Türkische Lira
Audio

Analysten warnen Erdogan-Sieg treibt Lira nur kurz

Stand: 25.06.2018, 10:56 Uhr

Der klare Ausgang der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in der Türkei gab der Lira am Montag zunächst kräftig Auftrieb. Denn die befürchtete Stichwahl wurde vermieden. Doch die Erholung war nur von kurzer Dauer.

Nach dem doppelten Wahltriumph von Recep Tayyip Erdogan sprang die türkische Lira am Montag zunächst um rund drei Prozent gegenüber dem US-Dollar und dem Euro nach oben - auf den höchsten Stand seit zwei Wochen.

Auch die Istanbuler Börse startete mit einem deutlichen Plus in den Handelstag. Der Leitindex BIST 30 og um rund ein Prozent an. Besonders Banken- und Luftfahrt-Werte sind gefragt.

"Die politische Landschaft in der Türkei scheint nach den vorgezogenen Wahlen am Sonntag unverändert zu bleiben", sagte Paul Greer, Fondsmanager für Schwellenländer beim Fondsanbieter Fidelity International. "Mit diesem Ergebnis sollten die türkischen Märkte eine kleine Erleichterungsrally genießen."

Erdogan hat sowohl bei den Präsidentschafts- als auch bei den Parlamentswahlen die absolute Mehrheit erreicht. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, wurde er mit 52,55 Prozent als Präsident wiedergewählt. Bei der Parlamentswahl kam das von Erdogans AKP geführte Parteienbündnis nach Anadolu-Angaben auf deutlich mehr als 340 der 600 Sitze.

Lira-Rally nur von kurzer Dauer

Am späten Vormittag waren die Gewinne der Lira allerdings wieder aufgebraucht. Schon zuvor hatten Analysten gewarnt, dass es sich bei der kleinen Lira-Rally wohl um ein kurzfristiges Phänomen handelt. Schließlich sind die langfristigen Risiken für die türkische Währung mit dem Wahlsieg Erdogans eher gestiegen. "Übermäßiger Optimismus für die Landeswährung ist angesichts der weiter bestehenden wirtschaftlichen Herausforderungen unseres Erachtens jedenfalls derzeit nicht angezeigt", meinte etwa DZ-Bank-Analyst Sören Hettler.

Hörfunk-Moderatorin Ulla Herrmann
Audio

Börse 10.00 Uhr: Türkische Wirtschaft bereitet Sorgen

"Auch wenn dieses Ergebnis für eine vergleichsweise stabile Regierung sorgen wird, haben sich die Risiken für die Zentralbank und die Geldpolitik vervielfacht und damit die Aussichten der Lira weiter eingetrübt", schrieben die Commerzbank-Experten in ihrem aktuellen Marktkommentar vom Montag. Sollte Erdogan eine lockerere Geld- und Fiskalpolitik starten, könne die Rally der türkischen Börse und der Lira schnell im Keim erstickt werden, warnte Jason Tuvey, Volkswirt beim Researchhaus Capital Economics.

Erdogan hatte vor seiner Wiederwahl mehrfach die Unabhängigkeit der türkischen Notenbank in Frage gestellt und so den Verfall seiner Landeswährung erst befeuert. Mitte Mai hatte er in einem Interview angekündigt, nach den Wahlen die Geldpolitik stärker unter seine Fittiche zu nehmen. Er werde höchstpersönlich für tiefe Zinsen sorgen, versprach Erdogan. Die türkische Zentralbank setzte zuletzt aber ihre Unabhängigkeit durch und drehte zweimal an der Zinsschraube.

Erdogan so mächtig wie nie

Künftig hat Erdogan so viel Macht wie kein anderer türkischer Präsident vor ihm. Im Rahmen des nun eingeführten Präsidialsystems wird der starke Mann vom Bosporus künftig Staats- und Regierungschef mit weitreichenden Vollmachten. Das Amt des Ministerpräsidenten wird abgeschafft. Die Opposition hatte für den Fall eines Erdogan-Sieges vor einer "Ein-Mann-Herrschaft" gewarnt.

Türkei-Experte Greer von Fidelity warnt vor den nach wie vor großen Herausforderungen für das Land. "Die Türkei hat weiterhin mit zahlreichen makroökonomischen Schwachstellen zu kämpfen, darunter einer anhaltenden zweistelligen Inflation, einem hohen Leistungsbilanzdefizit, einer niedrigen Sparquote, einer Lockerung der Fiskalpolitik und einem großen externen Finanzierungsbedarf."

Die Währung hat seit Jahresbeginn gut 20 Prozent an Wert verloren und rutschte zeitweise auf ein Rekordtief zum Dollar und Euro. Der Lira-Verfall macht Treibstoffe und andere Importe teurer und treibt die Inflation. Die Teuerungsrate kletterte auf über zwölf Prozent. Das trifft vor allem Mittelständler und die Bevölkerung.

nb