Wirecard

Vorwürfe des Insolvenzverwalters Wirecard: Was für eine kriminelle Energie

Stand: 25.10.2020, 12:33 Uhr

Man hatte es geahnt: Laut Insolvenzverwalter Jaffé hat die die ehemalige Unternehmensführung von Wirecard rechtzeitig vor der Pleite im Juni Geld beiseite geschafft. Es geht um riesige Summen.

Wirecard sei "in den letzten Monaten vor der Insolvenz leergeräumt" worden, heißt es in Jaffés Brief, der mehreren Medien vorliegt. Einem Unternehmen vor der Insolvenz Geld zu entziehen, gilt nach dem Strafgesetzbuch als betrügerischer Bankrott.

Auf den Konten hatte Jaffé nach früheren Angaben nur noch gut 20 Millionen Euro vorgefunden. Auf Basis des nun geäußerten Vorwurfs könnte er versuchen, vom ehemaligen Vorstand um Markus Braun zumindest einen Teil des Geldes zurückzufordern.

Dem Vernehmen nach geht es um zahlreiche verdächtige Transaktionen in der Zeit von Ende 2019 bis zur Pleite Mitte 2020. Dabei seien Geschäftspartnern in Asien Kredite von über einer halben Milliarde Euro gewährt worden.

Im Visier ist besonders Marsalek

Bereits im August hatte es geheißen, dass Wirecard-Vorstände zu Jahresbeginn – und damit Monate vor der Insolvenz – hohe Millionensummen abgezogen hätten. So deutlich wie Jaffé hat diese Vorwürfe bisher aber noch niemand formuliert.

Der Insolvenzverwalter nennt in seinem Brief zwar keine Namen. Es gebe aber keinen Zweifel, dass der untergetauchte Ex-Vorstand Jan Marsalek und dessen Umfeld gemeint seien, schreibt die "Süddeutsche Zeitung" in Bezug auf "Wirecard-Kreise". Marsalek hatte sich vor vier Monaten nach Belarus abgesetzt und soll seitdem in Russland Unterschlupf gefunden haben.

Kerngeschäft steht kurz vor dem Verkauf

Wircard-Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé - Archivbild von 2008

Wircard-Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé. | Bildquelle: (c) dpa - Bildfunk

Jaffé kündigte in seinem Brief auch an, das Kerngeschäft des Zahlungsabwicklers im November zu verkaufen. Darin schreibt der Insolvenzverwalter von zwei Bietern, die derzeit die Bücher von Wirecard prüften.

"Spätestens im November ist mit einer Entscheidung zu rechnen, die Ihnen die gewünschte Klarheit bringt." Er wolle, dass möglichst viele der restlichen knapp 600 Mitarbeiter bleiben könnten. Den Namen der Bieter nennt Jaffé nicht. Zuletzt wurden die spanische Großbank Santander und der britische Telekomanbieter Lycamobile als Interessenten gehandelt. Da auch die Wirecard Bank Teil des zum Verkauf stehenden Pakets ist, hat auch die Finanzaufsicht BaFin ein Wort mitzureden.

Wirecard wohl auch in Betrug bei Corona-Soforthilfen verwickelt

Für den 18. November ist die erste Gläubigerversammlung bei Wirecard angesetzt. Dort dürfte Jaffé Ergebnisse präsentieren wollen. Für ihn geht es darum, durch Verkäufe so viel Geld wie möglich einzunehmen, um die Gläubiger wenigstens zum Teil für ihre milliardenschweren Verluste zu entschädigen. Die Töchter in Brasilien und den USA sind bereits verkauft.

Unterdessen berichtet der "Spiegel", dass Wirecard auch in mindestens 30 Fälle von Betrug bei der Beantragung von Corona-Soforthilfen verwickelt ist. Dabei beruft sich das Magazin auf eine ihm vorliegende Antwort der Bayerischen Staatsregierung auf eine Anfrage der Grünen im Bayerischen Landtag. Um welche Summen es sich hierbei handelt, ist nicht bekannt.

lg/rtr