Yandex-Zentrale, Moskau

Google auf Russisch Yandex weiß, was die Russen wollen

von von Jule Zentek

Stand: 09.07.2018, 16:19 Uhr

Bislang war Yandex vor allem für seine Suchmaschine bekannt, nun steuert der Konzern den E-Commerce an. Für den Google-Konkurrenten wäre das eine weitere Möglichkeit, sich als russischer Marktführer zu etablieren.

Wer schon mal durch Russland gereist ist, weiß: Von Westen nach Osten nimmt nicht nur die Anzahl der Straßen ab, sondern auch deren Qualität. Nicht einfach für Logistikunternehmen, Waren in abgelegene Regionen zu bringen. Während also in Amerika, China und Deutschland der Online-Handel boomt, hängt das flächengrößte Land der Welt noch hinterher.

Das soll sich jetzt ändern: Yandex.Market heißt die Online-Plattform, auf der Russen künftig ihre Elektronik, Haushaltsgeräte und Spielzeug bestellen sollen. Dafür will Yandex, das größte russische Tech-Unternehmen, seinen bisherigen, gleichnamigen Preisvergleichsdienst und Shopping Service weiterentwickeln, so Yandex-Datenspezialist Michael Levin im Interview mit "Business Insider". In drei Städten läuft bereits das Pilotprojekt – der Launch soll noch in diesem Jahr anstehen.

Zuhause dominant

Mit seinen Angeboten für Taxivermittlung, Smart Speaker, Finanzdienstleistungen, Sozialen Netzwerken und Streaming- und Musik-Diensten hat sich Yandex als größter Player auf dem russischen Heimatmarkt etabliert. Seit 2011 ist Yandex an der Nasdaq gelistet – der Börsengang brachte damals 1,3 Milliarden Dollar ein. Ähnlich viel erzielte Google bei seinem IPO 2004. In den letzten drei Jahren hat sich die Aktie verdreifacht - aktuell notiert sie bei rund 30 Euro.

Bekannt ist Yandex vor allem die Suchmaschine: Dort verbucht das Unternehmen einen Marktanteil von über 56 Prozent – Google kommt aktuell nur auf 39 Prozent. Weltweit bleibt Google aber die Nummer eins mit einem Marktanteil von 92 Prozent. Yandex schafft es da nur auf Platz fünf (0,4 Prozent) – hinter Yahoo, Bing und Baidu.

Arkady Volozh, Yandex-CEO und Mitgründer

Arkady Volozh. | Bildquelle: (c) dpa

Ilya Segalovich, Yandex-Mitgründer

Ilya Segalovich. | Bildquelle: (c) dpa

Hinter Yandex stecken die Informatiker Arkady Volozh und Ilya Segalovich: Sie gründeten Yandex 1997 als Teil ihres Unternehmens CompTek. Drei Jahre später wurde Yandex als eigenständiges Unternehmen ausgegliedert. Obwohl der heutige Marktführer Google ein Jahr später startete, hatte Yandex auf dem Heimatmarkt stets einen entscheidenden Vorteil: Der Algorithmus war auf die russische Sprache ausgerichtet –dementsprechend gezielter waren die Ergebnisse.

Die neue E-Commerce-Sparte soll als Joint Venture starten. Dafür kooperiert Yandex mit der größten russischen Bank Sberbank. Das Ziel für 2018 seien einige hunderttausend tägliche Nutzer, so Levin. Das seien mehr, als die meisten russischen Online-Shops aktuell zählen. Zu den beliebtesten Plattformen zählen aktuell Ozone.ru und AliExpress, der Online-Handel des chinesischen Konzerns Alibaba - Amazon bedient dort nur einen geringen Markt.

Wissen, was die Russen wollen

An der geringen Lust zum Online-Shopping bei den Russen ist nicht nur die schlechte Infrastruktur schuld: Die meisten zahlen einfach viel lieber mit Bargeld. Die größte Konkurrenz ist daher der Einzelhandel. Soll der Online-Handel über Yandex.Market boomen, muss der Konzern die Russen also erst zu Online-Shoppern machen. Ein Konzept aus strukturierter Lieferung, Retouren und Zahlung soll sie überzeugen.

Yandex kann sich also nicht ins gemachte Nest setzen, sondern muss zunächst Logistikprobleme lösen. Dabei könnten die neuen Einfuhrbeschränkungen helfen: Waren aus dem Ausland sollen künftig mit 20 Prozent besteuert werden. Das Geld könnte unter anderem in das Infrastruktur- und Modernisierungsprogramm von Präsident Wladimir Putin fließen.

Im vergangenen Jahr erzielte der E-Commerce in Russland einen Umsatz von rund 15 Milliarden Euro - ein Plus von 13 Prozent gegenüber 2016. Auch Russland ist also auf dem digitalen Vormarsch - und die vergangene Jahre haben gezeigt: Yandex scheint zu wissen, was die Russen wollen.