Euro

Höchster Stand seit Anfang 2019 Was macht eigentlich den Euro so stark?

von Lothar Gries

Stand: 22.07.2020, 13:19 Uhr

Während Europas Politiker den Kontinent in die Schuldenfalle treiben und die Wirtschaft darniederliegt, feiert der Euro neue Hochstände. Wie kommt das und droht demnächst eine Kurskorrektur?

Kaum hat die Europäische Zentralbank (EZB) in diesen Tagen den Referenzkurs für den Euro veröffentlicht, ist er auch schon überholt. So hatten die Notenbanker gestern Nachmittag den Kurs der Gemeinschaftswährung auf 1,1443 Dollar festgesetzt, doch die kletterte munter weiter und übersprang in der Nacht die Schwelle von 1,15 Dollar. Am Morgen kostete der Euro schon 1,1547 Dollar. Im Mittagshandel waren es schon 1,1584 Dollar - so viel wie seit Oktober 2018 nicht mehr.

Seit Mai hat der Euro gegenüber dem Dollar damit knapp sieben Prozent zugelegt, ein am Devisenmarkt eher seltener Sprung. Experten wie Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank sehen den Hauptgrund für die Stärke des Euro in der Entschlossenheit, mit der die Politik und die EZB gemeinsam gegen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie ankämpfen.

Zweigleisiger Angriff

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum 3 Monate
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Nachdem die Notenbank ursprünglich 750 Milliarden Euro in die Finanzmärkte pumpen wollte, hat sie dieses Volumen inzwischen um 600 Milliarden auf 1,35 Billionen Euro erhöht. Nicht durch Zufall begann zudem der jüngste Anstieg des Euro just in dem Moment, als Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron einen 500 Milliarden Euro schweren europäischen Rettungsfonds ankündigten.

Der wurde inzwischen auf 750 Milliarden Euro aufgestockt und hat dem Euro weiteren Schub verliehen. So tönte Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, die EU habe mit der Einigung auf einen Fonds ein "wichtiges Zeichen der Solidarität, der Handlungsfähigkeit und des weit reichenden Wandels gesetzt".

Dieser zweigleisige Angriff der Europäer, aus Notenbank und Politik, habe die Anleger beeindruckt und den Euro gestärkt, erklärte Mohammed Kazmi, Portfoliomanager bei Union Bancaire Privée im Gespräch mit dem "Wall Street Journal".

US-Zinsvorteil ist dahin

Zudem ist der Dollar-Zinsvorteil der USA dahin, seitdem die US-Notenbank Fed ähnlich wie die EZB alle Geldschleusen geöffnet hat. Auch werde Europas Pandemie-Strategie von den meisten Beobachtern im Großen und Ganzen als klug beurteilt, während die Vereinigten Staaten offenbar die Kontrolle über die Verbreitung des Virus verloren haben, so die Experten. Diese Entwicklung dürfte die wirtschaftliche Erholung der USA ausbremsen - und den Dollar zusätzlich belasten.

Vor allem die steigenden Infektionszahlen im wirtschaftlich starken Bundesstaat Kalifornien hätten an den Devisenmärkten für Verunsicherung gesorgt, so Leuchtmann. Zum anderen gebe es auch immer wieder Spannungen zwischen den USA und China.

Euro auf wackligem Fundament

Dass die in Brüssel vereinbarte Schuldenaufnahme nicht von ökonomischer Vernunft geleitet ist, sondern von der hoffnungslosen Lage einiger europäischer Länder wie Italien, wird derzeit ausgeblendet.

Dieser Graben innerhalb der EU zwischen dem Norden und dem Süden wurde jetzt zwar verdeckt, doch er offenbart erneut, auf welch wackligem Fundament die Währungsunion steht. Deshalb wollen einige Experten auch nicht ausschließen, dass der Lauf des Euro bald ausgebremst werden könnte.

"Potenzial des Euro ist ausgereizt"

Sie verweisen darauf, dass der Euro im Frühjahr schon einmal binnen weniger Wochen auf knapp 1,15 Dollar geklettert war, nur um kurz darauf wieder nach unten zu rauschen. Droht der Gemeinschaftswährung nun eine ähnliches Schicksal? Die Agentur Bloomberg kam bereits im Juni zu dem Schluss: Der Euro ist gegenüber dem Dollar "überkauft". Schon empfiehlt Ebrahim Rahbari, Chefanalyst für Devisen bei der New Yorker Citigroup, den Euro-Anlegern Gewinnmitnahmen, weil der Zeitpunkt einer Kurs-Überhitzung näher rücke.

Diese Einschätzung teilt auch Bernd Krampen, Analyst bei der NordLB. Er glaubt, "dass das Potenzial des Euro ausgereizt ist" und erkennt ebenfalls wie seine amerikanischen Kollegen "eine überkaufte Lage".

Krampen verweist auf eine seit 2008 existierende starke Abwärtslinie, die bei knapp 1,16 Dollar für einen Euro liege. Sie stelle zudem einen starken charttechnischen Widerstand dar. Sollte der Euro in den nächsten Tagen daran abprallen sei "perspektivisch" mit einem Ende der derzeitigen Rally und einer Gegenbewegung unter die Schwelle von 1,15 Dollar zu rechnen.