Anleihen

Windreich-Geschäftsführer Willi Balz

Legendäre Zitate von Willi Balz Dreist, dreister, Windreich

von Angela Göpfert

Stand: 10.09.2013, 10:45 Uhr

Windreich ist also dann doch das Geld ausgegangen. Die Geschichte des Windparkentwicklers ist ein Lehrstück über die Risiken, die für Privatanleger bei Mittelstandsanleihen lauern. Was aus dem Unternehmen aber bislang zu hören ist, ist der Gipfel der Frechheit.

Aktuell ist aus dem Unternehmen nämlich mal wieder rein gar nichts zu hören. Ex-Chef Willi Balz schweigt ausgerechnet in dem Moment, in dem die Gläubiger endlich Klarheit haben wollen. Am Montag hatte er noch mit dürren Worten der Nachrichtenagentur dpa gesagt, er habe ein Insolvenzverfahren in Eigenregie nach dem neuen Insolvenzrecht beantragt.

Das Schutzschirmverfahren

Justizia

Deutschland hat im vergangenen Jahr das Schutzschirmverfahren als besondere Form des Insolvenzverfahrens nach dem Vorbild des in den USA gängigen Chapter-11-Verfahrens eingeführt. Damit soll angeschlagenen Unternehmen die Angst vor dem Insolvenzrichter genommen werden. Voraussetzung ist, dass eine Zahlungsunfähigkeit lediglich droht, aber noch nicht eingetreten ist. Das Management bleibt in so einem Fall am Ruder und darf sich sogar den vom Gericht zu ernennenden Sachwalter selbst aussuchen.

Doch zu diesem Geständnis war Balz regelrecht gezwungen worden, nachdem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bereits zuvor über das Insolvenzverfahren berichtet hatte. Balz hatte das Verfahren übrigens nicht am Montag, sondern bereits Ende vergangener Woche beantragt. Als Sachwalter wurde der Stuttgarter Anwalt Holger Blümle eingesetzt. Nachfolger von Willi Balz und damit neuer Geschäftsführer wird der ehemalige Berater der Windreich GmbH, Werner Heer.

Von wegen nur vorübergehend!

Besonders pikant: Nach Informationen der "FAZ" hatte ein Windreich-Gläubiger mit Millionenforderungen "schon vor mindestens zehn Tagen" einen Insolvenzantrag gestellt. Das zuständige Amtsgericht habe das Verfahren aber zunächst nicht eröffnet, weil Balz offensichtlich glaubhaft machen konnte, dass die Zahlungsschwierigkeiten "nur vorübergehender Natur" seien.

Die Art und Weise, wie Windreich seine Gläubiger über die Insolvenz informierte, folgt einer gewissen Tradition: einer Tradition des Verschleierns und Hinauszögerns. Schon in der Vergangenheit konnte man den Eindruck gewinnen, dass Windreich seine Anleihenzeichner immer erst dann über wichtige Unternehmensereignisse informierte, wenn sich dies gar nicht mehr verhindern ließ.

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Windreich – Tummelplatz der Prominenz Wer alles bei Windreich seine Finger im Spiel hatte

Windreich-Geschäftsführer Willi Balz

Willi Balz
Die Windreich-Anleger haben Willi Balz viel zu verdanken. Zum Beispiel haben sie ihm zu verdanken, dass Oldtimer zeitweise zum Anlagevermögen ihrer Gesellschaft gehörten. Willi Balz in seiner Funktion als Alleinaktionär der damaligen Windreich AG, mittlerweile GmbH, konnte nämlich einst Privates nicht von Geschäftlichem trennen, bezahlte Oldtimer für seine Sammlung aus einem Darlehen für die Windreich AG.

Obwohl dieser ungeheuerliche Vorgang schon lange bekannt und zugegebenermaßen mittlerweile auch bilanziell bereinigt ist, schaffte es Willi Balz, so einige prominente Personen für den Vorstand und den Aufsichtsrat zu gewinnen. Ein geschickter Schachzug, um das Vertrauen der Anleger zu gewinnen?

Insolvenz nur eine "kleinere Verschiebung"?

Rückblick: Auf die Frage, wo die zu veröffentlichende Bilanz des Unternehmens bliebe, teilte Windreich seinen Anleihezeichnern noch am 5. September mit: "Der Grund für die bisher noch nicht vorgelegte testierte Bilanz ist ganz einfach: Nachdem wir am 5. März aufgrund von anonymen Anzeigen von der Staatsanwaltschaft aufgesucht wurden, waren wir komplett lahmgelegt… Größere Verschiebungen zu den bereits präsentierten Zahlen sind jedoch nicht zu erwarten."

Eine zu diesem Zeitpunkt offenbar unmittelbar bevorstehende Insolvenz ist demnach also nur eine "kleinere Verschiebung"?!

Turnaround immer wieder in Aussicht gestellt

Zahlreiche Gläubiger dürften sich auch noch mit Grausen an diesen Spruch von Willi Balz erinnern: Erst vor wenigen Wochen kündigte er an, mit den Mitteln aus dem Verkauf eines Windparks wolle er einen 70-Millionen-Euro-Kredit an die Schweizer Privatbank J. Safra Sarasin zurückzahlen: "Die Durststrecke ist nun überstanden."

Und Ende August hatte Balz einen Brief an die Anleihegläubiger überschrieben mit den Worten: "Das Blatt wendet sich zum Guten - technisch, politisch und wirtschaftlich."

Heftige Vorwürfe stehen im Raum

Das klingt heute, keine zwei Wochen später, wie Spott und Hohn. Hat Windreich also seine Gläubiger systematisch an der Nase herumgeführt? Das zu beweisen, dürfte schwer sein. Fakt ist: Dieser Vorwurf steht bereits seit März 2013 im Raum.

Damals wurde bekannt, dass der Staatanwalt gegen fünf ehemalige beziehungsweise noch amtierende Vorstandsmitglieder ermittle. Willi Balz und der frühere baden-württembergische Wirtschaftsminister Walter Döring wurden namentlich genannt. Der Verdacht auf Bilanzmanipulation, Kapitalanlagebetrug, Marktpreismanipulation, Kreditbetrug und Insolvenzverschleppung steht seither im Raum.

Hohe Renditen als Pleite-Indikator

Fakt ist aber auch: Schon lange vorher gab es Warnzeichen – man musste sie nur zu deuten wissen. So schrieb boerse.ARD.de bereits am 29. März 2012 in einem Hintergrund zum Thema: Mittelstandsanleihen – Falle oder Chance?: Die Windreich AG biete "derzeit eine jährlich Rendite von knapp 30 Prozent. So verlockend das auf den ersten Blick auch aussehen mag: Das sind Renditen, die für gewöhnlich auf eine drohende Pleite oder zumindest einen Zinsausfall hinweisen!"