Euromünze in Nahaufnahme

Euro-Rally Von Freud und Leid eines starken Euro

von Bettina Seidl

Stand: 22.01.2018, 13:15 Uhr

Der Euro ist stark wie seit Jahren nicht mehr. Die frohe Kunde dahinter: Für uns Verbraucher wird Reisen günstiger. Gedämpft wird auch der Preisanstieg von Benzin und Heizöl. Die europäische Wirtschaft brummt. Doch Vorsicht: Ab wann wird die starke Währung zur Belastung für die Exportnation Deutschland?

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Es ist eine beeindruckende Kletterpartie: Der Euro hat in nur einem Jahr fast ein Fünftel an Wert gewonnen. War er Anfang 2017 noch für 1,03 Dollar zu haben, kostet die europäische Währung inzwischen über 1,22 Dollar. Vergangene Woche war der Euro sogar auf ein Dreijahreshoch von 1,2323 US-Dollar geklettert.

Das ist erst einmal schön für uns - die Verbraucher. Mit dem starken Euro wird das Reisen außerhalb des Euroraums günstiger, vor allem bei Trips in die USA. Der starke Euro drückt außerdem unsere Tank- oder Heizölrechnung. Denn Importe wie der Rohstoff Öl, der an den Finanzmärkten in der US-Währung gehandelt wird, lässt sich bei steigendem Euro-Kurs günstiger einkaufen.

Es ist ein eindrucksvoller Beleg für die florierende Wirtschaft im Euroraum. Sie hat sich gut erholt und wächst inzwischen wieder kräftig. Jüngst hatte die Europäische Zentralbank (EZB) die Konjunkturaussichten für den gemeinsamen Währungsraum deutlich zuversichtlicher beurteilt als noch im September.

Ein Damoklesschwert?

Natürlich muss man sich fragen, wie lange gerade die exportlastige deutsche Wirtschaft einen starken Euro ertragen kann. "Darüber kann sich kein Exporteur freuen", sagte Portfoliomanager Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. "Eine so starke Währungsaufwertung drückt immer auf den Gewinn." Ein starker Euro verteuert hiesige Produkte für Käufer außerhalb dieses Währungsraums, was entweder die Nachfrage dämpft und entsprechend Absatzchancen erschwert. Oder der Unternehmer muss, um auf dem Auslandsmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben, seine eigenen Gewinne beschneiden.

Skyline von New York

Das Schöne am starken Euro: Trips in die USA werden günstiger. | Bildquelle: colourbox.de

Aktienmarktstratege Markus Wallner von der Commerzbank warnt vor den negativen Auswirkungen, die der hohe Eurokurs im Schlussquartal 2017 wohl auf die Geschäftszahlen der deutschen Unternehmen gehabt hat. Die nächste Woche anlaufende Berichtssaison wird es zeigen. Einen Vorgeschmack dürfte nächste Woche Dienstag SAP geben, der erste Dax-Konzern in dieser Saison mit Geschäftszahlen. SAP erlöst einen nicht unerheblichen Anteil seiner Umsätze in den USA, rund 30 Prozent. Denn viele Kunden des Software-Hauses sitzen in Amerika und bezahlen ihre Rechnungen auch in Dollar.

Wie viel Euro-Stärke verkraftet die Wirtschaft?

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Hält sich die Gemeinschaftswährung auf dem derzeitigen Niveau, dann kommt es laut Wallner im ersten Quartal 2018 noch dicker für die exportstarken hiesigen Firmen. Denn in diesem Fall dürften die Analysten ihre Gewinnschätzungen weiter nach unten revidieren. Einige Ökonomen halten einen Eurokurs, der dauerhaft über 1,20 Dollar liegt, für konjunkturschädlich. Schließlich haben gerade die südeuropäischen Krisenstaaten in den Jahren zuvor vom schwachen Euro profitiert.

Die Stimmung an den Börsen wurde in den letzten Wochen entsprechend bei jedem Aufwärtszucken des Euro getrübt. Je stärker der Euro, desto stärker sanken die Aktienkurse, der Dax ging zeitweise deutlich in die Knie.

Bremsspuren? Fehlanzeige!

Allerdings hielten die Sorgen nie besonders lang. Denn bislang zeigen sich noch keine Bremsspuren in der Wirtschaft. 2017 dürften die Ausfuhren um sechs Prozent auf den Rekordwert von knapp 1,3 Billionen Euro gestiegen sein, was rund 70 Milliarden mehr wären als 2016. "Deutschlands Exportwirtschaft profitiert vor allem von der deutlichen Erholung der Weltwirtschaft. Der Außenhandelsverband BGA rechnet mit Rekorden im vergangenen und in diesem Jahr. "Das Erstarken des Euro-Kurses seit April 2017 hat den deutschen Exportsektor nicht beeinträchtigt", konstatierte ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski unlängst. Produkte aus Deutschland seien in vielen Ländern gefragt.

Die geografische Vielfalt scheine der Schlüssel zum Erfolg zu sein. "Die deutsche Exportindustrie ist stark diversifiziert und sehr wettbewerbsfähig. Immer dann, wenn es um High-End-Produkte geht, sind deutsche Produkte gefragt", argumentiert auch Ron van het Hof, Chef des Kreditversicherers Euler Hermes.

Besonders die Hersteller von Investitionsgütern wie Maschinen, Anlagen und Fahrzeugen profitieren von der besseren Weltkonjunktur und fuhren ihre Produktion überdurchschnittlich kräftig hoch. "Die Weltwirtschaft liefert Impulse", sagte Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. "Es gibt offenbar nichts, was die deutsche Konjunktur bremsen könnte."

Auch nicht Trump: Viele Unternehmen wie beispielsweise BMW oder BASF, die auch in den USA produzieren, profitieren von Trumps Steuergeschenken. Auch Telekom, Siemens und Daimler streichen stattliche Sonderprofite ein.

Angst vor Handelshürden

Die Unternehmen blicken zudem dank voller Auftragsbücher optimistisch in die Zukunft. Aus dem Bundeswirtschaftsministerium heißt es: "Die gute Entwicklung der Auftragseingänge sowie die optimistischen Geschäftserwartungen deuten für die kommenden Monate auf eine lebhafte Entwicklung der Industriekonjunktur hin." Volkswirte sind ähnlich zuversichtlich. Die Produktion werde weiter unter Dampf bleiben, sagte der Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe, Alexander Krüger.

Ähnlich äußert sich der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. Der Ausblick auf das neue Exportjahr 2018 falle optimistisch aus, sagte Treier. "Allerdings sind die Exporterfolge kein Selbstläufer. Sie sind in den Betrieben hart erarbeitet und aktuell mehr ein Produkt einer temporär guten Weltkonjunktur." Insgesamt würden die Handelshürden weltweit zunehmen, wie der ergebnislose Gipfel der Welthandelsorganisation WTO am Jahresende in Buenos Aires zeige. Der Euro-Dollar-Kurs scheint da zweitrangig.

Warum ist der Euro so stark?

Der Aufschwung in Europa ist auch nicht der alleinige Grund für den stärker gewordenen Euro. Die Europäische Zentralbank wurde ebenfalls zum Treiber. So hatte das Protokoll der jüngsten Zinssitzung der Notenbanker Hinweise auf eine rasche Änderung der geldpolitischen Kommunikation geliefert. Daher wird nun auf eine möglicherweise schnellere Zinserhöhung spekuliert, manch Investor glaubt gar an eine erste Zinsanhebung zum Jahresende. Das beflügelte entsprechend den Euro, da höhere Zinsen die europäische Währung als Geldanlage attraktiver machen würde.

Der steigende Euro-Kurs ist auch nicht allein als Euro-Stärke zu erklären, sondern umgekehrt ebenso als Dollar-Schwäche. Die Unsicherheiten in den USA, das politische Chaos belasten nämlich die US-Währung. Der seit dem Wochenende anhaltende Zwangsstillstand der US-Regierung ist da nur das Tüpfelchen auf dem i. Die Dollar-Schwäche kommt Donald Trump gerade recht beziehungsweise ist sogar von ihm gewollt.

Euro-Stärke - halb so schlimm

Wie geht es nun weiter mit dem Euro? Manche Devisenexperten halten sein Potenzial inzwischen für ausgereizt. Sie rechnen damit, dass sich die Gemeinschaftswährung auf dem aktuellen Niveau stabilisiert. Selbst die Optimisten der Citigroup sehen wenig Luft nach oben und erwarten den Euro bei 1,24 Dollar. Am meisten traut Deutsche-Bank-Devisenstratege George Saravelos dem Euro zu. Er prognostiziert bis Ende 2018 einen Anstieg auf 1,30 Dollar.

Allerdings sind die Vorhersagen der Auguren mit Vorsicht zu genießen. Im vorigen Jahr lagen viele Analysten komplett daneben. So hatte etwa die Deutsche Bank gar an eine Parität des Euro zum Dollar geglaubt.

Es gibt auch zu viele Unsicherheitsfaktoren. Trump ist nur einer davon. Die EZB genauso wie die US-Notenbank Fed sind bisweilen für Überraschungen gut. Dann steht noch die Italien-Wahl im März an, was die Euro-Skepsis wieder mehren könnte. Denn das neue Wahlgesetz könnte mit einem Rechtsbündnis "Centro-Destra" zu einer - im Gegensatz zu den Wahlen im vergangenen Jahr - größeren Überraschung führen, wie der Vermögensverwalter Dr. Jens Ehrhardt in seiner Publikation "Finanzwoche" ausführt. Wenngleich der Euro im Trend unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten weiter ansteigen dürfte.

Der reine Euro-Stand ist also nicht ausschlaggebend für die deutsche Wirtschaft. Zumal die Unternehmen auf der Importseite profitieren. Von seinem Höchststand von knapp 1,60 Dollar im Jahr 2008 ist der Euro ohnehin noch weit entfernt.

bs