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Vorwürfe gegen Wirecard: Chronologie der Ereignisse Galerie

Kursverlauf Wirecard, 1. Januar bis 19. März 2019

30.1.19: Erste Vorwürfe
Am Mittwoch, 30. Januar bricht die Wirecard-Aktie nachmittags schlagartig um rund 21 Prozent ein. Grund ist ein kritischer Bericht in der Online-Ausgabe der "Financial Times" über den Zahlungsabwickler. Demnach habe ein hochrangiger Manager in Singapur im vergangenen Jahr womöglich Verträge gefälscht und Geldwäsche betrieben. Die Zeitung bezog sich auf eine von ihr eingesehene interne Präsentation, die sich mit zweifelhaften Geldströmen beschäftigt haben soll.

Vorwürfe gegen Wirecard: Chronologie der Ereignisse Galerie

Kursverlauf Wirecard, 1. Januar bis 19. März 2019

30.1.19: Erste Vorwürfe
Am Mittwoch, 30. Januar bricht die Wirecard-Aktie nachmittags schlagartig um rund 21 Prozent ein. Grund ist ein kritischer Bericht in der Online-Ausgabe der "Financial Times" über den Zahlungsabwickler. Demnach habe ein hochrangiger Manager in Singapur im vergangenen Jahr womöglich Verträge gefälscht und Geldwäsche betrieben. Die Zeitung bezog sich auf eine von ihr eingesehene interne Präsentation, die sich mit zweifelhaften Geldströmen beschäftigt haben soll.

Financial Times

1.2.19: Details aus Rajah & Tann-Vorbericht
Nur zwei Tage später legt die "Financial Times" nach. Die von Wirecard beauftragte externe Anwaltskanzlei Rajah & Tann habe bei einer Prüfung der Niederlassung in Singapur Belege für schwere Straftaten gefunden, die auf Fälschungen in der Rechnungslegung hindeuteten.

Wirecard Kreditkarten

7.2.19: Weitere Details
Am 7. Februar berichtet die "Financial Times" in ihrem dritten Bericht, der für Asien zuständige Finanzchef von Wirecard habe sechs Kollegen in Singapur gezeigt, wie man die eigenen Bücher manipulieren könne, um die Behörden in Hongkong davon zu überzeugen, Wirecard eine Lizenz zu geben. Er habe dazu in einem Zahlungskarussell Umsätze mit Kunden vorgespiegelt. Dabei sei es auch darum gegangen, interne Ertragsziele zu erfüllen. Das System sei möglicherweise in ganz Asien über Jahre hinweg betrieben worden. Aus Dokumenten, die der "FT" vorlägen, gehe hervor, dass zwei Führungskräfte in Deutschland von der Praxis "zumindest etwas Kenntnis" hatten.

Singapur

8.2.19: Durchsuchung in Singapur
Einen Tag später durchsucht die Polizei von Singapur die dortigen Räumlichkeiten von Wirecard. Etwa zehn Beamte seien am Vormittag in den Wirecard-Büros im Stadtsstaat gewesen, so eine mit der Situation vertraute Person. Außerdem seien Angestellte nach der Finanzstruktur sowie nach den Mitarbeitern des Finanzteams befragt worden. Welche Einheit die Operation durchführte, oder ob und welche Materialien bei der Razzia mitgenommen wurden, sei unklar. Die Ermittlungen dauern auch heute noch an.

Gerichtshammer vor US-Flagge

Sammelklagen in Amerika
Mitte Februar prüfen inzwischen mehrere Kanzleien in den USA Sammelklagen gegen das Dax-Unternehmen. Die erste Klage im Namen eines Anlegers, der sich durch irreführende oder falsche Angaben von Wirecard geschädigt sieht, wird bei einem Bundesbezirksgericht in Los Angeles eingereicht.

Unter den Anwälten, die das Dax-Unternehmen ins Visier nehmen, ist auch die bekannte Kanzlei Hagens Berman, die schon etlichen anderen Konzernen wie etwa Volkswagen im "Dieselgate"-Skandal zu schaffen machte.

BaFin Frankfurt

18.2.19: BaFin verhängt Leerverkaufsverbot
Am 18. Februar gibt es eine Premiere am deutschen Kapitalmarkt. Die Finanzaufsicht BaFin verhängt ein Verbot neuer Leerverkäufe in Wirecard-Aktien. Ab sofort ist es untersagt, neue Netto-Leerverkaufspositionen in Aktien von Wirecard einzugehen oder bestehende Netto-Leerverkaufspositionen zu erhöhen. Das Verbot gilt bis zum 18. April.

Ein solches Leerverkaufsverbot für eine einzelne Aktie ist eine drastische Maßnahme, von der die deutsche Finanzaufsicht in ihrer Geschichte noch nie Gebrauch gemacht hatte. 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, hatte die BaFin bereits Leerverkäufe in elf Finanztiteln untersagt, aber eben nicht bei einer Einzelaktie.

Zudem wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft München I ein Ermittlungsverfahren gegen einen Journalisten der "Financial Times" eingeleitet hat. Die Münchner Strafverfolger ermitteln gegen den Journalisten "wegen Vergehens nach dem Wertpapierhandelsgesetz".

Neu-Delhi

15.3.19: Nun auch Indien
Die Strafverfolger in Singapur haben inzwischen auch das Indien-Geschäft von Wirecard ins Visier genommen, wie das "Handelsblatt" unter Berufung auf die Gerichtsdokumente berichtet. Ermittelt werde gegen Wirecard-Mitarbeiter und mehrere Gesellschaften des Konzerns wegen möglicher strafbarer Handlungen, unter anderem Geldwäsche und Dokumentenfälschung.

Firmensitz der Wirecard AG in Aschheim

21.3.19: Hat der Vorstand etwas gewusst?
Die "Financial Times" legt bei ihrer Berichterstattung über den Zahlungsdienstleister nach. Demnach hätten Führungskräfte von Wirecard vier Transaktionen im Gesamtwert von zwei Millionen Euro genehmigt, die im Mittelpunkt einer Betrugsermittlung durch die Polizei in Singapur stehen. Die Dokumente deuteten darauf hin, dass Vorstand Jan Marsalek von den Transaktionen gewusst habe.

Markus Braun, CEO Wirecard

26.3.19: Wirecard versucht den Befreiungsschlag
Am 26. März ist es soweit: Wirecard veröffentlicht wesentliche Ergebnisse des Prüfberichts der Singapurer Rechtsanwaltskanzlei Rajah & Tann. Wirecard sieht sich nach der externen Untersuchung weitgehend entlastet. Die Kanzlei habe in ihrem Bericht "keine wesentlichen Auswirkungen" auf die Konzernabschlüsse festgestellt, teilt Wirecard mit. Allerdings sei es möglicherweise zu Straftaten einzelner lokaler Mitarbeiter gekommen. Der Bericht selbst wird nicht veröffentlicht. Der Dax-Titel schießt nach oben. Einer der Wermutstropfen: Die Bilanzvorlage wird verschoben.

Im Bild: Wirecard-Chef Markus Braun.

Landgericht München

28.3.19: Wirecard reicht Klage ein
Zwei Tage später teilt Wirecard mit: "Wir haben eine Feststellungsklage wegen Nutzung und unrichtiger Darstellung von Geschäftsgeheimnissen gegen die 'FT' und Dan McCrum beim Landgericht München eingereicht." Wirecard wolle damit eine Unterlassung der Behauptungen der Zeitung und Schadenersatz erreichen.

McCrum ist der Hauptautor der Berichte, in denen dem Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München schwere Vorwürfe gemacht wurden.

Anfang Oktober sieht sich die Zeitung von den Vorwürfen entlastet. Die Ermittlungen der von der "FT" beauftragten Anwaltskanzlei RPC hätten keine Hinweise darauf erbracht, dass es - wie von Wirecard der Zeitung vorgeworfen - Absprachen zwischen Reportern und Spekulanten gegeben habe.

Wirecard

29.3.19: FT schlägt zurück
Nur wenige Stunden, nachdem das Wirecard-Management die "Financial Times" und ihren Autor Dan McCrum auf Schadenersatz verklagt hat, legen die "FT" und McCrum erneut nach. In ihrem neuesten Artikel widmet sich die Finanzzeitung den Geschäften von Wirecard in Asien. So arbeitet das Unternehmen wegen fehlender Lizenzen mit Partnerunternehmen zusammen, um Bezahlvorgänge abzuwickeln. Bei der Überprüfung einiger Partnerfirmen ist die Zeitung auf Ungereimtheiten gestoßen. Wirecard selbst bezeichnet auch diese Darstellungen als "falsch und irreführend".

Wirecard Kreditkartenstapel

17.4.19: Die BaFin erstattet Anzeige
Mitte April erstattet die BaFin bei der Staatsanwaltschaft München Anzeige gegen rund ein Dutzend Personen. Wirecard selbst hatte schon zuvor die "Financial Times" wegen ihrer Berichterstattung verklagt. Die britische Finanzzeitung wies den Verdacht der Marktmanipulation scharf zurück.

Wirecard-Firmensitz in Aschheim

22.7.19: Wirecard will Maulkorb für die "Financial Times"
Ende Juli fordert Wirecard die "Financial Times" in einem Brief auf, keine Artikel mehr über den Konzern zu publizieren. Stattdessen solle die Zeitung Fehlverhalten in den eigenen Reihen aufdecken. Wirecard habe "unwiderlegbare Beweise für eine Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitern der 'Financial Times' und Shortsellern".
Es soll sich um die Tonaufzeichnung eines Gesprächs handeln, bei dem ein Investor einem anderen empfiehlt, auf den Kursverfall der Wirecard-Aktie zu spekulieren, die durch einen neuen, kritischen Artikel in der "FT" fallen werde.

Wirecard-Mastercard

15.10.19: Umsätze und Gewinne zu hoch?
Nach mehr als einem halben Jahr Pause gibt es neue Vorwürfe gegen Wirecard. Interne Dokumente des Dax-Unternehmens sowie die Korrespondenz hochrangiger Manager der Finanzabteilung erweckten den Anschein, als könnten Umsätze und Gewinne und Dubai und Irland zu hoch ausgewiesen worden sein, berichtet die "Financial Times". Ein Schwerpunkt der Recherchen des Blattes liegt auf dem in Dubai ansässigen Partnerunternehmen Al Alam Solutions. Die "FT" schreibt, dass 2016 die Hälfte des Gewinns von Wirecard durch das Unternehmen aus Dubai entstanden sei.

Wirecard Kreditkarte

21.10.19: Wirecard kündigt Sonderprüfung an
Wirecard reagiert nur wenige Tage später. Das Unternehmen will die Vorwürfe rund um seine Bilanzierungspraktiken mit einer Sonderprüfung ausräumen. Vorstand und Aufsichtsrat hätten sich entschlossen, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit einer unabhängigen Untersuchung zu beauftragen.
Damit sollen laut Wirecard alle Vorwürfe der "Financial Times" umfassend und unabhängig aufgeklärt werden.

Wirecard-Firmensitz in Aschheim

9.12.19: Nun ist der Cashflow dran
Im Dezember belasten erneute Vorwürfe der "Financial Times" die Aktie des Zahlungsabwicklers. In dem neuen Artikel äußert sich die "FT" kritisch zur Berechnung des Bestandes liquider Mittel des Bezahldienstleisters im Jahr 2017. Laut der Finanzzeitung berechnete Wirecard in seiner Bilanz für 2017 auf Treuhandkonten geparkte Gelder zu den eigenen Bar-Reserven hinzu. Damit drehen sich die Vorwürfe gegen das Unternehmen nicht nur um Umsätze und Gewinne, sondern auch um die Cashflow-Rechnung, auf die Börsenprofis besonders gerne schauen.

Wirecard dementiert umgehend mit dem Verweis, der Ausweis der Cash-Positionen entspreche dem Rechnungslegungsstandard IFRS.

Wirecard-CEO Markus Braun

28.4.2020: KPMG-Prüfbericht schickt Aktie auf Talfahrt
Mehrfach wurde der KPMG-Bericht über den Vorwurf der Bilanzmanipulation verschoben. Als er endlich publiziert wird, stürzt die Wirecard-Aktie ab. In einem wesentlichen von der "FT" kritisierten Feld blieben die Ergebnisse unbefriedigend. So kann die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zur Höhe und zur Existenz der Umsätze aus dem sogenannten Drittpartnergeschäft in den untersuchten Jahren 2016 bis 2018 weder eine Aussage treffen, dass diese existieren und korrekt sind, noch, dass sie nicht existieren und nicht korrekt sind. "Insofern liegt ein Untersuchungshemmnis vor", erklärte KPMG in dem von Wirecard veröffentlichten Bericht. Wirecard-Chef Markus Braun blieb in einer Telefonkonferenz jedoch beharrlich: KPMG habe "ganz klar keinen Beleg" für aufgebrachte Vorwürfe gefunden.