Klaus Nieding

Geschädigte meist Privatanleger "Millionen von Anlegergeldern verloren"

Stand: 21.08.2019, 06:45 Uhr

Der Fall Windreich ist womöglich spektakulär, einzigartig ist er nicht. Anlegerschützer Klaus Nieding von der DSW erklärt im Gespräch mit boerse.ARD.de, was man aus den Mittelstandsanleihen-Insolvenzen der vergangenen Jahre lernen kann.

boerse.ARD.de: 2013 ging Windreich pleite. Erst sechs Jahre später wird der Prozess eröffnet. Wie finden Sie das, Herr Nieding?

Klaus Nieding: Um die späte Eröffnung des Prozesses bewerten zu können, lohnt ein Blick auf die Fakten. Die Aktenlage ist nämlich äußerst umfangreich und der Sachverhalt vielschichtig. Die Anklageschrift im Strafverfahren hat insgesamt 521 Seiten, die nebst Anlagen 234 Akten-Ordner füllt. Den insgesamt acht Angeklagten stehen 19 Verteidiger zur Seite. Zum jetzigen Stand hat das Gericht 48 Verhandlungstage bis Ende April 2020 angesetzt. Dies zeigt den Umfang des anstehenden Prozesses. Lediglich weil jetzt die Verjährung einiger Straftaten drohte, sah sich die zuständige Staatsanwaltschaft Stuttgart wohl unter Zugzwang, die Anklage zu erheben. Der Fall Windreich offenbart aber auch die Versäumnisse der Politik. Die Justiz schafft es wegen hoher Fallzahlen und Personalmangels nicht mehr, für zügige Verfahren zu sorgen. Dies gilt besonders für wirtschaftsstrafrechtliche Großverfahren wie auch den Abgasskandal. Erst vor kurzem teilte das auch hier zuständige Landgericht Stuttgart mit, dass es dringend neuer Richterstellen bedarf. Daher ist nicht die langwierige Vorbereitungsphase des Prozesses zu kritisieren, sondern vielmehr das langjährige Versäumnis der Politik und der Justiz, auf solche umfangreichen Fälle entsprechend reagieren zu können. Insoweit sollten Maßnahmen getroffen werden, um einen schnellen Rechtsschutz in Zukunft garantieren zu können.

Die Lehren aus dem Fall Windreich

Windreich-Ex-Chef Willi Balz

Insolvenzverschleppung, Insiderhandel, Betrug: Heute beginnt der Prozess gegen den Gründer des Windparkentwicklers Windreich und sieben weitere Angeklagte. Angesichts der andauernden Niedrigzinsen ist der Fall Windreich aktueller denn je.

boerse.ARD.de: Windreich-Gründer Willi Balz ist von seiner Unschuld überzeugt, sieht sich als Opfer einer Verschwörung der großen Energiekonzerne: „Ich bin nicht gescheitert. Ich wurde gescheitert.“ Können Sie diese Argumentation nachvollziehen?

Nieding: Das ist nur die Selbstwahrnehmung von Herrn Balz. Tatsache ist, dass er sich einfach an der einen oder anderen Stelle verhoben hat. Er hat versucht, Projekte im Offshore-Windbereich zu stemmen, die ein Investitionsvolumen von mehreren Milliarden haben. Das sind Projekte, da gehen selbst Großkonzerne wie Siemens nur mit ganz spitzen Fingern dran. Wenn die wirtschaftlichen Parameter von einem Mittelständler nur schwer oder gar nicht zu stemmen sind, dann halte ich es für ein bisschen einfach zu behaupten, man sei Opfer einer Verschwörung geworden.

boerse.ARD.de: Wie beurteilen Sie die Rolle des ehemaligen baden-württembergischen Wirtschaftsministers Walter Döring, der jetzt auch auf der Anklagebank sitzt?

Ex-Windreich-Vizechef Walter Döring

Ex-Windreich-Vizechef Walter Döring. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Nieding: Walter Döring war als Organmitglied im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft betroffen. Nachdem nun auch gegen ihn Anklage erhoben wurde, geht die Staatsanwaltschaft offenbar von strafrechtlich relevantem Fehlverhalten seiner Person aus. Inwieweit sich dieser Verdacht als begründet erhärtet, wird nun der Verlauf des Strafverfahrens zeigen müssen. Insoweit will ich den gerichtlichen Feststellungen im Verfahren nicht vorgreifen.

boerse.ARD.de: Der Fall Windreich klingt wirklich spektakulär, doch ist er auch einzigartig? Oder gibt es ähnlich gelagerte Fälle in Deutschland?

Nieding: Fälle wie Windreich sind alleine schon aufgrund Ihrer Größe und der Anzahl der geschädigten Anleger aufsehenerregend, wobei sie bedauerlicherweise nicht einzigartig sind. Vielmehr ist es in der jüngeren Vergangenheit oftmals zu Insolvenzen gekommen, die aufgrund von Fehlverhalten oder Fehlentscheidungen einiger Weniger ausgelöst wurden. Diese standen medienwirksam zumeist mit den Erneuerbaren Energien im Zusammenhang. Diese wollten letztlich auf den Zug einer damals florierenden Branche mit ihrem Kapital aufsteigen und so an möglichen Gewinnen und Chancen einer ganzen Branche partizipieren. Rückblickend war dieses Vertrauen der Anleger in einen ganzen Industriezweig fatal. Millionen von Anlegergeldern sind verloren gegangen. Die Geschädigten waren meist überwiegend Kleinanleger, welche aus lauteren Motiven in diese Unternehmen investierten.

 Windräder in Bornstedt in Sachsen-Anhalt.

Unternehmen der Erneuerbaren Energien genossen lange Zeit einen großen Vertrauensvorschuss bei den Anlegern. | Bildquelle: picture alliance / dpa

boerse.ARD.de: Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Nieding: Weitere Beispiele für prominente Fälle sind die Insolvenzen der Solar Millennium AG mit einem Volumen von über 170 Millionen Euro, der Gold-Zack AG und Gontard&Metall Bank AG mit einem Volumen von 160 Millionen Euro und der WGF Westfälische Grundbesitz und Finanzverwaltung AG mit einem Volumen von 50 Millionen Euro. Auch die Pleiten der Prokon Regenerative Energien GmbH (nunmehr Prokon Regenerative Energien e.G.), der Green Planet AG und der getgoods.de AG sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Somit ist der Fall Windreich sicherlich, so wie Sie es nennen „spektakulär“ – jedoch lediglich ein weiteres Kapitel enttäuschter Erwartungen der Kapitalanleger.

boerse.ARD.de: Trotzdem erfährt der Markt für Mittelstandsanleihen zurzeit eine Renaissance. Unterschätzen Anleger die Risiken? Was können sie aus dem Fall Windreich lernen?

Pokern

Das Risiko spielt mit bei Mittelstandsanleihen . | Bildquelle: colourbox.de

Nieding: Angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase suchen Anleger nach Möglichkeiten, ihr Vermögen gewinnbringend anzulegen. Dass dies gerade im Bereich der Mittelstandsanleihen mit einem hohen Ausfallrisiko verbunden ist, dessen sich die Anleger oftmals nicht bewusst sind, beziehungsweise dass dieses Risiko verbunden mit der Aussicht auf Rendite leichtfertig in den Hintergrund gerät, erleben wir täglich in unserer Arbeit mit Anlegern. Dementsprechend ist auch der Vorstoß der BaFin zu begrüßen, die Anlageprodukte des so genannten Grauen Kapitalmarkts besser zu regulieren, um so einen besseren Schutz für Anleger durch eine bessere Risikoinformation und -aufklärung gewährleisten zu können. Was man aus den Insolvenzen der vergangenen Jahre im Bereich der Mittelstandsanleihen lernen kann? Dass mit vollmundigen Renditeversprechen immer auch entsprechende Risiken verbunden sind, derer sich die Anleger bewusst sein müssen.

Das Interview führte Angela Göpfert.