Silhouette der Landmasse Italiens bricht von einer Klippe ab
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Euro nähert sich 1,15 Dollar Angst vor dem Italexit

Stand: 29.05.2018, 11:57 Uhr

Nach Griechenlandkrise und Brexit jetzt die Sorge vor einem Italexit: Bleibt Italien in der Euro-Zone? Der europäischen Währung geht es gar nicht gut, sie fällt auf ein Zehnmonatstief.

Während in Italien heftigst um die politische Zukunft gerungen wird, schauen die Finanzmärkte mit Skepsis von der Seitenlinie zu. Investoren gehen vorsichtshalber auf Abstand zum Euro. Zu unsicher der Ausgang des Kampfes zwischen den beiden populistischen Kräften Fünf Sterne und Lega einerseits sowie Staatspräsident Sergio Mattarella andererseits. Italien wird wohl bis zu den Neuwahlen keine handlungsfähige Regierung haben, da die von Mattarella vorgesehene Expertenregierung im Parlament keine Mehrheit finden wird.

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Investoren kehren italienischen Staatsanleihen den Rücken - und auch vorsichtshalber dem ganzen Euroraum. Das lässt den Euro auf ein Zehnmonatstief fallen, er sackt heute bis auf 1,1511 Dollar. Zuletzt war er im Juli 2017 so schwach.

Wall Street zieht nach

Teils hängen die Euro-Verluste auch damit zusammen, dass die wichtigen Handelsplätze London und New York wegen eines Feiertages geschlossen waren. Die Investoren dort haben heute also Nachholbedarf. Sie fliehen in sichere Anlageformen - insofern ist die Euro-Talfahrt auch als Dollar-Stärke zu interpretieren. Auch der japanische Yen profitierte von der allgemeinen Unsicherheit an den Finanzmärkten.

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Warnung von der EZB

Italien dürfte weitere Monate mit einer widerwillig gebilligten Technokratenregierung vor sich hindümpeln, bis es zu Neuwahlen mit einem offenen Ausgang komme, sagte DZ-Bank-Devisenanalystin Dorothea Huttanus. Diese Perspektive bekomme dem Euro noch schlechter als die Aussicht auf eine Regierungskoalition aus Lega und 5 Sterne.

Der scheidende Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Vítor Constancio, warnte Italien vor den Folgen einer erneuten Staatsschuldenkrise. "Als 2012 Finanzmärkte das Land attackiert haben, hat das gezeigt: Sie können in ihrer Wahrnehmung sprunghaft sein und die Risikoeinschätzung für einen Schuldner abrupt und schnell ändern, manchmal mit gravierenden Folgen", sagte Constancio in einer am Dienstag veröffentlichten Vorabmeldung des "Spiegel". "Wir werden sehen, was nun passiert."

Teure Versprechen

Italien ist groß und verschuldet genug, um eine neue Eurokrise auszulösen. Das drittgrößte Land der Eurozone hat eine Verschuldung von 132 Prozent der Wirtschaftsleistung. Nur Griechenland steht im Euroraum noch stärker in der Kreide. Eine hohe Verschuldung wird vor allem in Zeiten steigender Zinsen zum Problem werden, weil das Land anfällig wird für steigende Refinanzierungskosten.

Die neue Regierung in Rom lässt klar erkennen, dass sie wenig hält von Schuldenabbau, im Gegenteil: Sie will die Ausgaben weiter steigern, ein Grundeinkommen einführen, das Rentenalter absenken und die Steuern senken - teure Versprechen. Experten erwarten, dass dies die hohen Schulden noch weiter erhöht. Allein die Rentenreform über Bord zu werfen, könnte 170 Milliarden oder 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes kosten.

Zum Vergleich: Die Schulden, die Deutschland angehäuft hat, liegen bei 64 Prozent des BIP, die der USA bei 105 Prozent.

Ein Haufen Probleme

Was die Alarmglocken in Europa zudem schrillen lässt: Die Populisten wollen auch die europäischen Verträge in Sachen Staatsverschuldung und Haushaltsdefizit "neu diskutieren".

Obendrein ist das italienische Bankensystem wackliger als das in anderen EU-Staaten oder in den USA. Vor allem in den Büchern süditalienischer Banken ist der Anteil potenziell fauler Kredite hoch. Ein Alarmsignal: Faule Privatkredite waren schließlich ein Hauptauslöser der Finanzkrise.

Das Fehlkonstrukt Euro

Die Fachleute der Commerzbank sehen nicht nur Italien als Problem für die Gemeinschaftswährung an. Sondern auch und vor allem den Euro selbst. Dieses Problem sei viel fundamentaler. "Der Euro ist und bleibt ein politisches Experiment und kann politisch scheitern, wenn die erwarteten wirtschaftlichen Vorteile nicht erreicht werden", sagte Experte Ulrich Leuchtmann. Letztere blieben hinter den Erwartungen zurück, nicht zuletzt wegen der Euro-Schuldenkrise.

Zur Regierungskrise in Italien hinzu kommt die Ungewissheit, wie es in Spanien weitergeht. Dort soll einem Medienbericht zufolge am Donnerstag und Freitag ein Misstrauensantrag gegen den konservativen Regierungschef Mariano Rajoy debattiert werden. "Ich erwarte keine Krise, anhaltende Unsicherheit ist aber denkbar", sagte Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank.

Dazu kommen Konflikte in vielen anderen Teilen der Welt. Sei es nun der Konflikt der USA mit Nordkorea, oder die Unsicherheit in der Türkei: Anleger greifen da eher bei den als sicher geltenden US-Staatsanleihen zu, was den Dollar-Kurs stärkt.

bs