Wirecard-CEO Markus Braun

Vorstandsmitglied Marsalek wird freigestellt Wirecard wackelt

Stand: 19.06.2020, 07:15 Uhr

Blankes Entsetzen bei Wirecard-Aktionären: Die Vorlage der Bilanz für 2019 fällt wieder aus, die Situation beim Zahlungsdienstleister ist dramatisch. Die Aktie stürzt, der Platz im Dax ist gefährdet. Wirecard selbst sieht sich als Betrugsopfer. Es gibt erste personelle Konsequenzen.

Eigentlich war die Zahlenvorlage nach zwei Verschiebungen heute vor Börsenbeginn erwartet worden und sollte dann im Laufe des Vormittags stattfinden. Um 10:45 Uhr teilte der Dax-Konzern schließlich ad hoc mit, dass es damit wieder nichts wird. Ein neues Datum steht noch nicht fest.

Wegen milliardenschwerer Unklarheiten in der Bilanz musste der Dax-Konzern die Vorlage seines Jahresabschlusses für 2019 am Donnerstag quasi in letzter Minute ein weiteres Mal verschieben. "Der Vorstand arbeitet mit Hochdruck daran, den Sachverhalt in Abstimmung mit dem Abschlussprüfer weiter aufzuklären", hieß es. Sollte der Konzern einen testierten Abschluss bis Freitag (19. Juni) nicht vorlegen, könnten Kredite der Wirecard AG in Höhe von etwa zwei Milliarden Euro gekündigt werden, warnte das Unternehmen. Der 19. Juni ist morgen. Die Zeit wird also tendenziell langsam etwas knapp.

Wird jetzt endlich aufgeklärt?

Was ist passiert? Die Zitate aus der Unternehmensmitteilung sind für Investoren eine gruselige Lektüre: "Der Abschlussprüfer der Wirecard AG, die Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, München, hat die Wirecard AG darüber informiert, dass über die Existenz von im Konzernabschluss zu konsolidierenden Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro (dies entspricht in etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme) noch keine ausreichenden Prüfungsnachweise zu erlangen waren", heißt es in der Unternehmens-Mitteilung.

Und: "Es bestehen Hinweise, dass dem Abschlussprüfer von einem Treuhänder bzw. aus dem Bereich der Banken, welche die Treuhandkonten führen, unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden, damit dieser ein unrichtiges Vorstellungsbild über das Vorhandensein der Bankguthaben bzw. die Führung von Bankkonten zugunsten der Wirecard-Gesellschaften erhalte." Wirecard sieht sich als Opfer und teilte weiter mit, man sei möglicherweise Opfer eines "gigantischen Betrugs" geworden und werde Anzeige gegen Unbekannt erstatten.

"Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG in einen Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist", sagte Wirecard-Vorstandschef Markus Braun in einer Stellungnahme des Vorstands am Donnerstagabend. Unabhängig davon haben die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft angekündigt, den Fall unter die Lupe nehmen zu wollen.

Wirecard-Zentrale in München

Wirecard-Zentrale in München: Opfer eines "gigantischen Betrugs". | Bildquelle: imago images / Lackovic

Der Vorstand muss sich Sorgen machen

Das fehlende Testat kann durchaus gravierende Konsequenzen für Wirecard haben. Noch sei keineswegs gewiss, dass der Sachverhalt nicht noch nachgeliefert werden könne oder das Geld tatsächlich vorhanden sei, meint Dr. Jochen Eichhorn, Bankrechtsexperte bei der Frankfurter Rechtsanwaltskanzlei "Lachner Westphalen Spamer" im Gespräch mit boerse.ARD.de.

"In letzter Konsequenz könnte aber aufgrund eines fehlenden Testats die Banklizenz entzogen werden, wenn sich die Gefahr nicht durch andere Maßnahmen abwenden lässt. Verfehlungen im bilanziellen oder operationellen Bereich und im Bereich der Führung würden eine Begründung liefern können", meint Eichhorn. Damit sei indes zunächst nicht zu rechnen, weil es die Problemlage verschärfen würde und letztlich sogar zur Abwicklung des Unternehmens führen könnte, so der Experte. Die BaFin habe ein breit gefächertes Repertoire und werde angesichts der Systemrelevanz einen totalen Einbruch verhindern wollen.

Eine Sonderprüfung der BaFin wäre laut Eichhorn aber durchaus möglich. "Es könnte auch die Abberufung von Vorstandsmitgliedern angeordnet oder angedroht werden, dann müsste der Aufsichtsrat aktiv werden. Aber angesichts des Drucks, der beispielsweise bereits von institutionellen Anlegern ausgeübt wird, könnte der aktuelle Vorstand aber auch von selbst in den Hintergrund treten wollen", lautet sein Fazit.

Bewegung in der Chefetage

Am Donnerstagabend gab der Aufsichtsrats bekannt, dass Vorstandsmitglied Jan Marsalek mit sofortiger Wirkung freigestellt sei. Der Manager war jahrelang als Chief Operating Officer für das Tagesgeschäft zuständig gewesen. Im Mai wurden seine Aufgaben im Zuge eines Vorstandsumbaus schon beschnitten.

Marsalek gilt als Vertrauter Brauns. Ferner wird der neue Compliance-Vorstand James Freis seine Arbeit sofort antreten. Ursprünglich war geplant, dass Freis zum 1. Juli anfängt. Wie die Zukunft des Vorstandschefs Markus Braun im Unternehmen aussehen wird, bleibt abzuwarten. Mit einem Anteil von sieben Prozent ist er auch größter Aktionär des Unternehmens.

Thomas Eichelmann

Thomas Eichelmann, Aufsichtsratschef: Das Kontrollgremium wird aktiv. | Bildquelle: picture alliance / dpa

"Unhaltbare Situation"

Die Anleger reagierten auf die Vorgänge rund um Wirecard mit sofortigen Verkäufen. Nach der Unternehmens-Mitteilung brach der Aktienkurs dramatisch ein. Zum Schluss des Xetra-Handels lag das Minus bei 61,8 Prozent. Die Aktie, die einst fast 200 Euro gekostet hatte, ist nun für weniger als 40 Euro zu haben. "Mit Betrug will keiner mehr etwas zu tun haben, weder die Geschäftspartner noch Anleger", sagte ein Händler.

Wolfgang Donie, Experte bei der Nord/LB, findet klare Worte: "Das letzte noch vorhandene Fünkchen an Anlegervertrauen dürfte nun verspielt sein", kommentiert er. "Die Gesamtsituation bei Wirecard kann nur noch als unhaltbar bezeichnet werden. Das Kursziel sieht Donie bei 20 Euro. Die Commerzbank setzte die Bewertung der Aktie aus.

Auch die Fachleute der Baader Bank setzen das Rating aus: Es sei schwer, eine Basis für die Bewertung von Wirecard zu finden, bis der Fall gelöst sei, schreibt Analyst Knut Woller. Noch am 26. Mai hatte sein Kursziel bei 240 Euro gelegen. Andere Experten äußerten sich ebenfalls kritisch zur aktuellen Lage des Unternehmens.

Die Fondsgesellschaft DWS will derweil gegen Wirecard klagen und hat gleichzeitig ihre Bestände abgebaut. Per Marktschluss am Mittwoch habe die DWS ihre Position um circa 60 Prozent reduziert. Der Rest sei im Laufe des Tages verkauft worden. "Aktuell halten wir keine materiellen Positionen in aktiv gemanagten Fonds mehr." Die DWS hatte wie die Konkurrentin Union Investment eine Zeitlang zu den größten Wirecard-Aktionären gehört. Union Investment hat ihre Wirecard-Anteile mittlerweile ebenfalls abgestoßen, wie ein Sprecher sagte.

"Ein rabenschwarzer Tag"

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,59
Differenz relativ
-2,91%

Die Anlegervereinigung DSW fordert wegen des Betrugsverdachts eine Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft. "Das ist ein rabenschwarzer Tag", sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. "Wir sind in der Situation, dass Wirecard selbst nicht mehr für Aufklärung und Vertrauen sorgen kann." Die Vorgänge sollten nach Einschätzung der DSW von Ermittlern aufgeklärt werden: "Da muss jetzt die Staatsanwaltschaft rein", sagte Tüngler.

Sollte sich die Aktie des wegen milliardenschwerer Bilanzunklarheiten im Fokus stehenden Zahlungsabwicklers vom Kurseinbruch bis September nicht nachhaltig erholen, droht der Rauswurf aus der ersten Börsenliga. Der Börsenbetreiber Deutsche Börse soll nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa die Einleitung eines Sanktionsverfahrens prüfen.

Die Vorgeschichte

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ARD-Börse: Wirecard verschiebt erneut Bilanz - Aktie bricht massiv ein

Bei dem Dax-Konzern waren nach einer Sonderprüfung zu Bilanzfälschungsvorwürfen zentrale Fragen unbeantwortet geblieben. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG meldeten in ihrem Bericht Ende April zu den Geschäftsjahren 2016 bis 2018, dass wesentliche Unterlagen fehlten - hauptsächlich zum Geschäft mit Drittfirmen. Deswegen konnten die KPMG-Prüfer auch nicht feststellen, ob den entsprechenden Buchungen auch reale Umsätze entsprechen.

Wirecard hatte vor der Veröffentlichung des Berichts ausdrücklich betont, dass sich keine Belege für die öffentlich erhobenen Vorwürfe der Bilanzmanipulation ergeben hätten. Der Aktienkurs hatte sich daraufhin erholt bis auf mehr als 140 Euro, brach dann aber nach der Veröffentlichung des KPMG-Berichts Ende April ein, da die Investoren das Unternehmen angesichts der Aussagen der Wirtschaftsprüfer nicht als vollends von den Vorwürfen der Bilanzmanipulation entlastet ansahen.

Wegen der Verlautbarungen des Unternehmens im Vorfeld der Veröffentlichung ermittelt mittlerweile die Staatsanwaltschaft München gegen die Wirecard-Vorstände wegen des Verdachts auf Marktmanipulation.

boerse.ARD.de

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"Ein handfester Bilanzskandal" Stimmen zu Wirecard

Ingo Speich, Fondsgesellschaft Deka

Ingo Speich, Fondsmanager bei der Deka
"Wir sind fassungslos. Auch hier hat sich wieder gezeigt, dass den Ankündigungen von Wirecard keine Taten folgen. Ein personeller Neuanfang ist dringender denn je. Wir hoffen, dass der erneute Vertrauensentzug am Kapitalmarkt nicht doch noch Auswirkungen auf das operative Geschäft hat."