Wirecard

Gläubiger fordern 12 Milliarden Euro Wirecard: Was gibt's da noch zu holen?

von Lothar Gries

Stand: 18.11.2020, 12:54 Uhr

Am Morgen hat im Münchner Löwenbräukeller die zweitägige Gläubigerversammlung des insolventen Zahlungsabwicklers Wirecard begonnen - mit weitaus weniger Teilnehmern als erwartet, aber horrenden Forderungen.

Im großen Festsaal des Münchner Löwenbräukellers finden normalerweise bis zu 3.000 Menschen Platz. In diesen Corona-Zeiten dürfen es aber nur 350 sein, damit ausreichend Abstand eingehalten werden kann. Und auch auf Krustenbraten und Leberkäse werden die Gäste verzichten müssen.

Zum Feiern war den 74 Damen und Herren, die sich ab 8:30 Uhr in der traditionsreichen Gaststätte eingefunden haben ohnehin nicht zumute. Vielmehr wollten sie von Insolvenzverwalter Michael Jaffé wissen, ob und wieviel sie von ihren Forderungen an den insolventen Zahlungsabwickler Wirecard wiedersehen könnten.

Forderungen von über 12 Milliarden Euro

Wircard-Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé - Archivbild von 2008

Wircard-Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé. | Bildquelle: (c) dpa - Bildfunk

Nach Ansicht der meisten Experten dürfte nur ein Bruchteil der von Wirecard angehäuften gut drei Milliarden Euro Schulden an die Gläubiger zurückgezahlt werden. Zumal die gut 11.500 Gläubiger des insolventen Zahlungsdienstleisters Forderungen in Höhe von über 12 Milliarden Euro angemeldet haben.

Die hohe Summe erklärt sich daraus, dass neben geschädigten Banken, Investoren und Geschäftspartnern auch viele Aktionäre Schadenersatzforderungen angemeldet haben.

Jaffé legt Bericht vor

Dazu hatten sie bis zum 20. Oktober Zeit. Bis dahin mussten die Gläubiger der Wirecard AG sowie der sechs insolventen Töchter Wirecard Technologies, Issuing Technologies, Service Technologies, Acceptance Technologies, Sales International Holding sowie Global Sales ihre Forderungen in die Insolvenztabelle eintragen.

Wirecard-Zentrale in Aschheim

Wirecard. | Bildquelle: imago images / Overstreet

Der zum Insolvenzverwalter ernannte Rechtsanwalt Michael Jaffé konnte schon einige Auslandstöchter verkaufen. Erst gestern, einen Tag vor der Gläubigerversammlung, hat er den Verkauf des Kerngeschäfts von Wirecard verkündet. Danach will die spanische Bank Santander die Technologieplattform, die dafür notwendigen Vermögenswerte sowie das Personal, rund 500 Mitarbeiter, übernehmen. Die Insolvenzmasse wird dieser Deal aber nur unwesentlich verbessern, beträgt doch der Kaufpreis dem Vernehmen nach nur gut 100 Millionen Euro. Der Verkauf soll bis Ende des Jahres unter Dach und Fach sein.

Nicht von den Spaniern übernommen werden die Muttergesellschaft Wirecard AG, die Töchter Wirecard Technologies und Wirecard Acquiring and Issuing sowie die Wirecard Bank.

Zuvor hatte Jaffé bereits die frühere Wirecard-Tochter in den USA und weitere Gesellschaften in Brasilien und Rumänien verkauft, die Gesamterlöse belaufen sich bislang nach Informationen aus Finanzkreisen auf eine halbe Milliarde Euro. Diese Erlöse kommen den Gläubigern zugute. Weitere Verkäufe sind in Asien, Südafrika und der Türkei geplant. Dass der Schuldenberg von Wirecard damit abgetragen werden kann, gilt jedoch als unwahrscheinlich.

Konten weitgehend leer geräumt

Auf den Konten von des Unternehmens hat der Insolvenzverwalter nur rund 20 Millionen Euro vorgefunden. Zuvor hatten die Manager des Konzerns offenbar die Konten leer geräumt. Jaffé sind in der Zeit von Ende 2019 bis zur Pleite von Wirecard Mitte 2020 zahlreiche verdächtige Transaktionen aufgefallen. Dabei seien Geschäftspartnern in Asien Kredite von über einer halben Milliarde Euro gewährt worden. Ob zumindest ein Teil dieser Geld auch in die Insolvenzmasse fließen kann, ist ungewiss.

Wie so oft in der Vergangenheit dürfte auch diesmal nur ein Bruchteil der Forderungen tatsächlich an die Gläubiger zurückgezahlt werden. Wie aus dem Insolvenzbericht hervorgeht, ist inzwischen die irische Gesellschaft Trinity Investments die größte Wirecard-Gläubigerin. Sie hat Forderungen über 770 Millionen Euro aufgekauft, aus der Wandel- und Publikumsanleihe, aber auch aus den Krediten der Banken.

Darlehen zu 90 Prozent abgeschrieben

Ein 15 Institute umfassendes Konsortium hatte Wirecard Kreditlinien über 1,75 Milliarden Euro gewährt, von denen 1,6 Milliarden Euro gezogen wurden. Die Commerzbank, die LBBW sowie die niederländischen Großbanken ABN Amro und ING gehörten zu den größten Kreditgebern.

Diese vier Institute hatten Wirecard jeweils eine rund 200 Millionen Euro schwere Kreditlinie gewährt.100 Millionen Euro kamen von der staatlichen Förderbank KfW. Viele Banken haben die Darlehen inzwischen weitgehend abgeschrieben.

Privatanleger können klagen

Und wie sieht es mit Privatanlegern aus? Im Normalfall gehen sie in einem Insolvenzverfahren leer aus, ihr investiertes Geld ist also weg, weil sie als Aktionäre Mitinhaber des Unternehmens waren. Da gehören Verluste dementsprechend zum unternehmerischen Risiko.

Bei Wirecard sieht es jedoch anders aus. Denn in diesem Fall sind die Aktionäre wie auch andere Gläubiger Opfer von Betrug, Bilanzfälschung und Marktmanipulation geworden. Anleger können auch gegen die Bilanzprüfer vorgehen. So hat EY über Jahre ihr uneingeschränktes Testat erteilt und somit möglicherweise ihre Prüfpflichten verletzt. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass solche Klagen einen ganz langen Atem brauchen, weil sie sich über viele Jahre hinziehen - mit offenem Ausgang.