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Wie tief denn noch? Bundesanleihen: Renditen auf Rekordtief

Stand: 09.03.2020, 09:14 Uhr

Während die Aktienkurse abstürzen, steigen die Kurse erstklassiger Staatsanleihen heftig. Die Renditen fallen zum Teil auf ein bisher nicht gesehenes Niveau.

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen gab am Morgen weiter nach und sank auf ein Rekordtief von minus 0,863 Prozent. Dagegen wurden italienische Staatsanleihen zu Beginn der Woche massiv verkauft. Damit stieg die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen um 0,22 Prozentpunkte auf 1,29 Prozent.

"Konjunktursorgen durch die Covid-19-Ausbreitung halten die Nachfrage nach Anleihen der EWU-Kernstaaten aufrecht", schrieb Analyst Patrick Boldt von der Helaba in einem Kommentar. "Zudem stützt die Erwartung der Finanzmarktteilnehmer, dass die EZB nächste Woche Donnerstag den Einlagensatz auf minus 0,60 Prozent senkt."

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Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer geht darüber hinaus davon aus, dass die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde das Volumen ihrer monatlichen Anleihenkäufe für einen begrenzten Zeitraum von beispielsweise sechs Monaten um 20 Milliarden auf 40 Milliarden Euro erhöhen könnte.

"In unserem Hauptszenario gehen wir davon aus, dass die EZB die ohnehin schon ultraexpansive Geldpolitik erneut lockern wird. Das erste Ziel der Währungshüter sollte sein, Liquidität bereitzustellen. Auf Sicht der kommenden Wochen rechnen wir bei den zehnjährigen Bund-Renditen mit einem Niveau von minus 0,75 Prozent", hieß es von der DZ Bank.

Unerwartet starke deutsche Konjunkturdaten spielten angesichts der Verunsicherung der Märkte eine untergeordnete Rolle. Die Aufträge der deutschen Industrie waren im Januar gegenüber dem Vormonat um 5,5 Prozent gestiegen, während Volkswirte im Schnitt nur mit 1,3 Prozent Zuwachs gerechnet hatten. Allerdings war das neuartige Coronavirus im Januar noch kein Thema.

Riesen-Zinsschritt in Sicht?

Die zehnjährige Rendite amerikanischer Staatsanleihen verbuchte zum Wochenausklang mit plus 0,695 Prozent sogar ein Rekordtief. Laut dem "Fed Watch Tool" der Terminbörse CME rechnet der Markt mit einer 100-prozentigen Wahrscheinlichkeit damit, dass die amerikanische Notenbank bei der nächsten Zinssitzung am 18. März ihren Leitzins um weitere 0,75 Prozentpunkte senken wird. Die Fed hatte erst am dritten März den Leitzins um einen halben Punkt auf eine Spanne von 1,0 bis 1,25 Prozent gesenkt.

Ob der US-Arbeitsmarktbericht als wichtigste konjunkturelle Kennzahl Einfluss auf die Anleihemärkte nimmt, bleibt ebenfalls abzuwarten. Volkswirte rechnen mit einer weiterhin robusten Verfassung. "Die Vorgaben sind freundlich, denn der ADP-Report zeigte einen Stellenzuwachs von 183.000, sodass die Konsensschätzung von 175.000 für die heutige Zahl nicht als ambitioniert zu bezeichnen ist und wir eine leicht positive Überraschung für möglich halten", merkte Volkswirt Ralf Umlauf von der Helaba dazu an.

ME/dpa/rtr

Alle Kommentare (3)

Kommentar von "Manfred Hempfling" am 06.03.2020, 13:23 Uhr

Zugegebenermaßen ist zu befürchten, dass die EZB die Zinsen noch weiter senken wird, obgleich, wie andernorts richtig angemerkt, das Problem aktuell weniger auf der Nachfrage- als auf der Angebotsseite besteht - und wie man mit niedrigeren Zinsen die Produktion beschleunigen will, erschließt sich nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Höchstwerte bei den Anleihekursen schon jetzt durch die EZB und deren Anleihekäufe (mit)verursacht werden, die bekanntlich jeden Monat 20 Milliarden Euro durch Anlauf aus dem Anleihemarkt zieht; sollte der Wert noch erhöht werden, muss das zwangsläufig dazu führen, dass die Umlaufrenditen noch tiefer in den Keller gehen werden. Das Problem: Damit kann man zwar "Ungleichgewichte" durch staatliche Kreditaufnahmen zur Corona-Kompensation wie aktuell in Italien kaschieren, konjunktur- oder preisstimulierende Wirkung kann das aber nicht entfalten, siehe erster Absatz.

Kommentar von "Ralf Schmidt" am 06.03.2020, 13:02 Uhr

Weitere Zinssenkungen bringen nichts mehr , zumal der Zins schon um die Null Prozent liegt. Unternehmen und Privatpersonen , die bei Zinssätzen von 1 nicht investieren werden dies bei 0 auch nicht machen. Hingegen wird das Vertrauen der Sparer bei Negativzinsen völlig zerstört. Der einfache Sparer soll die Zeche bezahlen .... er wird de facto teilenteignet. Die Gewinner sind die Schuldenmacher Nr. 1 , nämlich die Staaten , insbesondere die EU, USA, China und Japan. Sie sind in Wirklichkeit total verschuldet und die Notenbanken wissen auch nicht mehr weiter , als Helikoptergeld abzuwerfen. Wir alle werden diese Politik bitter bezahlen. Schon heute kommt es zu einem Run auf die Sachwerte wie Immobilien, Grund und Boden, Gold - also einer Inflation. Viel eher hätten alle Staaten sparen müssen! Jetzt ist das Desaster da .

Kommentar von "Rumpelstilzchens Strohgold" am 06.03.2020, 12:11 Uhr

Wer den Einlagensatz auf minus 0,60 Prozent senkt darf sich nicht wundern, wenn alle (auch Banken!)anfangen massiv Bargeld horten. Hat jemand mal die zusätzlichen Kosten des Druckens von Banknoten veranschlagt ? Die Anleihen zu erwerben könnte für die EZB (und damit für uns alle!) noch sehr teuer werden. Wann beginnt man den gesamten Kapitalmarkt (auch Aktien)zu berücksichtigen ?

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