Jacob Bellevois, Schiffbruch im Sturm.

Stehen die Zeichen auf Krise? Unruhe am US-Geldmarkt

von Till Bücker

Stand: 18.09.2019, 15:45 Uhr

Der größte Finanzmarkt der Welt spielt verrückt: In einem Teilbereich sind die Zinsen explosionsartig in die Höhe geschossen. Seit mehr als einem Jahrzehnt musste die Fed wieder mit milliardenschweren Geldspritzen einspringen.

Der zwei Billionen Dollar schwere Repo-Markt ist für das Finanzsystem ein entscheidender Bestandteil. Immerhin können sich Unternehmen und Geschäftsbanken dort kurzfristig Bargeld besorgen. Normalerweise liegen die Kosten dafür noch im Rahmen. Am Dienstagmorgen schnellten die Zinsen nach Angaben des Finanzdatenanbieters Refinitiv jedoch auf einmal um mehr als das Vierfache nach oben - in der Spitze auf satte zehn Prozent.

Repo-Markt

Der Repo-Markt ist vielleicht der wichtigste Funding-Markt auf der Welt. Repo (engl. "repurchase operation") steht dabei für Rückkaufvereinbarung. Unternehmen können sich Zugang zu Bargeld verschaffen und amerikanische Staatsanleihen als Sicherheit hinterlegen. Wer Anleihen hat, aber Cash braucht, kann sie an einen anderen Investoren verleihen. Nach der vereinbarten Rückkauffrist - maximal nach einem Jahr, oft nur wenige Tage oder eine Nacht - bekommt dieser das Geld zurück und kassiert dafür Zinsen.

Bereits am Montag kletterten die Repo-Sätze demnach von 2,27 auf zeitweise 4,75 Prozent. Ein beunruhigendes Signal vom amerikanischen Finanzmarkt. So explodierten etwa während der Finanzkrise die Repo-Zinsen, als sich die Banken gegenseitig nicht mehr vertrauten und wegen des steigenden Risikos höhere Zinsen forderten.

"Finanzierungsproblem" mit gravierenden Auswirkungen

"Im Kern hatte der Kapitalmarkt kurzzeitig nicht weniger als ein Finanzierungsproblem", schrieb Christian Kirchner von "finanz-szene.de". Viele Investoren hätten mit Anleihen um sich geworfen, bei der Suche nach US-Dollar in Cash aber keinen Erfolg gehabt. Und das ist ein Problem: Wird der Zugang zur Liquidität erschwert, hat das gravierende Folgen für viele Bereiche, vom Handel mit Anleihen bis hin zur Kreditvergabe an Konzerne und sogar private Verbraucher.

Für kurze Zeit ist der Fed damit die Kontrolle über die Zinsen verloren gegangen. "Wenn solche Dinge passieren, erhöht das die Unsicherheit und lässt die Rentenmärkte nervös werden. Die Aufgabe der Zentralbanken ist es, das zu vermeiden", sagte Ashish Shah, Investmentmanager bei Goldman Sachs.

Roberto Perli, ehemaliger Fed-Ökonom und Partner bei der Analysefirma Cornerstone Macro, schlug in dieselbe Kerbe und nahm die Zentralbank in die Pflicht: "Das grundlegende Problem ist, dass es nicht genügend Liquidität im System gibt, um die Nachfrage zu befriedigen."

Fed stellt fast 130 Milliarden Dollar zur Verfügung

Die Unruhe am Kapitalmarkt kommt der Notenbank alles andere als gelegen. Wöchentlich erneuern US-Präsident Donald Trump und andere Minister ihre verbalen Attacken gegen die Fed und fordern eine drastische Senkung des Leitzinses zur Ankurbelung der Konjunktur. In Folge der gestiegenen Repo-Sätze wuchs der Leitzins allerdings auf 2,25 Prozent und damit ans obere Ende der Zielspanne. Am Mittwochabend beschließt die Behörde, wie es mit der Geldpolitik in den USA weitergeht.

Trump feuert Powell

Regelmäßig attackiert US-Präsident Trump den Fed-Chef Jerome Powell. | Bildquelle: picture alliance / dpa, Montage: boerse.ARD.de

Um den Leitzins erst einmal im Zielbereich zu halten, kaufte die Zentralbank am Dienstag für rund 53 Milliarden Wertpapiere: Eine Operation, die sie seit der Finanzkrise nicht mehr durchführte. Zuletzt hatten die Fed-Händler auf diese Art 2008 Geld in den Markt gepumpt.

Zunächst schien die Liquiditätsspritze zu helfen und die Zinsen sanken - vorerst. "Was die Fed getan hat, war nur ein Pflaster", betonte Perli. Am Ende der Handelssitzung zogen die Zinsen schließlich wieder an. Deshalb hat die Fed die Aktion am Mittwochmorgen wiederholt und erneut 75 Milliarden Dollar Bargeld am Markt angeboten. Die Kosten für das Leihen über Nacht lagen am Mittwochmorgen laut der Investmentbank Jefferies bei vier Prozent.

Technische Gründe...

Wodurch der explosive Anstieg der Repo-Sätze in dieser Woche ausgelöst wurde, ist nicht eindeutig geklärt. "Wir denken, dass der Täter die Knappheit der Bankreserven ist, die das einzige Kapital sind, das den Banken Intraday-Liquidität bietet", so die kanadische Investmentbank TD Securities. Seit dem Ende der Fed-Anleihenkäufe 2014 sind die Cash-Reserven der Kreditgeber um 50 Prozent zurückgegangen. Dadurch können und wollen die Banken weniger im Rahmen von Repo-Geschäften verleihen.

Dazu kommt, dass das US-Finanzministerium zur Finanzierung des Haushaltsdefizits in jüngster Vergangenheit eine Fülle neuer Staatsanleihen auf den Markt geworfen hatte. Das hat ebenfalls zu einem Rückgang der Liquidität am Interbankenmarkt geführt. Darüber hinaus mussten viele Unternehmen am Montag ihre vierteljährliche Steuervorauszahlung leisten und dafür ihren oder den Cash-Bestand der Banken anzapfen.

War also die Situation lediglich ein kurzfristiges Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage? Diese Effekte alleine können den unerwartet starken Anstieg beim Zinsniveau nicht erklären, sagen Beobachter. Und auch die Fed hatte die Knappheit offenbar unterschätzt.

... oder Symbole einer Krise?

Fest steht: Die Entwicklung kam in dieser Größenordnung völlig unerwartet. Und die Situation zeigt, wie tief die strukturellen Probleme am US-Geldmarkt geworden sind. Offensichtlich gibt es bei den großen Konzernen an der Wall Street und auch im Bankensystem nicht genug überschüssiges Bargeld.

"Es gab einen Zusammenfluss von Faktoren, die die Probleme diese Woche ausgelöst haben", sagte Darrell Duffie, ein Finanzprofessor der Stanford University zu "Bloomberg". "Aber die Tatsache, dass es passiert, bedeutet, dass etwas bei der Fed getan werden sollte." Experten fordern daher eine Anpassung der Fed-Strategie, um die Märkte wieder ins Gleichgewicht zu bringen - zum Beispiel mit neuerlichen Anleihenkäufen.

Im schlimmsten Fall könnten die unkontrollierten Zinssätze der Gesamtwirtschaft schaden und die Kosten für Unternehmen und Privatleute drastisch erhöhen. Vor einem Jahrzehnt hatten unter anderem die Schwierigkeiten am Repo-Markt Lehman Brothers zum Scheitern gebracht und fast die globale Finanzwelt ausgelöscht.