Britische Flaggen und Exit-Schild

Was geschieht mit meinen Anteilen? Brexit: Fonds-Flucht aus Großbritannien

von von Till Bücker

Stand: 02.11.2018, 16:30 Uhr

Wegen des drohenden Brexits ziehen Fondsgesellschaften ihre Investmentfonds aus Großbritannien ab und übertragen sie auf Fonds mit Sitz in EU-Staaten. boerse.ARD.de klärt auf, worauf sich die Anleger einstellen müssen und in welchen Fällen mögliche Kosten auf sie zukommen.

Warum ziehen die Gesellschaften ihre Fonds mit Sitz in Großbritannien ab?

Fondsgesellschaften wie Threadneedle Investments befürchten negative Folgen durch den Brexit. Sie begründen die geplante Übertragung der Vermögenswerte von bestehenden Anteilen eines Fonds mit Sitz in Großbritannien in gleichwertige Anteilsklassen einer Luxemburger Fondspalette so: "Wenn Großbritannien (...) aus der EU ausscheidet, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Fonds ihren OGAW-Status verlieren." Unabhängig von den schwierigen Verhandlungen zwischen der EU und der britischen Regierung könnten die Anleger dadurch in einem OGAW-konformen Fonds bleiben.

Der OGAW-Status ist eine Richtlinie für Investmentfonds ("Organismen für gemeinsame Anlagen in Wertpapiere"). Neben Pflichtinformationen und anderen Sicherheiten für Anleger haben die Fonds einen "Europa-Pass", mit dem sie in allen EWR-Staaten (EU, Norwegen, Liechtenstein und Island) gehandelt und angeboten werden dürfen. Durch den Brexit könnte der "Europa-Pass" futsch sein.

Falls Großbritannien tatsächlich keine EWR-Mitgliedschaft mehr haben sollte, müssen UK-Fonds als Drittstaat wie die USA oder die Schweiz laut des "Bundesverbands Investment und Asset Management" (BVI) aufwändige und komplexe Anzeigeverfahren bei der BaFin durchlaufen.

Auch M&G Investments ergreift Maßnahmen, um nach eigenen Angaben seine Anleger zu schützen und wird nach Zustimmung der Anteilsinhaber die nicht auf britische Pfund lautenden Anteilsklassen mehrerer in Großbritannien ansässiger Fonds auf entsprechende in Luxemburg angelegte Strategien übertragen.

Was passiert mit den Fonds?

Um Fonds in ein anderes Land zu bringen, gibt es zwei Möglichkeiten. Zum einen den Fondsumzug. "Das ist eine reine ISIN-Änderung, bei der keine Folgen für die Anleger zu erwarten sind", erklärt Steuerexperte Christian Tischler von der Consorsbank im Gespräch mit boerse.ARD.de.

Die Alternative sind Fonds-Verschmelzungen. Dabei werden in Großbritannien ansässige Fonds beispielsweise auf luxemburgische oder französische Fonds übertragen, die von den gleichen Anlage-Teams verwaltet werden sowie die gleiche Strategie verfolgen. Die Anleger erhalten automatisch zu gleichen Konditionen neue Anteile. Diese gehören zur selben Klasse und sind vom gleichen Typ wie die alten.

Kommen Kosten auf mich als Anleger zu?

Threadneedle betont, dass für die Ausgabe neuer Anteile keine Zeichnungs- und Umtauschgebühren erhoben werden. Auch die Managementgebühren bleiben dieselben. So weit, so gut. Allerdings können die laufenden Kosten bei Threadneedle und auch bei M&G höher ausfallen. In Luxemburg gibt es im Gegensatz zu anderen Staaten die sogenannte Abonnementsteuer (0,05 Prozent pro Jahr) für Anteilsklassen für Privatanleger in Fonds mit Sitz im eigenen Land.

Außerdem können Steuerverpflichtungen aufkommen. Eine Fonds-Fusion könne entweder steuerneutral oder steuerrelevant erfolgen, sagt Tischler. Für in Deutschland aufgelegte Fonds spielt eine Verschmelzung für Anleger dem BVI zufolge steuerlich keine Rolle, die neuen Fondsanteile treten sozusagen in die "Fußstapfen" der alten. Unter bestimmten Bedingungen gilt die "Fußstapfentheorie" auch für die Verschmelzung ausländischer Fonds. Verschmelzungsvorgänge zwischen in- und ausländischen Fonds (grenzüberschreitend) sind per Gesetz dagegen immer steuerwirksame Verschmelzungen.

Wann muss ich mit Steuern rechnen?

Das regelt der Paragraph 23 des Investmentsteuergesetzes: Neben Aufnahme der Vermögensgegenstände und Verbindlichkeiten in die Bilanzen beider Fonds muss der übernehmende Investmentfonds in die steuerliche Rechtsstellung eintreten und die Ausgabe der Anteile darf nicht als Tausch gelten. Die Steuerneutralität ist bei ausländischen Fonds außerdem an die Voraussetzung gebunden, dass beide demselben Recht eines EU-Staats oder eines Drittstaats, der Amts- und Beitreibungshilfe gegenüber Deutschland leistet, unterliegen.

Sind die Voraussetzungen des Paragraphen erfüllt, kann die Fusion der ausländischen Fonds steuerneutral abgewickelt werden. Das heißt, an der steuerlichen Behandlung des Fonds ändert sich nichts. Wenn die Bedingungen jedoch nicht komplett eingehalten werden, wird der Vorgang steuerrelevant: Die alten Anteile würden steuerpflichtig veräußert und Anteile des übernehmenden Fonds gekauft werden.

Nach Einschätzung von Tischler könnte die Verschmelzung der Threadneedle-Fonds steuerrelevant sein. Im Rundschreiben für ihre Investoren schreibt die Gesellschaft: "Je nach Ihren persönlichen Umständen können zusätzliche steuerliche Auswirkungen entstehen. Wir können keine Steuerberatung anbieten und empfehlen Ihnen daher, sich über mögliche steuerliche Auswirkungen von einem Fachmann beraten zu lassen."

Was passiert, wenn ich die Anteile vor 2009 gekauft habe?

Bis Anfang des Jahres konnten Fondsanteile, die Anleger vor 2009 erworben haben, steuerfrei verkauft werden. Dieser Bestandsschutz fiel zum 1. Januar 2018 weg. Alle Gewinne sind nun steuerpflichtig. Allerdings gibt es einen Freibetrag von 100.000 Euro. Die meisten Kleinanleger bleiben so von der neuen Regelung verschont.

Wenn nun aber die Übertragung im Rahmen der Brexit-Maßnahmen steuerrelevant ist, werden die Anteile des alten Fonds mit Sitz in Großbritannien verkauft und durch Neu-Anteile des luxemburgischen Fonds ersetzt. Das Privileg des Freibetrags ist dann dahin. Das wäre aber auch der Fall gewesen, wenn der Anleger seine Altanteile auf andere Art und Weise verkauft hätte.

Wer entscheidet über das Steuerrecht?

"Nicht jede Bank prüft den Vorgang selbst", sagt Tischler. Ein externer Datendienstleister bewerte die Maßnahmen und gebe eine Einschätzung der steuerrechtlichen Folgen. In der Regel halten sich die Banken an diese Bewertungen. Die Entscheidung können die Anleger im Rahmen ihrer Einkommensteuererklärung beim Finanzamt nachprüfen lassen. Dass das Finanzministerium zu bestimmten Transaktionen allgemeine Anweisungen herausgibt, geschieht laut Tischler allerdings sehr selten und nur in Einzelfällen.

Ärger gab es beispielsweise im Jahr 2014, als der damals noch eigenständige Konzern Google seine A-Aktien (mit Stimmrecht) teilte und die Aktionäre gratis zu ihren existierenden Aktien noch einmal so viele dazu bekamen, allerdings einer neuen C-Gattung (ohne Stimmrecht). Die Banken stuften das als Sachdividende ein und kassierten Steuern, obwohl den Anlegern gar kein Ertrag zugeflossen war. Das kostete sie bis zu 29 Prozent ihres Investments.

Ein Jahr lang kämpften die Google-Aktionäre daraufhin gegen die ihrer Meinung nach unrechtmäßige Besteuerung - mit Erfolg. 2015 stellte das Finanzministerium klar, dass die Finanzämter das Geld zurückzahlen müssen.

Warum lassen die Gesellschaften ihre Fonds verschmelzen und ziehen nicht einfach um?

Manche Fondsgesellschaften nutzen den Umzug, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Fonds-Verschmelzungen finden in der Regel dann statt, wenn zwei oder mehrere Fonds mit ähnlicher Strategie zu geringe Volumina aufweisen. Mit volumenstärkeren Fonds zielen Gesellschaften darauf ab, die Kosten zu senken und die Rentabilität zu erhöhen. Sie brauchen bei einer Verschmelzung zweier Fonds nur noch ein Anlage-Team und sparen Geld.

Seit Anfang des Jahres müssen deutsche Fonds außerdem auf bestimmte Erträge Steuern in Höhe von 15 Prozent aus dem Fondsvermögen zahlen. Bislang wurden nur die Anleger besteuert. Auch das kann also ein Grund für die Zusammenlegung zweier Fonds sein.