Protestierende in den Straßen von New York mit umgedrehter USA-Flagge
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Inverse Zinskurve in den USA und Großbritannien Anleihemärkte senden Rezessionssignale

Stand: 14.08.2019, 15:04 Uhr

Erstmals seit zwölf Jahren hat die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe am Mittwoch unter der des zweijährigen Bonds gelegen. Und auch in Deutschland erreichte die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen ein neues Rekordtief. Steuern wir jetzt endgültig auf eine Rezession zu?

Als inverse Zinsstruktur, die als Zeichen einer baldigen Rezession gilt, wird die Konstellation bezeichnet, in der die kurzfristigen Renditen über den langfristigen liegen. Am Mittwoch überstieg die Rendite für zweijährigen US-Staatsanleihen mit 1,61 Prozent zeitweise die für zehnjährige, die bei 1,59 Prozent rentierten. Das heißt: Anleger bekommen für kurzfristige Bonds mehr Zinsen als für langfristige. Das gab es seit 2007 nicht mehr. Am Nachmittag drehte sich die Zinskurve und die zehnjährigen Bonds rentierten wieder leicht höher.

Im Allgemeinen steigt die Verzinsung stets mit der Laufzeit, für längere Bonds gibt es mehr Ertrag. Schließlich sind Investoren ihr Geld bei den Langläufern länger los - mit allen Risiken. Wer eine zehnjährige Anleihe kauft, legt sich für eine Dekade auf diesen Zins fest. Sollte während der Laufzeit die Inflation plötzlich in die Höhe schießen, der Emittent schwächeln oder das Marktzinsniveau generell nach oben gehen, erleidet der Anleger zumindest zwischenzeitlich Kursverluste.

Der höhere Zins ist da der Ausgleich. Wenn die Anleger akzeptieren, dass der langfristige Zins unter dem kurzfristigen liegt, fürchten sie eine negative wirtschaftliche Entwicklung.

Fallende Renditen für lange Laufzeiten spiegeln also die Erwartung der Anleger wider, dass die wirtschaftliche Aktivität lahmt und somit das allgemeine Zinsniveau sinken wird - sie kaufen längerfristige Staatsanleihen, was deren Kurs steigen und die Rendite fallen lässt.

Teil der Zinskurve besonders wichtig

Die letzte Umkehrung dieses Teils der Zinsstrukturkurve erfolgte im Dezember 2005, zwei Jahre bevor eine durch die Finanzkrise ausgelöste Rezession einsetzte. Ökonomen schenken dem Spread zwischen den zehn- und zweijährigen Papieren besondere Aufmerksamkeit. Denn: Jeder Rezession in den vergangenen 50 Jahren ging die Umkehrung dieses Bereiches voraus - oft aber mit Verzögerung.

S&P 500 Ind.: Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
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Nach Angaben der Schweizer Großbank Credit Suisse tritt eine Rezession durchschnittlich erst 22 Monate nach solch einer Inversion auf. Außerdem steige der Index S&P 500 im Jahr danach um zwölf Prozent und die Kurse an der Börse würden erst nach etwa 18 Monaten ins Minus drehen.

Die inverse Zinskurve habe in sieben von neun Fällen einen Konjunkturabschwung korrekt vorhergesagt, sagte auch Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. Allerdings dauere es meist ein bis zwei Jahre, bevor die Wirtschaft in eine Rezession rutsche.

Auch in Großbritannien inverse Zinskurve

Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe sank am Mittwoch ebenfalls in den Keller. Sie lag zeitweise unter ihrem früheren Rekordtief von 2,089 Prozent nach dem britischen Brexit-Votum 2016. Damit ist die 30-jährige Rendite allein in diesem Monat um satte 40 Basispunkte gefallen.

ARD-Börsenstudio: Dorothee Holz
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ARD-Börse: Krisenlage am Anleihemarkt - Rendite auf Rekordtief

Auch in Großbritannien fiel die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen mit 0,445 Prozent leicht unter den Effektivzins zweijähriger Papiere. Nach wie vor sind die Zinskurven in beiden Ländern aber nicht komplett invers. Zum einen, weil die Zinsen in den sehr langen Laufzeiten immer noch höher sind als in den kürzeren Fristen. Zum anderen sind die Zinskurven auch in den kurz- und mittelfristigen Laufzeiten nicht durchgehend invers: So fallen die Renditen in den USA zwar bis zu einer Laufzeit von fünf Jahren, danach beginnen sie aber wieder leicht zu steigen.

Fachleute weisen außerdem darauf hin, dass bei einer inversen Zinskurve erst von einem Rezessionssignal gesprochen werden sollte, wenn die Zinskurve einige Zeit invers ist. Hinzu kommt, dass die Geldpolitik in vielen Ländern derzeit extrem locker ist, was die Aussagekraft der Zinsstrukturkurve beeinträchtigen könnte.

Schwache Konjunkturdaten

Auch deutschen Rentenmarkt ist die Hausse nicht zu bremsen. Investoren griffen am Mittwoch bei lang laufenden Bundesanleihen zu und drückten die Rendite der zehnjährigen Titel auf ein Rekordtief von minus 0,641 Prozent.

Die Furcht vor einer weltweiten Rezession hat die Börse fest im Griff. Dabei spielt nicht nur die Entwicklung an den Anleihemärkten eine Rolle. Auch eine Serie enttäuschender Konjunkturdaten aus Deutschland und China sorgen neben dem amerikanisch-chinesischen Handelskrieg für Verunsicherung. "Der Zollstreit zwischen den USA und China hat bereits einen Einfluss auf die Konjunktur", sagte Christophe Barraud, Chef-Anlagestratege des Brokerhauses Market Securities. "Vor allem, wenn man sich vom weltweiten Handel abhängige Staaten wie Deutschland anschaut."

Die chinesische Industrieproduktion wuchs so langsam wie seit 17 Jahren nicht. "Wenn Chinas Industrieproduktion schwächelt, ist das immer auch eine Aussage über den Zustand der Weltwirtschaft", sagte Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners.

tb