Schmelzende Euromünze

20 Jahre Euro Droht jetzt die "Kernschmelze"?

von Angela Göpfert

Stand: 01.01.2019, 01:06 Uhr

20 Jahre nach der Einführung des Euro geht die größte Gefahr für die europäische Gemeinschaftswährung von ihren Kernländern aus. Ist der Euro noch zu retten? Und wenn ja, zu welchem Preis?

Am 1. Januar 1999 wurde der Euro als Buchgeld eingeführt – 20 Jahre danach steht die europäische Gemeinschaftswährung unter heftigem Beschuss. Wieder einmal. Waren es in der Euro-Krise ab dem Jahre 2010 noch in erster Linie Peripherieländer wie Griechenland, Portugal und Irland, welche die Stabilität in der Eurozone bedrohten, sind es jetzt Kernstaaten wie Frankreich und Italien.

"Gelbwesten" propagieren "Frexit"

So halten die "Gelbwesten" Frankreich bereits seit Wochen in Atem. Auf der unendlich langen Liste ihrer Forderungen steht der "Frexit", der Austritt Frankreichs aus der EU und dem Euro, zumindest bei einigen Protagonisten der "Gilets Jaunes", ganz oben.

In der Hoffnung, so seine politische Haut zu retten, hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den "Gelbwesten" noch vor Weihnachten bedeutende Zugeständnisse gemacht. Die Erhöhung des Mindestlohns, Steuererleichterungen für Rentner und weitere Sozialmaßnahmen schlagen allerdings mit rund zehn Milliarden Euro zu Buche.

Ginge es nach einigen "Gelbwesten", würde Frankreich die Eurozone verlassen. | Bildquelle: picture alliance/Chen Yichen/XinHua/dpa

Vertrauen in Eurozone erschüttert

Frankreich droht damit, gegen die EU-Schuldengrenze von 3,0 Prozent zu verstoßen. Für Ifo-Chef Clemens Fuest wäre das ein "schwerer Schlag" gegen den europäischen Fiskalpakt. Das Vertrauen in die Eurozone werde weiter erschüttert.

In dieser Hinsicht hatte Italien 2018 schon ordentlich "Vorarbeit" geleistet. Das hoch verschuldete Mittelmeerland hatte im vergangenen Jahr einen langwierigen Haushaltsstreit mit der EU vom Zaun gebrochen.

Mehr Sozialausgaben zur Rettung des Euro?

Forum Romanum

Italien lenkt ein, Euro-Befürworter atmen auf. | Bildquelle: Imago

Immerhin: Ein Defizitverfahren konnte im Dezember knapp vermieden werden. Ein wichtiger Etappensieg für die Euro-Befürworter. Eine Eskalation im Schuldenstreit mit Italien hätte nämlich den Rechtspopulisten und Euro-Gegnern in ganz Europa weiteren Auftrieb gegeben.

Doch sind steigende Sozialausgaben wirklich das Mittel der Wahl, um diese Gruppen zu besänftigen? Das glaubt zumindest der renommierte Vermögensverwalter Jens Ehrhardt: "Will man den Euro retten und soziale Unruhen in Europa vermeiden, so muss man fiskalpolitisch die Weichen in Europa auf Expansion stellen."

EZB: Kein Puffer für künftige Krisen

Doch will man den Euro retten, sind angesichts einer sich 2019 voraussichtlich eintrübenden Weltkonjunktur nicht nur die Regierungen der EU-Länder und die EU-Kommission gefragt, sondern auch die Europäische Zentralbank.

Die EZB hat sich allerdings durch ihre anhaltende Niedrigzinspolitik in eine Lage manövriert, in der sie bei Krisen nur noch schwer gegensteuern kann. So liegt der Leitsatz für die Versorgung der Geschäftsbanken in der Eurozone mit Geld seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent.

Ganz anders die US-Notenbank: Sie hat die Zinsspanne zuletzt im Dezember auf 2,25 bis 2,5 Prozent angehoben. Im Notfall kann also Fed-Chef Jerome Powell aus dem Vollen schöpfen und mit einer aggressiven Zinssenkung einen Konjunktureinbruch abfedern. EZB-Chef Mario Draghi sind dagegen die Hände gebunden.

Mario Draghi hält die Hand vor den Mund

Kann die Zinsen nicht noch weiter senken: EZB-Chef Mario Draghi. | Bildquelle: picture alliance / dpa

2019 – kein gutes Jahr für Deutschland und den Euro?

Das bedeutet für das Wachstum in der Eurozone nichts Gutes. Von einer weiteren Verschlechterung des Welthandels infolge des Brexits und des Handelsstreits der USA mit China wäre übrigens das Euro-Kernland Deutschland am stärksten betroffen.

Containerschiff bei Sonnenaufgang im Hamburger Hafen

Exportweltmeister Deutschland in der Bredouille . | Bildquelle: picture alliance/Daniel Reinhardt/dpa

Die Exportquote in der Bundesrepublik liegt rund dreimal so hoch wie in den USA, Japan und China. Schwächere Exporte in die Euro-Krisenländer Frankreich und Italien, aber auch nach Großbritannien und China dürften die deutsche Wirtschaft empfindlich treffen – und rechtspopulistischen Strömungen neuen Auftrieb geben.

Lauert also die größte Gefahr für den Euro, 20 Jahre nach seiner Einführung, am Ende nicht in Italien oder Frankreich – sondern in Deutschland?