Wirecard-Bankkarten

Wirecard, der neue Finanzgigant Zahlmeister der Zukunft

Stand: 16.08.2018, 06:45 Uhr

Das Technologie-Unternehmen Wirecard ist vielen Verbrauchern bislang kaum bekannt und ist doch einer der größten Finanzdienstleister in Deutschland. Der Spezialist für Bezahlen im Internet und per Smartphone macht Banken Konkurrenz und steht vor dem Dax-Aufstieg.

Wenn chinesische Touristen in Deutschland Mitbringsel bezahlen, tun sie das nur noch im Ausnahmefall bar an der Kasse. Statt dessen kommt entweder die Kreditkarte oder noch viel lieber ein Chat-Programm zum Einsatz: Die Kuckucksuhr im Schwarzwald oder der Schnaps am Flughafen wird kurzerhand per "WeChat" oder "Alipay" bezahlt, ein Wisch mit dem Zeigefinger auf dem Handy-Display reicht. Das Zahlungsunternehmen, das die Transaktion mit dem heimischen Konto und dem verbundenen Bank- oder Kreditkartenunternehmen abwickelt ist - natürlich Wirecard.

Transaktion im Vorbeigehen

Der FinTech-Konzern aus Aschheim bei München ist aktuell scheinbar überall mit an Bord, wo mobiles oder kontaktloses Bezahlen Einzug in unseren Alltag hält. Kaum ein Tag, an dem Wirecard keine neue Kooperation oder Initiative verkündet. In der vergangenen Woche hat man etwa mit der Direktbank und Commerzbank-Tochter Comdirect einen Test gestartet, der kontaktloses Bezahlen mit einem Mini-Chip an der Kleidung ermöglicht. So genannte "Wearables" übernehmen immer mehr die Funktion von Kreditkarten oder "altmodischen" Geldbörsen. Ein Chip stellt den Kontakt mit dem Verkaufsterminal her und bucht einen Betrag, vielleicht bald so selbstverständlich, wie die chinesischen Touristen mit ihren Smartphones auf Shoppingtour gehen.

Wirecard, 1999 als Infogenie gegründet, hat die Welle der "Digitalisierung" der Zahlungsvorgänge von Anfang an begleitet. Zunächst fungierte man als Internet-Zahlungsanbieter schwerpunktmäßig für Glücksspiel, doch der Kundenkreis erweiterte sich stetig. Banken, Versicherungen, große Unternehmen wie Telekom-Konzerne oder Einzelhändler nutzen das Know-how des Konzerns.

Gebühren für jeden Vorgang

Und Wirecard setzt seit beinahe zwei Jahrzehnten konsequent auf Wachstum. In Asien entsteht denn auch inzwischen fast die Hälfte des Umsatzes. Im vergangenen Jahr lag der bei 1,5 Milliarden Euro, unter dem Strich verdiente das Unternehmen 259 Millionen Euro. Wirecard verdient an jeder Transaktion, die abgewickelt wird, mit einer kleinen Gebühr.

Inzwischen kann Wirecard auf rund 20.000 Kunden aus allen Branchen verweisen. Und ein Ende des Wachstums scheint derzeit nicht abzusehen. Laut Gründer und Vorstandschef Markus Braun wird die Dynamik in den kommenden zehn Jahren sogar noch größer sein als im zurückliegenden Jahrzehnt. Dabei ist sich der Manager mit dem Gros der Experten einig. Antonin Baudry, Analyst bei der Großbank HSBC, sieht die Entwicklung wie viele seiner Kollegen ähnlich: Die so genannte "Take Rate", der Anteil der Gebühren, die Wirecard bei jeder Transaktion einbehält, liege noch höher als vom Unternehmen selbst erwartet.

Dax-Aufstieg im September?

Der geschäftliche Erfolg des Unternehmens hat seinen Niederschlag längst in einem steil steigenden Kurs der Wirecard-Aktie gefunden. Binnen nur zwei Jahren sie von rund 40 auf derzeit 170 Euro gestiegen. Der Börsenwert des Unternehmens ist inzwischen mit rund 21 Milliarden Euro so hoch wie der der Deutschen Bank. Die Nummer zwei der deutschen Bankenbranche, die Commerzbank, dürfte Wirecard möglicherweise bald aus dem Deutschen Aktienindex Dax drängen. Am 5. September steht eine Indexüberprüfung durch die Deutsche Börse an. Wirecard gilt als heißester Kandidat für einen Indexaufstieg.

Die Bewertung der Aktie scheint einigen Kritikern inzwischen allerdings ein wenig aus dem Ruder gelaufen. Der Börsenwert liegt inzwischen bei mehr als dem 50-Fachen des Jahres-Nettogewinns, ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das kein anderer Dax wert derzeit aufweist. Nur weiter rasantes Gewinn-Wachstum kann eine solche Bewertung rechtfertigen.

Marktkapitalisierung von Wirecard, Deutsche Bank und Commerzbank

Marktkapitalisierung von Wirecard, Deutsche Bank und Commerzbank, Stand 16.8.18. | Bildquelle: Unternehmen, Grafik: boerse.ARD.de

Gerüchte und Risiken

Und noch ein Risiko begleitet Wirecard auf seinem Weg in das Oberhaus der Deutschen Börsenlandschaft: Immer wieder ist das Unternehmen Ziel von dubiosen Börsenbriefen, die Unregelmäßigkeiten in der Bilanz oder bei Firmenübernahmen gefunden haben wollen. Neue angebliche Enthüllungen setzten die Wirecard-Aktie teils deutlich unter Druck. Auch wenn dem Unternehmen nie etwas nachgewiesen werden konnte, eine gewisse Anfälligkeit für Schockreaktionen dürfte den Anlegern auch nach einem Dax-Aufstieg wohl erhalten bleiben.

AB