Mittelstandsanleihen: Falle oder Chance?

von Angela Göpfert

Stand: 29.03.2012, 11:24 Uhr

Auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten langen immer mehr Privatanleger bei den hoch rentierlichen Mittelstandsanleihen zu. Und holen sich damit häufig ungewollt Risiken ins Depot. Wer hier nicht genau hinsieht, wird gnadenlos bestraft.

100-Euroscheine in einer Mausefalle

Eurofalle. | Bildquelle: Colourbox.de

Nicht nur am Aktienmarkt werden die Anleger immer waghalsiger. Auch Anleihen mittelständischer Firmen profitieren massiv vom aktuellen Niedrigzinsumfeld und der Geldschwemme der Notenbanken. Nahezu täglich kommt ein Mittelständler mit seinen Schuldtiteln an den Markt, die Papiere sind häufig überzeichnet. Auf der Suche nach attraktiven Anlagechancen gehen Anleger ins Risiko - institutionelle ebenso wie private Investoren.


Risiko statt Vermögensschwund
Dabei sind Mittelstandsanleihen auf den ersten Blick ein durchaus ansprechendes Investment: Diese Papiere bieten im Schnitt Renditen von sieben bis acht Prozent. Sichere Anlagen wie Tages- und Festgeld oder Bundesanleihen werfen hingegen nahezu nichts mehr ab. Zieht man noch die aktuelle Inflationsrate von 2,3 Prozent ab, ist hier die reale Rendite für Sparer sogar negativ.


Eigentlich hat eine Mittelstandsanleihe einen ergänzenden Charakter, sie dient der Diversifizierung des Portfolios und damit der Streuung der Risiken. Soweit die Theorie. Fakt ist aber, dass sich viele Privatanleger mit einer Mittelstandanleihe erst das Risiko ins Depot geholt haben. Viele Mittelstandsanleihen sind de facto Hochrisikoanleihen.


Auf die Nase gefallen
"Viele Investoren sehen nur noch die höheren Zinsen und machen hinsichtlich Risiken keine Unterscheidung mehr", beklagte jüngst Allan Valentiner, Manager bei Johannes Führ Asset Management.


In der Tat lässt sich der Kurssturz vieler Anleihen seit der Platzierung anders nicht erklären. Offenbar haben zahlreiche Investoren die Risiken anfangs falsch eingeschätzt. Gerade bei den Emittenten aus der Erneuerbaren-Energien-Branche, denen immerhin jede dritte der in den Mittelstandssegmenten notierten Anleihen zuzuordnen ist, heißt es genau hinsehen.

Vorreiter BondM


Verlockende Renditen?
Eines der krassesten Beispiele für eine anfängliche Fehleinschätzung durch die Investoren ist sicherlich die im April 2011 ausgegebene Anleihe der Payom Solar AG (WKN: A1H3M9) mit einer Restlaufzeit von vier Jahren. Aktuell notiert sie bei 34 Prozent. Das entspricht einer jährlichen Rendite von 44,7 Prozent!


Ähnlich sieht es bei der Windreich AG (WKN: A1H3V3) aus, die derzeit eine jährliche Rendite von knapp 30 Prozent bietet. So verlockend das auf den ersten Blick auch aussehen mag: Das sind Renditen, die für gewöhnlich auf eine drohende Pleite oder zumindest einen Zinsausfall hinweisen! Zur Erinnerung: Die eigentlich im März fällig gewordene Griechenland-Anleihe notierte vor der großen Umschuldungsaktion auf einem ähnlichen Niveau.


Allerdings hat die Windreich AG am 1. März 2012 pünktlich ihre Zinsen bezahlt, darauf weist Walter Döring, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Windreich AG, im Gespräch mit boerse.ARD.de hin.


Massiver Vertrauensverlust
Tatsächlich war es bei der Windreich AG vor allem der Vorstandsvorsitzende Willi Balz, der den Absturz des Anleihenkurses beförderte. Der Alleinaktionär der Windreich AG konnte nämlich Privates nicht von Geschäftlichem trennen, bezahlte Oldtimer für seine Sammlung aus einem Darlehen für die Windreich AG. Auch wenn das nun bilanziell bereinigt ist: Das Vertrauen der Anleger ist dennoch erst einmal dahin.


Raimar Bock von Close Brothers Seydler, jüngst erneut zur besten Emissionsbank im Segment Mittelstandsanleihen gekürt, geht sogar soweit festzustellen: "Für uns ist ganz klar: Unternehmen, die im Bereich Restrukturierungen oder Projektierungsgeschäft tätig sind, haben bei Mittelstandsanleihen nichts zu suchen!"


Ratings als Handlungsleitfaden?
Doch nicht nur die Branche, in welcher der Mittelständler tätig ist, ist ein deutlicher Fingerzeig für den Privatanleger. Auch Ratings sind durchaus ein guter Handlungsleitfaden: So hat etwa Creditreform die Payom Solar im Dezember gleich um zwei Ratingstufen von "BBB" auf "BB+" in den Schrottbereich herabgestuft.


Der Windkraftzulieferer SIAG Schaaf AG wurde von S&P einst gar mit "CCC+" bewertet. Insofern kam die erste Insolvenz eines Emittenten einer Mittelstandsanleihe bei näherem Hinsehen nicht wirklich so überraschend (siehe dazu auch unsere Rating-Matrix am Ende des Artikels). Bei den Freiverkehrsemissionen hatte es zuvor bereits mit Solar Millennium eine weitere Pleite gegeben.


Wichtige Kennziffern im Blick
In diesem Zusammenhang warnt denn auch Anlegeranwalt Klaus Nieding vor leichtfertigen Investitionsentscheidungen: "Die aktuellen Fälle zeigen, wie wichtig es ist, vor einer Investitionsentscheidung genau zu prüfen, wie hoch das Risiko wirklich ist." So sei etwa der Zinssatz ein wichtiger Indikator: "Bei einer Gesellschaft, die bereit ist, sich deutlich über dem Markt zu verschulden, liegt der Verdacht nahe, dass andere Finanzierungswege bereits nicht mehr funktionieren", erklärt der Jurist.


Im Gespräch mit boerse.ARD.de raten die Experten von Close Brothers Seydler Privatanlegern zudem, alle verfügbaren Informationen zu dem betreffenden Unternehmen zu nutzen. Zu den wichtigen Kennziffern zählen Umsatz, Ebitda, Jahresüberschuss. "Auch die Cashflows und die Eigenkapitalquote sollte man sich anschauen, die sollte schon über 30 Prozent liegen", erläutert Thomas Kaufmann. Mehr dazu lesen Sie auch in unserer Checkliste für Anleger.


Restriktive Kreditvergabe
Auch von der Bekanntheit eines Unternehmens oder einer Marke sollten sich Anleger nicht blenden lassen. So wissen sicherlich nicht viele Halter der zurzeit hoch begehrten Seidensticker-Anleihen von der niedrigen Eigenkapitalquote von unter zehn Prozent.


Doch wie konnten eigentlich Mittelstandsanleihen zu Hochrisiko-Anleihe verkommen? Daran sind nicht zuletzt auch die diversen Finanz- und Schuldenkrisen der jüngeren Vergangenheit schuld. Nicht zuletzt wegen diverser Regulierungen (Stichwort Basel III) gehen die Banken bei der Kreditvergabe weitaus selektiver vor, wie auch Martin Steinbach, IPO-Experte bei Ernst & Young jüngst im Gespräch mit boerse.ARD.de erläuterte.


Wichtige Fragen zum Schluss
Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass viele Unternehmen, die sich in den diversen Mittelstands-Segmenten der deutschen Regionalbörsen tummeln, niemals eine entsprechende Bankenfinanzierung erhalten hätten. Viele wenden sich zudem bevorzugt an Privatanleger, weil sie bei institutionellen Investoren einfach nicht landen können.


Privatanleger sollten dies stets im Hinterkopf behalten und sich fragen, ob sie dem betreffenden Unternehmen mit seiner ihm eigenen besonderen Risikostruktur zum Zinssatz, den die Anleihe bietet, auch einen Kredit einräumen würden. Zudem lohnt ein Vergleich mit Anleihen der großen etablierten Dax-Unternehmen: Ist der Zinssatz, den mir der Mittelständler bietet, wirklich risikoadäquat?