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Türkische Lira auf Rekordtief Gute Nacht, Türkei!

von Bettina Seidl

Stand: 09.10.2017, 11:34 Uhr

Die türkische Lira fällt und fällt. Noch nie war sie so schwach wie heute. Der Unsicherheitsfaktor Erdogan wiegt schwer: Erst die volle Konfrontation mit Deutschland, jetzt mit den USA.

Anleger sind extrem verunsichert und trennen sich von der türkischen Währung. Die Lira fiel zu Wochenbeginn auf ein neues Rekordtief gegenüber dem Euro. Der Euro kostet jetzt 4,24 Lira. Auch gegenüber dem Dollar wertete die türkische Währung ab, sie fiel auf ein Acht-Monats-Tief. Der Dollar stand heute zeitweise bei 3,81 Lira. Auch die Renditen und Risikoaufschläge für türkische Staatsanleihen, die in der Landeswährung gehandelt werden, stiegen deutlich an.

Auslöser war, dass die USA und die Türkei die Bearbeitung von Visa-Anträgen für das jeweils andere Land einschränkten. Ein türkischer Mitarbeiter war im US-Konsulat in Istanbul verhaftet worden, wegen "Spionage" und Umsturzversuchs. Er soll laut Ankara der Gülen-Bewegung angehören, die von der türkischen Regierung für den Putschversuch im vergangenen Jahr verantwortlich gemacht wird.

Der politische Streit verunsichert auch Anleger an der Aktienbörse. Der Leitindex der Istanbuler Börse BIST100, der auch unter dem alten Namen ISE 100 zu finden ist und die 100 wichtigsten Aktiengesellschaften der Türkei abbildet, rutscht heute zeitweise fünf Prozent ab, sogar unter die runde Marke von 100.000 Punkten. Unter den größten Verlierern waren die Titel der Fluggesellschaften. Turkish Airlines verloren bis zu elf Prozent, Pegasus Airlines zehn Prozent. Die Boomstimmung an den Börsen scheint vorbei. Seit Anfang September haben die Kurse deutlich nachgegeben. Der türkische Leitindex gab in der Spitze rund acht Prozent nach.

Investoren bekommen kalte Füße

Die scharfe Reaktion der Finanzmärkte begründeten Analysten damit, dass die Märkte von der politischen Eskalation überrascht worden seien. Die mittlerweile extrem angespannten Beziehungen zwischen den USA und der Türkei seien für Marktteilnehmer, die die Lira in den letzten Monaten favorisiert hätten, nicht das wahrscheinlichste Szenario gewesen, kommentierte die Großbank UniCredit.

Die Analysten rechnen mit weiteren Kursverlusten der Lira, soweit sich die Lage zwischen den beiden Ländern nicht nennenswert entspannt. "Die Situation scheint wirklich sehr ernst zu sein", sagte Anlagestratege Timothy Ash vom Vermögensverwalter Blue Bay. "Wenn der Lira-Verfall weitergeht, könnte sich die türkische Zentralbank gezwungen sehen zu intervenieren und die Zinsen zu erhöhen", sagte Ash.

Hohe Inflation belastet

Die Lira gilt zwar auch als Leidtragender der anstehenden Zinsanhebungen in Amerika. Diese stärken meistens den Dollar und lasten im Gegenzug auf anderen Währungen, insbesondere von Schwellenländern wie der Türkei. Die Lira gilt vor allem deshalb als anfällig, weil die Türkei auf einen stetigen Zustrom ausländischen Kapitals angewiesen ist, um ihr Defizit im Außenhandel zu finanzieren.

Doch die Hauptprobleme sind hausgemacht. Die Attraktivität der Lira leidet auch unter der hohen Inflation in der Türkei von rund 11 Prozent. Die jüngsten Inflationsdaten aus dem Monat September zeigten 11,2 Prozent Preissteigerung auf Jahresbasis nach 10,7 Prozent im August. Darunter leiden die Verbraucher, in einzelnen Bereichen stiegen die Preise noch stärker, bei Lebensmitteln und im Transportbereich etwa.

Die paradoxe Sicht des Herrn Erdogan

Bei einer Zinsanhebung durch die türkische Zentralbank gäbe es Schub für die Lira. Doch noch halten die Notenbanker in Ankara die Füße still und den Leitzins bei acht Prozent. Sie klammern sich weiter an ihre Inflationsprognose von 9,72 Prozent zum Jahresende. Man darf die berechtigte Frage stellen, wie unabhängig die türkische Zentralbank tatsächlich ist in Anbetracht eines Erdogan, der politsch Andersdenkende bestenfalls mit Entlassungen sanktioniert.

Und Erdogan hat eine komplett andere Sicht auf die Leitzinsen als die Zentralbank. Der türkische Präsident fordert beständig niedrigere Zinsen und stellt die paradoxe Behauptung auf, die Inflation sei mit einer Senkung der Zinsen zu bekämpfen. "Wenn der Zinssatz sinkt, sinkt die Inflation. Wenn der Zinssatz hoch ist, ist die Inflation hoch", sagte Erdogan vorige Woche vor den Abgeordneten seiner AK-Partei in Ankara. "Es gibt den Glauben, dass es umgekehrt ist. Doch das stimmt nicht, wir haben es gesehen."

Das Schwarze-Peter-Spiel

Gängige Lehre der Ökonomen ist, dass eine Senkung der Zinsrate zum Anstieg der Inflation führt, da damit mehr Geld in Umlauf gerät. Um die Inflation zu senken, heben Zentralbanken den Leitzins an. Dagegen warnt Erdogan: "Wenn wir es nicht schaffen, die Zinsen zu senken, steuern wir auf eine große Katastrophe zu" - ein kläglicher Versuch, den Notenbankern den Schwarzen Peter zuzuschieben.

Wovor Erdogan Angst hat: Höhere Zinsen würden die Wirtschaft belasten. Denn sie verteuern Kredite, was die Unternehmensgewinne schmälert. Die Wirtschaft ist Erdogans Achillesferse. Er wird nur gewählt, wenn er für Aufschwung sorgt.

Der Wirtschaft geht es zwar gar nicht schlecht. Ein Jahr nach dem vereitelten Putsch setzt sich die Erholung der türkischen Wirtschaft fort, und das trotz der erheblichen Spannungen mit Europa und eines Radikalumbaus des Staates. Die Ratingagentur Fitch hob jüngst sogar ihre Wachstumsschätzung für das Land deutlich an. Statt um 4,7 Prozent dürfte das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr um 5,5 Prozent gegenüber 2016 zulegen, erklärte Fitch. Die Konjunktur behaupte sich.

Vorbei der Boom?

Dabei halfen höhere Staatsausgaben, es gab steuerliche Anreize der Regierung, die Kreditvergabe an kleine und mittelständische Unternehmen wurde befeuert. Auch das höhere Wachstum der Eurozone habe der türkischen Wirtschaft auf die Beine geholfen, so Fitch. Exportwirtschaft und Baubranche trieben das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal auf 5,1 Prozent. Das besagen zumindest die Werte des nationalen Statistikamts. Doch einige Ökonomen haben ihre Zweifel an den Daten. Die Ratingagenturen vergeben auch nicht gerade Bestnoten. Für sie ist die Bonität des Landes auf "Ramsch"-Niveau.

Inzwischen hat auch an der Börse die Stimmung gedreht. Herrschte bis vor kurzem noch Boomstimmung, die den türkische Leitindex im August auf ein Rekordhoch von 110.175 Punkten trieb. Das entsprach immerhin mehr als 40 Prozent Zugewinn seit Jahresanfang. Investoren ließen sich von Erdogans immer autoritärerem Führungsstil und der eisigen Stimmung zwischen der Türkei und Deutschland nicht verunsichern. Die jetzt bekommen offenbar doch mehr und mehr Börsianer kalte Füße.