Frau zwischen Männern - ThyssenKrupp CEO Martina Merz und männliche Vorstandsmitglieder

Corona macht Dax-Konzerne noch männlicher Kaum Platz für Frauen in deutschen Führungsetagen

von Notker Blechner

Stand: 08.10.2020, 11:30 Uhr

Deutschland einig Macho-Land? In den größten deutschen Konzernen sind Frauen im Vorstand und Aufsichtsrat kaum vertreten. Ihr Anteil ist nun sogar gesunken. Selbst die erste Managerin an der Spitze eines Dax-Unternehmens konnte sich nicht lange halten.

Heute vor einem Jahr brach in Walldorf eine neue Ära an. Bei SAP rückte Jennifer Morgan als erste Frau an die Spitze eines Dax-Konzerns - im Doppel mit Christian Klein. Doch die Premiere dauerte nicht lange. Nach sieben Monaten verkündete die Amerikanerin ihren Rückzug. Das Führungsduo harmonierte offenbar nicht wie erhofft.

Bei SAP dauerte die Revolution nur kurz

Jennifer Morgan

Jennifer Morgan. | Bildquelle: picture alliance/Uwe Anspach

Der Blitz-Rauswurf von Morgan hatte eine verheerende Wirkung auf das Image von SAP, gab jüngst Christian Klein zu, der nun alleine den Software-Konzern führt. Der 40-jährige Jung-Manager beteuert, dass die Trennung von Morgan nichts mit dem Geschlecht zu tun gehabt habe.

Ob das wirklich zutrifft, lässt sich natürlich schwer nachweisen. Die Entscheidung passt aber zum neuen Trend, dass Frauen in den Top-Etagen deutscher Konzerne auf dem Rückzug sind. Erstmals seit Jahren ist ihr Anteil gesunken. Anfang September saßen in den 30 Dax-Konzernen 23 Managerinnen im Vorstand, wie aus einer Untersuchung der gemeinnützigen Allbright Stiftung hervorgeht. Vor einem Jahr waren es noch 29. Die Geschäftsführer der Stiftung, Wiebke Ankersen und Christian Berg, sprachen von einem "deutschen Sonderweg" im Vergleich zu anderen Industrieländern.

11 Dax-Konzerne ohne weibliche Vorstände

Nimmt man die MDax- und SDax-Konzerne dazu, ist die Präsenz der Frauen in den Führungspositionen noch niedriger. Bei den 160 größten börsennotierten deutschen Firmen liegt die Frauenquote in den Vorständen aktuell bei gerade einmal zehn Prozent. Der Studie zufolge gab es zum Stichtag elf Dax-Konzerne mit reinen "Männerrunden", also ohne eine einzige weibliche Führungskraft im Vorstand.

Männer und Frauen in Top-Positionen

Männer und Frauen in Top-Positionen.

Die Dax-, MDax- und SDax-Unternehmen sind zwar gesetzlich verpflichtet, feste Zielgrößen für die Steigerung des Frauenanteils in ihren Vorständen zu nennen. Sie können dabei aber auch als Ziel "Null" Frauen im Vorstand anstreben. Diese Vorgaben haben 55 der Firmen, die noch keine Managerin in der Führungsebene haben, ausgegeben, darunter vier Dax-Konzerne.

Deutschland ist bei der Gleichberechtigung Entwicklungsland

Im internationalen Vergleich ist Deutschland in Sachen Gleichberechtigung im Top-Management weit abgeschlagen. Der Anteil weiblicher Führungskräfte im Vorstand der Dax-Konzerne ist laut der aktuellen Allbright-Studie auf 12,8 Prozent gesunken. In den USA dagegen stieg der Frauenanteil in der Top-Etage der größten 30 börsennotierten Konzerne auf 28,6 Prozent, in Schweden auf 24,9 Prozent, in Großbritannien auf 24,5 Prozent, in Frankreich auf 22,2 und in Polen auf 15,6 Prozent.

Frauenanteil in Vorständen

Frauenanteil in Vorständen.

Mary Barra General Motors

Mary Barra General Motors. | Quelle: picture-alliance/dpa

In den USA sind Managerinnen auf dem Chefsessel führender Unternehmen inzwischen kein exotisches Bild mehr. So steuert Mary Barra seit 2014 den Autobauer General Motors (GM). Bei IBM war Ginni Rometty acht Jahre lang als Vorstandschefin das Gesicht von "Big Blue". Und auch in der testosterongesteuerten Finanzbranche tut sich was: Jane Fraser wird bald den Chefposten bei der Citigroup übernehmen.

Erste Dax-Alleinchefin bei Merck

Im Gegensatz zu anderen großen Industrieländern gibt es in Deutschland keine Frau an der Spitze eines großen Konzerns. Das wird sich erst im Frühjahr 2021 ändern. Dann übernimmt Belen Garijo das Ruder bei Merck. Die 60-jährige Spanierin wird zur ersten Alleinchefin eines Dax-Konzerns.

Belen Garijo, Merck

Belen Garijo. | Bildquelle: Unternehmen

Die Ärztin war schon länger als neue Merck-Chefin vorgesehen. Ein Schicksal wie Jennifer Morgan bei SAP dürfte ihr erspart bleiben. Garijo könnte zum Vorbild für andere Frauen werden, die in deutsche Top-Positionen vordringen wollen.

Bloß nicht schüchtern sein!

Sie selbst bezeichnet sich als "entschlossen" und als jemand, der harte Entscheidungen treffen kann. Schlimmer sei es, aus Angst vor Fehlern gar nichts zu entscheiden. Im Interview mit "Welt am Sonntag" rät Garijo Frauen, die Ambitionen offen zu zeigen und die Schüchternheit fallen zu lassen. "Ab und zu muss man die Hand heben und Verantwortung übernehmen, wenn man die Chance dazu bekommt", sagt sie. Gerade junge Frauen würden sich häufig viel zu klein machen, beklagt Garijo.

Es reiche nicht, nur einen guten Job zu machen. "Es geht darum, die eigene Karriere aktiv voranzutreiben und ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen", erklärt die künftige Merck-Chefin. Sie selbst sei immer mindestens drei Jahre auf einer Position geblieben, um dort den Unterschied zu machen.

Sind Frauen die Verlierer der Corona-Krise?

Gewerkschafter, Politikerinnen, Soziologen und auch Personalexperten befürchten, dass die Frauen zu den Verlierern der Corona-Krise gehören. Der mehrwöchige Lockdown und die Schließungen von Schulen und Kitas hätten dazu geführt, dass über Macht wider die alte Arbeitsteilung herrschte. Viele Frauen, die vorher gearbeitet hatten, kümmerten sich nun vorwiegend um Kinder und Küche, während die Männer vom Home Office aus weiter ihrer Karriere nachgingen.

Macht die Pandemie jetzt kaputt, was sich Frauen jahrzehntelang erkämpft und erarbeitet haben, fragt sich Daniel Dettling vom Berliner Zukunftsinstitut. Nein, meint er. Im Gegenteil: Corona werde in der Geschlechterfrage zum "Game Changer". Frauen könnten mit der "neuen Normalität" besser umgehen, in der Home-Office zur Regel und stundenlange Präsenzsitzungen zur Ausnahme werden. sagt er im "Handelsblatt". "Frauen beherrschen die Fähigkeit zur Selbstdisziplin und Selbstorganisation sowie den selbstbewussten Umgang mit Unsicherheit besser als Männer.

Diversity zahlt sich aus

Diversität. | Bildquelle: colourbox.de

Untersuchungen haben längst bewiesen, dass sich Diversity für Unternehmen auszahlt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen mit hoher Geschlechtervielfalt (Diversity) profitabler sind, liegt laut einer Analyse von McKinsey bei 25 Prozent. Gemischte Teams treffen bessere Entscheidungen, heißt es.

Investmentbanken und Finanzinvestoren setzen auf Diversity als Erfolgsfaktor. Goldman Sachs wird künftig ein europäisches oder amerikanisches Unternehmen nicht mehr an die Börse bringen, wenn in dessen Vorstand ausschließlich weiße Männer sitzen. Und Investoren wie Blackstone wollen auf Hauptversammlungen Firmen mit rein männlichen Führungsriegen nicht mehr entlasten.

SAP plant Geschlechterparität bis 2030

"Reine Männerrunden machen auf Dauer nicht erfolgreich", gesteht auch SAP-Chef Christian Klein. Ironischerweise könnte SAP zum deutschen Musterschüler in Sachen Gleichberechtigung werden. Der Software-Konzern will bis 2030 bei allen Führungspositionen Geschlechterparität erreichen. Bis 2022 soll ein Drittel aller Führungskräfte weiblich sein. Momentan ist es ein Viertel.