Mann vor Fernglas

Aktienmärkte warten auf neue Signale Jetzt kommt es auf die Fed an

Stand: 13.09.2020, 10:31 Uhr

Die großen Techaktien haben ihre Korrektur noch immer nicht beendet. Doch die Verluste sind geringer geworden und die klassischen Werte laufen schon wieder besser. Neue Kaufsignale könnten von der US-Notenbank kommen.

Die Augen der Anleger dürften sich deshalb auf die Sitzung der US-Notenbank Fed am Mittwoch richten. Nachdem die EZB in der vergangenen Woche ihre abwartende Haltung bekräftigt hat, hoffen die Investoren nun auf positive Signale aus Washington. Fed-Chef Jerome Powell hatte Ende August bereits signalisiert, dass die Federal Reserve künftig Teuerungsraten über der Zielmarke von zwei Prozent auch längerfristig tolerieren werde, um die Konjunktur zu stützen.

Für Experten ein eindeutiger Hinweis auf eine lang anhaltende Nullzins-Politik. BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels ist überzeugt, dass die Fed nun versuchen wird, die Zinsen für eine lange Zeit sehr, sehr niedrig zu halten.

Erklärt die Fed ihre Strategie?

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell. | Bildquelle: picture alliance / newscom

Anleger erwarten allerdings genauere Aussagen zur Bedeutung und Umsetzung der neuen Strategie. "Nach der Vorstellung des aktualisierten geldpolitischen Rahmenwerks ist diese Notenbanksitzung der ideale Zeitpunkt, um die Theorie erstmals mit der Praxis zu konfrontieren", meint Volkswirt Christian Scherrmann vom Fondsanbieter DWS.

Der jüngst vorgestellte Strategieschwenk bietet mehr Spielraum beim Ansteuern des Inflationsziels. Demnach könnte die Fed die Teuerungsrate für einen längeren Zeitraum über dem angepeilten Idealwert von zwei Prozent halten, wenn diese zuvor geraume Zeit darunter geblieben ist. Zugleich soll stets das Ziel der Vollbeschäftigung an erster Stelle stehen. Der Arbeitsmarkt ist trotz einer fortschreitenden Erholung nach dem Höhepunkt der Corona-Krise im Frühjahr noch immer meilenweit von Vollbeschäftigung entfernt: Die Erwerbslosenquote ging zuletzt weiter zurück, ist mit 8,4 Prozent für US-Verhältnisse aber immer noch sehr hoch.

"Aufwärtstrend ist intakt"

Allerdings könnte die Fed zunächst nur die wirtschaftlichen Prognosen anheben, so wie es in der vergangenen Woche die EZB getan hat. In dem Fall ist eine Enttäuschung der Anleger, sprich rückläufige Aktienkurse, möglich.

Einen erneuten, drastischen Kurseinbruch halten die meisten Experten allerdings für unwahrscheinlich. Viele Anleger betrachten den jüngsten Ausverkauf im Tech-Sektor als eine gesunde Konsolidierung nach einer rasanten fünfmonatigen Rally.

"Der Aufwärtstrend ist intakt, aber es wird einfach viel mehr Volatilität geben, und solche Rücksetzer können für einige Anleger schmerzvoll sein", sagte Marktstratege Ryan Detrick vom Vermögensverwalter LPL Financial. Doch zeigten die Gewinnmitnahmen im Techsektor, "dass es in den letzten Wochen mit dem Börsenaufschwung einfach zu schnell ging", erklärt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank.

Dax

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Ambivalentes Gesamtbild

In einer Analyse von JP Morgan zum US-Aktienmarkt heißt es: „Wir sehen die derzeitige Kursschwäche als gutes Zeichen – sie ist vor allem technisch bedingt und beruht auf systematischen Verkäufen und dem Abwickeln von Positionen, die vor allem vom Momentum getrieben sind.“

Dennoch bleibe das "Gesamtbild ambivalent", urteilt die Helaba. Zwar habe sich die globale Konjunktur insbesondere in den Industrieländern sehr gut geschlagen. Allerdings zeigten die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung aus den USA sowie Auftragseingänge, Industrieproduktion und Einkaufsmanagerindizes aus Deutschland, dass das Erholungstempo nachlasse. Immerhin gehen die Neuinfektionszahlen in den USA zurück, was aber nicht für den Euroraum gilt.

Ein Risikofaktor ist außerdem der Streit über den Brexit. "Die Brexit-Gespräche haben eine Wende zum Schlechten vollzogen", kommentierte Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. "Alle Aussagen deuten darauf hin, dass das Risiko eines 'No Deal'-Brexit deutlich gestiegen ist.

ZEW-Index leicht rückläufig erwartet

ZEW-Konjunkturklimaindex August 2020: 71,5

ZEW-Konjunkturklimaindex August 2020. | Bildquelle: ZEW, Grafik: boerse.ARD.de

Bei den Konjunkturdaten dürfte sich die Aufmerksamkeit der Investoren vor allem auf die US-Einzelhandelsumsätze richten, die wenige Stunden vor dem Fed-Entscheid veröffentlicht werden. Da die amerikanischen Verbraucher ihre Kaufzurückhaltung von Beginn der Corona-Pandemie abgelegt hätten, rechne er für August mit einem Plus von 1,4 Prozent, prognostiziert Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner. Der private Konsum gilt als Hauptstütze der weltgrößten Volkswirtschaft.

Einen Blick wert sein könnten am Dienstag die ZEW-Konjunkturerwartungen im September. Hierzu befragen die Mannheimer Wirtschaftsforscher die Akteure an den Kapitalmärkten - die wiederum ihre Prognosen nicht selten an den Aktienkursen festmachen. Und die sind im August und bislang auch im September geklettert. Volkswirt Stefan Bielmeier von der DZ Bank erwartet vom ZEW allerdings einen kleinen Dämpfer: "Hauptsächlich mit Blick auf die wieder gestiegenen Coronavirus-Infektionszahlen".

Am Freitag verfallen dann Futures und Optionen auf Indizes sowie Optionen auf einzelne Aktien. Zu diesem "Hexensabbat" schwanken die Aktienkurse üblicherweise stark, weil Investoren die Preise derjenigen Wertpapiere, auf die sie Derivate halten, in eine für sie günstige Richtung bewegen wollen.

lg