölner Vermögensverwalter zeigt sich zunehmend beunruhigt über die Nachhaltigkeitseuphorie, die in der Finanzwelt tobt. Auf Konferenzen und in seinen eigenen Newslettern übt er regelmäßig harsche Kritik am "Nachhaltigkeitstsunami". "Wenn Fondsanbieter auf jedes Produkt ein ESG-Siegel draufhauen, könnte sich die Branche bald ihren eigenen Diesel-Skandal einhandeln", sagte er erst kürzlich auf dem Mannheimer Fonds-Kongress.

"Es hilft nicht, wenn die Sonne scheint!"

Dr. Bert Flossbach

Dr. Bert Flossbach. | Bildquelle: STOCKHEIM MEDIA GmbH

Er warnt vor Parallelen zur Finanzkrise 2008. "Wenn wirtschaftlich nicht nachhaltige, aber ESG-konforme Anlagen in Bonds oder Ökozertifikate verpackt und in großem Stil unters Volk gebracht werden, könnte es zu einer Krise kommen", meint er. Er verweist auf Solaraktien. die auch erst hip gewesen waren und dann untergingen. "Wenn ein Gauner eine Solarfirma führt, hilft es ihnen nicht, wenn die Sonne scheint", sagt Flossbach. Das "E" alleine bei "ESG" reiche eben nicht. "Sie brauchen auch ein "G"!"

Im schlimmsten Falle könnte die Nachhaltigkeits-Orientierung gar zum totalen Reinfall werden. Wenn Anleger blind alle Finanzprodukte kaufen, auf denen ESG steht (Environment, Social, Governance), drohe eine ähnliche Spekulationsblase wie bei den verbrieften Hypothekenkrediten (Subprime) vor zwölf Jahren, mahnt Flossbach.

Was ist eigentlich grün?

Als großes Problem sehen Kritiker wie Flossbach die fehlenden einheitlichen Standards, was grün ist. Zwar haben sich die EU-Länder Ende des vergangenen Jahres auf einen gemeinsamen Kriterienkatalog für nachhaltige Finanzprodukte verständig. Umstritten ist aber weiterhin, ob zum Beispiel Atomkraft nachhaltig ist oder nicht. Die Franzosen sagen ja, weil Atomkraft CO2-frei sei, die Deutschen sagen nein, weil es die Endlagerung des Atommülls zu berücksichtigen gebe.

Vegane Würstchen

Vegane Würstchen. | Bildquelle: colourbox.de

Während einige Fonds bestimmte Branchen in ihren ESG-Fonds ausschließen, bevorzugen andere Fonds den Best-in-Class-Ansatz, also die Nachhaltigkeitsvorreiter der Branche. So sind die größten Positionen des "US Vegan Climate ETF" Apple, Microsoft, Alphabet, Facebook und Mastercard. "Das sind alles gute Unternehmen", sagt Flossbach, "aber was hat das mit vegan und Klima zu tun?"

ESG-Ratings haben völlig unterschiedliche Bewertungen

Auch den ESG-Ratings könne man nicht blind vertrauen, meint Flossbach. Die Ratingagenturen kommen teilweise zu völlig unterschiedlichen Bewertungen. Während MSCI VW mit null von hundert möglichen Punkten bewerte, habe Robeco SAM den Wolfsburgern 65 Punkte gegeben. Bei Tesla wiederum habe MSCI 65 Zähler erteilt, Robeco SAM dagegen nur 13 von 100 möglichen Punkten.

Der Vermögensverwalter begrüßt das jüngst veröffentliche 33-seitige Merkblatt der Bafin zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken. Darin heißt es unter anderem, dass es noch immer keine einheitliche Begrifflichkeit gebe und dass ESG-Ratings nur additiv zu benutzen seien

Auch Alfred Platow schüttelt den Kopf. Der Gründer der Fondsgesellschaft Ökoworld, die zu den Nachhaltigkeitspionieren zählt und einen der ersten grünen Fonds auf den Markt brachte, hält die EU-Taxonomie-Initiative für ziemlichen Schwachsinn.

EU macht Druck

Die EU-Kommission will mit einem Aktionsplan für nachhaltiges Finanzwesen grüne Investments vorantreiben. Demnach sollen institutionelle Anleger künftig ausweisen, wie umweltfreundlich ihre Investitionen sind. Anlageberater müssen ihre Kunden fragen, ob und wie nachhaltig sie ihr Geld anlegen. Zudem soll ein einheitliches Finanz-Ökolabel, ein Klassifikationssystem (Taxonomie) festgelegt werden, das nachhaltiges Wirtschaften kennzeichnet.

So sollen Anleger in der Europäischen Union "grüne" Investitionen und Finanzprodukte künftig leichter erkennen können, um den Klimaschutz voranzubringen. Auf globaler Ebene passiert ähnliches. Die Zahl der weltweiten politischen Maßnahmen zum Thema Nachhaltigkeit habe in den letzten Jahren deutlich angezogen, sagte Karen Ward, leitende Kapitalmarktstrategin für Europa, Afrika und den Nahen Osten beim Vermögensverwalter J.P. Morgan Asset Management. Ihr Fazit für die Branche ist eindeutig: "ESG ist die größte Transformation dieser Dekade."

Larry Finks Klimaschutz-Vorstoß

Mit einem Brief an die wichtigsten Konzernbosse der Welt hat der Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock Anfang des Jahres die Finanzwelt aufgerüttelt. Larry Fink schrieb darin: "Das Klimarisiko ist auch ein Anlagerisiko" und "Wir werden uns von Anlagen trennen, die ein erhebliches Nachhaltigkeitsrisiko darstellen, wie zum Beispiel Wertpapiere von Kohleproduzenten".

Da kann sich Vermögensverwalter Flossbach eine ironische Bemerkung nicht verkneifen. "Es ist schon interessant, wie man sich in die grüne Ecke reinbringen kann, obwohl einem alles gehört, was nicht bei drei auf den Bäumen ist", meinte er auf dem Mannheimer Fondskongress.

Studien: Nachhaltiges Investieren lohnt sich

In seinem Brief betonte Fink, dass "nachhaltige und klimabewusste Portfolios Anlegern bessere risikobereinigte Renditen bieten können". Und in diesem Punkt habe der Blackrock-Chef Recht, sagte der promovierte Betriebswirt Thomas Schulz, der bei der Wirtschaftsuniversität European Business School ein Weiterbildungsprogramm zum Thema anbietet. So seien Hamburger Wissenschaftler in einer viel beachteten Auswertung von über 2.200 Studien vor wenigen Jahren zu dem Schluss gekommen, dass sich ökologisch und ethisch korrektes Investieren für Anleger lohnen kann.

Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Einige Börsenprofis rechnen damit, dass nach den Versorgern nun auch andere Branchen wegen der Nachhaltigkeitsvorgaben tabu werden könnten. So sieht Fondsmanager Klaus Kaldemorgen von der Deutsche-Bank-Tochter DWS Ölaktien künftig unter Druck. Diesen Sektor "fassen große Investoren kaum noch an", sagte er auf dem Fondskongress in Mannheim.